WÜRZBURG

Ein Requiem auf der Höhe der Zeit

Die Frage, wie ein Mozartfest des Jahres 2015 mit einer Totenmesse von 1791 umgehen sollte, stellt sich. Mozarts Requiem lief bereits auf der Beerdigung von Napoleon, es lief zum Gedenken von Karl Marx, und ihr Schöpfer war eh davon ausgegangen, dass sein Requiem ihn beim Komponieren gleich mitmeucheln würde – was zeitlich ja im Nachhinein zutraf.

Wer so viel an Drama, Pathos, Schwere und Trauer nachempfinden möchte, muss nur Leonard Bernsteins 1989er-Einspielung aus Diessen am Ammersee ein paar Wochen vor dessen eigenem Ableben anhören – Bernstein walzt die Sache auf über eine Stunde Länge aus und dehnt das „Lacrimosa“ als zentrales Tränenmotiv auf fast sechs Minuten fein-herber Dauer.

Natürlich gibt es auch andere Ansätze, die weniger die Traurigkeit beschwören als eher den spirituellen Charakter in einem hellen, strahlenden, hoffnungsvolleren Gewand: So kommt etwa Roger Norrington beim „Lacrimosa“ 1998 als gegen den Strich bürstender Gegenpol gerade mal auf zweieinhalb Minütlein, insgesamt auf 50.

Matthias Beckert, der Leiter des immer besser in Erscheinung tretenden, immer positiver auffallenden Würzburger Monteverdichors, gab sich beim Mozartfest-Heimspiel mit dem Requiem zwar erwartungsgemäß mehr als Norrington denn als Bernstein. Er wählte ein beherzt vitales Tempo und eine luftig angenehme, nie dick aufgetragene Instrumentalbegleitung durch die Berliner Akademie für Alte Musik aus. Doch sobald sich die Gelegenheit bot, dem Bernstein-Schönklang anheimzufallen, nutzte Beckert die Chance, zwischen den beiden Welten zu vermitteln.

Ein Höhepunkt der Saison

Mit flammenden Crescendo-Steigerungen und satten Tutti-Passagen traf er ins Herz, ohne es in Sachen Pathos zu übertreiben. Und deswegen erlebten die 650 Zuhörer in der mitsamt Nebenplätzen restlos gefüllten Neubaukirche ein Requiem auf Höhe der Zeit, ein „Lacrimosa“ von dreieinhalb Minuten, stilvoll erhaben, nicht sentimental verkleistert – ganz gewiss ein Höhepunkt der laufenden Mozartfest-Saison, für den es nach einer halben Minute der allgemeinen Ergriffenheit minutenlang herzlichsten Beifall gab.

Interpretatorisch überzeugte dabei vor allem der gut 60-köpfige Chor, der durch alle Stimmlagen hindurch brillant intonierte und herrlich harmonierte, die Strömungen Mozarts wellengleich transformierte – und die Solisten perfekt einband, als seien sie im Chor eingebettet: Für Anna Nesyba (Sopran), Nora Meyer (Alt), Tilman Lichdi (Tenor) und Jens Hamann (Bass) war es ein künstlerisch angenehmer Abend.

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