WÜRZBURG

Dunkle Punkte in der Biografie der Bilder

Beatrix Piezonka erforscht seit November 2013 im Museum im Kulturspeicher die Herkunft der Bilder. Wichtig bei ihrer Arbeit ist jedoch nicht deren Vorderseite, vielmehr die Rückseite. Foto: Patty Varasano

Die Schrift ist kaum lesbar. „Man muss schon sehr genau hinschauen“, sagt Beatrix Piezonka. Die Provenienzforscherin im Museum im Kulturspeicher Würzburg hat das getan. „Cassierer“ steht oben auf der Rückseite des Rahmens. Daneben die Adresse: Branitzerplatz 1.

Der unbekannte Schreiber hat sich vertan. „Cassirer“ müsste es heißen. Name und Adresse sind wichtige Hinweise bei der Suche nach der lückenlosen Herkunft (Provenienz) des Kunstwerks. Auf der Vorderseite ist das „Bildnis eines bärtigen Mannes“ zu sehen. Max Slevogt hat es 1902 gemalt.

Kulturspeicher setzt mit neuer Ausstellung die Aufarbeitung seiner Geschichte fort

Seit November 2014 untersucht die Historikerin den Sammlungsbestand der Städtischen Galerie im Kulturspeicher nach belastetem beziehungsweise im Zuge der Verfolgungen während der NS-Zeit entzogenem Kulturgut. Leitfragen sind: Musste es unter Zwang und damit meist unter Wert verkauft werden? Wurde es aus jüdischen Haushalten geraubt, jüdischen Mitbürgern abgepresst?

Nun präsentiert Beatrix Piezonka zusammen mit der stellvertretenden Museumsdirektorin Henrike Holsing die Ergebnisse ihrer Forschungen anhand von 20 Fallbeispielen in der Ausstellung „Herkunft & Verdacht“. Vorgestellt werden unbelastete Werke, noch nicht zweifelsfrei gelöste Fälle und hochbrisante Bilder. Das Museum setzt laut Holsing mit dieser Präsentation die mit der Ausstellung „Tradition & Propaganda“ 2013 begonnen Aufarbeitung seiner Geschichte in der NS-Zeit fort.

Provenienzforschung will NS-Verfolgten Geschichte und Würde zurückgeben

Es gibt viele Informationen, etwa zur Zeitgeschichte – zur antijüdischen Gesetzgebung, die Entrechtung und Beraubung erst möglich gemacht hat. Es werden die wichtigsten Quellen zur Provenienzforschung vorgestellt wie Inventar- und Rechnungsbücher und mit Notizen versehene Auktionskataloge. Und es werden besondere Kunstgeschichten erzählt: über Gründungsdirektor Heiner Dikreiter, über Profiteure und Geschädigte, über den Kunsthandel in der NS-Zeit, über Kunstsammler und Kunstfreunde. Ein Anliegen ist auch, „den NS-Verfolgten ihre Geschichte und ihre Würde zurückzugeben“, schreibt Beatrix Piezonka im exzellent aufbereiteten Katalog zur Ausstellung.

Zurück zu Slevogt: Nicht das Motiv des bärtigen Mannes, auch nicht das Entstehungsjahr des Bildes sind verdächtig, auch nicht der Künstler. Es ist das Kaufdatum. Heiner Dikreiter hat das Werk 1944 für die Städtische Galerie erworben – in der NS-Zeit.

Höchstwahrscheinlich vier Werke gelten als NS-Raubkunst

Im Fokus der Provenienzforschung im Museum Kulturspeicher, der Nachfolgeinstitution der Städtischen Galerie, stehen die Werke, die seit der Gründung 1941 bis zum Ende des Nazi-Regimes 1945 angekauft wurden. Heiner Dikreiter konnte aus dem Vollen schöpfen. 5178 Werke gelangten in dieser Zeit in die Sammlung. Beatrix Piezonka hat sich auf die Gemälde konzentriert und 227 näher untersucht. 59 gelten als unbedenklich. Bei 165 Bildern ist die „Biografie“ des Kunstwerks lückenhaft. „Drei, höchstwahrscheinlich vier, gelten als NS-verfolgungsbedingt entzogen“, so Piezonka – neben dem „Bildnis eines bärtigen Mannes“ sind das die beiden Bilder „Meereswelle“ und Sonnenuntergang“ von Karl Heffner sowie „Die Hinrichtung der Grafen Egmont und Hoorn“ von Ferdinand von Rayski.

Die Recherche ist meist sehr zeitintensiv. Wer Herkunft erforscht, braucht Geduld, einen detektivischen Spürsinn – und gute Augen. Nicht die Schönheit eines Kunstwerks, die Schauseite steht im Fokus, sondern die Rückseite. Die sogenannte Objektautopsie ist neben der Suche in schriftlichen Quellen unerlässlich und kann entscheidende Hinweise geben – wie die Rückansicht des Slevogt-Gemäldes.

Wiedergutmachungsakten und Rechnungsbücher helfen bei der Suche

Mit den Hinweisen „Cassierer“ und „Branitzerplatz 1“ begann die Suche nach der Herkunft. „Cassierer“ steht für Bruno Cassirer. Er war in Berlin ein bekannter jüdischer Verleger und Galerist.

Im erhaltenen Rechnungsbuch des Künstlers ist das Werk aufgelistet, dort mit dem Titel „Pater Nivard“. Slevogt hat es 1916 an Bruno Cassirer verkauft. In einer Biografie zu Slevogt fand Piezonka nähere Angaben zu Nivard, in anderen Büchern eine frühe Abbildung des Bildes. Sie konnte den bärtigen Mann als Pater Nivard identifizieren.

Die Lebensgeschichte Bruno Cassirers ist bekannt. Beatrix Piezonka fasst sie im Katalog kurz zusammen: 1938 floh er nach England, sein Vermögen wurde beschlagnahmt und 1941 als „dem Reich verfallen“ erklärt. 1944 fand die vom Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg angeordnete Versteigerung der Kunstgegenstände statt. Die Auktionsprotokolle haben sich erhalten. Sie führen vier Bilder von Max Slevogt auf. Drei davon wurden von „Gurlitt Bad-Aussee“ erworben – auch das „Bildnis des bärtigen Mannes“?

Geschäfte unter Freunden: Heiner Dikreiter und Wolfgang Gurlitt

Schließlich fand Beatrix Piezonka heraus, dass Cassirer das Bild kaum freiwillig verkauft hat. Es wurde NS-verfolgungsbedingt entzogen, weil es in der Wiedergutmachungsakte beziehungsweise der Vermögenschätzliste Cassirers aus dem Jahr 1938 auftaucht.

Heiner Dikreiter hat den „Bärtigen“ vom umstrittenen Berliner Kunsthändler Wolfgang Gurlitt 1944 erworben. Der war ein Cousin von Hildebrand Gurlitt, dessen Sammlung gerade im Martin-Gropius-Bau im Berlin in der Ausstellung „Bestandsaufnahme Gurlitt“ beleuchtet wird. Beide Gurlitts haben mit den Nazis Geschäfte gemacht.

Heiner Dikreiter und Wolfgang Gurlitt verband ein freundschaftliches Verhältnis; zeitweise wohnte Gurlitt in Würzburg. Ob beide wussten, dass das Slevogt-Werk einst Cassirer gehörte und er es zwangsweise in Berlin zurückgelassen hatte? Es ist zu vermuten.

Dikreiter-Expertin Henrike Holsing macht sich nun auf die Suche nach den Erben – nicht nur bei diesem Bild. Die Stadt Würzburg hat beschlossen, dass NS-Raubkunst zurückgegeben wird.

Angebote rund um um die Ausstellung

Das Begleitprogramm zur Ausstellung „Herkunft & Verdacht. Provenienzforschung am Museum im Kulturspeicher – Die Zugangsjahre 1941 bis 1945“ ist umfangreich.

Kuratorenführungen: Am 16. September, 11.15 Uhr, sowie zum Ende der Ausstellung am 24. Februar 2019, 11.30 Uhr, gibt Beatrix Piezonka Einblicke in ihre Arbeit.

Podiumsdiskussion: Am 24. Januar 2019 sprechen ab 19 Uhr die Provenienzforscherinnen Magdalena Bayreuther (Museum für Franken, Würzburg), Sibylle Ehringhaus (Museum Georg Schäfer, Schweinfurt) und Beatrix Piezonka (Museum im Kulturspeicher Würzburg) mit Sybille Linke, Leiterin des Fachbereichs Kultur der Stadt Würzburg, über „Recherche ganz nah“.

Vortrag: Am 14. Februar 2019 verrät ab 19 Uhr Christine Bach (Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern) neue Erkenntnisse aus der Erforschung der unterfränkischen Gestapo-Akten.

Filme zum Thema im Central im Bürgerbräu Würzburg: 14. Oktober, 11 Uhr/18. November, 16 Uhr: Die Frau in Gold (GB 2015): Am 29. Oktober, 18.15 Uhr, und 10. Dezember, 16 Uhr: The Monuments Men (USA 2014).

Öffnungszeiten: Dienstag 13 bis 18, Mittwoch 11 bis 18, Donnerstag 11 bis 19 Uhr. Freitag, Samstag, Sonntag 11 bis 18 Uhr.

Recherche im Internet: Die Werke in der Städtischen Sammlung mit ungeklärter Herkunft sind auf der Lost-Art-Datenbank einsehbar: www.lostart.de

Nachfolgeprojekt: Die Arbeit von Provenienzforscherin Beatrix Piezonka ist noch nicht beendet. Sie untersucht nun die Werke, die von 1946 bis 1975 für die Städtische Sammlung erworben wurden. cj

Henrike Holsing, stellvertretende Direktorin des Museums im Kulturspeicher Würzburg und Heiner-Dikreiter-Expertin, sucht nach den Erben der Bilder, die in der NS-Zeit ihren Besitzern geraubt oder unter Zwang entzogen wurden. Foto: Patty Varasano

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