MEININGEN

Erntedankhüpfen im Pfarrgarten

Who is who? – Gruppenbild mit Dame, zwei falschen und einem echten Pfarrer. Von links Evelyn Fuchs, Yannick Fischer, Renatus Scheibe und Peter Liebaug.
Who is who? – Gruppenbild mit Dame, zwei falschen und einem echten Pfarrer. Von links Evelyn Fuchs, Yannick Fischer, Renatus Scheibe und Peter Liebaug. Foto: Marie Liebig

Fünf Türen auf der Bühne – das dürfte genügen, um in der vielgespielten Farce des Briten Philip King, „Lauf doch nicht immer weg!“, für dauerhafte Frischluftzufuhr bis hinein in den Zuschauerraum zu sorgen. Dem steten Wachstum der Verwirrung im richtigen Leben hält das Meininger Theater augenblicklich gleich drei Komödien entgegen. In denen geht es zwar ebenfalls drunter und drüber, allerdings für's Publikum überschaubarer als in der Realität.

Neun Akteure bevölkern in dem 1945 uraufgeführten Stück die Bühne, darunter fünf Schauspieler in der Rolle von Geistlichen, drei echten und zwei falschen. Und alle zeigen sich nicht gerade von ihrer honorigsten Seite. Ständig rotieren die Personen um sich selbst, was – dem Genre gemäß – nicht der Wahrheitsfindung dient, sondern immer weiter in die Irre führt. Leerlauf wäre zudem tödlich in einer Farce wie dieser, die von völlig überzeichneten Charakteren lebt, von einem perfekt getakteten Rhythmus und von einem sich bis zum Chaos ausbreitenden Geflecht aus Täuschungen und Wendungen. Nur die Zuschauer scheinen den Überblick zu wahren, wenn sie nicht gerade – wie in Meiningen – durch Lachanfälle aus der Fasson geraten. Türen gehen auf und zu, Menschen tauchen auf und verschwinden, stolpern, bleiben liegen, rappeln sich hoch, lallen, dozieren, wundern sich, hoppeln wie Hasen durch Haus und Garten, jagen sich gegenseitig und nennen das Ganze „Erntedankhüpfen“.

Das System funktioniert in der Meininger Inszenierung von Lars Wernecke ausgezeichnet, in einem luftig lindgrünen „Living Room“-Ambiente des bewährten Ausstatterpaars Annette Zepperitz und Bernd-Dieter Müller, mit herrlichem Ausblick in den Pfarrgarten. Das System funktioniert, dank eines gut aufeinander eingestimmten Schauspielerteams, das auf die Sekunde genau die fünf Ein- und Ausgänge, inklusive der Doppeltüren eines Wandschranks, zu nutzen weiß.

Die turbulente Verwechslungskomödie eröffnet schräge Blicke in das Leben in einem britischen Provinzpfarrhaus im Jahr 1942. Die Irrungen und Wirrungen, die der verklemmte Pfarrer Toop (Sven Zinkan) und seine lebenslustige Frau Penelope (Evelyn Fuchs), einer ehemaligen Schauspielerin, heimsuchen, haben ein wenig mit dem Krieg zu tun – ein entflohener deutscher Kriegsgefangener (Peter Liebaug) taucht auf –, mehr jedoch mit der grassierenden Scheinheiligkeit.

Die verkörpert der Charakter der bigotten Miss Skillon (Ulrike Walther) par excellence. Die jungfräuliche Lady im reiferen Alter bringt, neben dem Hausherrn, einen bestellten Aushilfspfarrer (Renatus Scheibe), einen britischen Soldaten und ehemaligen Kollegen Pamelas (Yannik Fischer), ja sogar einen leibhaftigen Bischof (Michael Jeske), in arge Nöte. Und weil im anschwellenden Tohuwabohu eine hochneurotische Provokateurin nicht genügt, stellt ihr der Autor noch eine Gegenspielerin zur Seite, das burschikos-trampelige Hausmädchen Ida (Carla Witte).

Das Menschliche, allzu Menschliche nimmt der britische schwarze Humor nicht selten herrlich bissig auf die Schippe. In Kings Farce geht es allerdings nicht um Tiefsinn oder Sarkasmus, dafür aber um Typenkarikaturen, um Situationskomik, um Verwechslung und Verwandlung, um Rhythmus, Timing und Geschwindigkeit, eingebettet in eine ganze Menge Klamauk.

Leider gehen in Meiningen die satirisch-ironischen Untertöne des Stückes – das, was man gemeinhin „sophisticated“ nennt – schnell in Jux und Tollerei verloren.

Bei aller Liebe zur komödiantischen Dynamik, zur Langstreckentauglichkeit, Spielfreude und Wortschwallakrobatik der Meininger Akteure: Eine Nuance Hüpfen, Stolpern, Fallen und gegenseitiges Hasch-mich weniger und man wäre nicht nur bei den versprochenen zwei Stunden und fünfzehn Minuten Spielzeit geblieben, sondern hätte die Inszenierung Geistlichen sogar als Crashkurs in Sachen „Sich-nicht-zu-Ernstnehmen – leicht gemacht“ empfehlen können. Aber eh man sich versieht, geht dieser Gedanke bereits im Gelächter, Gekicher und Geschmunzel des Publikums unter.

Vorstellungen: 21. März, 19:30 Uhr, 2. April, 15 Uhr, 28. April, 19:30 Uhr, 4. Mai, 19:30 Uhr, 13. Mai, 15 Uhr. Kartentelefon 03693-451 222. www.meininger-staatstheater.de

Noch geht alles seinen gewohnten Gang im Pfarrhaus. Aber Pfarrer Toop (Sven Zinkan) scheint bereits zu ahnen, dass ihm und seiner lebenslustigen Gattin (Evelyn Fuchs) ein wüster Tag bevorsteht.
Noch geht alles seinen gewohnten Gang im Pfarrhaus. Aber Pfarrer Toop (Sven Zinkan) scheint bereits zu ahnen, dass ihm und seiner lebenslustigen Gattin (Evelyn Fuchs) ein wüster Tag bevorsteht.

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