Stadtlauringen

Eschenau-Skandal inspiriert Renate Eckert zu Thriller

Renate Eckert mit ihrem neuen Thriller "Schweigegebot".   Foto: Anand Anders

In einem hübschen, kleinen Dorf wird eine junge Frau sexuell missbraucht. Es fing an, als sie ein Kind war. Einige wissen es, manche ahnen es – auch, dass sie nicht die einzige ist. Der großen Mehrheit ist das allerdings egal. Die Leute wollen nicht, dass ihr hübsches, kleines Dorf in schlechtes Licht gerät. Oder gar in die Schlagzeilen. Viele sind überzeugt, dass die junge Frau das irgendwie verdient oder herausgefordert hat – mit ihrer Kleidung, ihrem Verhalten zum Beispiel. Sie sehen kein Oper, sondern eine Täterin. Oder, in ihren Worten: eine Schlampe.

Pfarrhofen hat Renate Eckert  (73) aus Stadtlauringen  im Landkreis Schweinfurt dieses Dorf in ihrem neuen, vierten  Buch  "Schweigegebot " genannt. Dieses Pfarrhofen ist ein Produkt ihrer Fantasie. Inspiriert wurde der Kriminalroman aber vom Missbrauchskandal in Eschenau (Lkr. Haßberge).  2007 war herausgekommen, dass sich ein Mann dort jahrelang an Kindern vergangen hatte. Und wie in Pfarrhofen wurden die Opfer zu Täterinnen gemacht, richtete sich der Dorfzorn gegen die, die den Missbrauch anprangerten, was schließlich dazu führte, dass der Kinderschänder zu vier Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt wurde. 

"Pfarrhofen ist überall, es ist ein Archetyp", sagt Renate Eckert. "Das muss man laut und deutlich sagen." Vom Mittelalter , in dem Frauen als Hexen verbrannt wurden, wenn sie zu hübsch waren, bis zur modernen Hexenjagd auf Frauen, die nach landläufiger Meinung ihr Unglück selbst herausgefordert haben, habe sich nicht viel geändert, sagt die Autorin. Das macht sie wütend.  Genau wie die  Tatsache, dass sich der Hass damals gegen den BR-Reporter richtete, der die Sache öffentlich gemacht hatte. "Er wurde regelrecht aus dem Dorf geschmissen."  

"Die Rolle von ehrlichen Medien ist nicht hoch genug einzuschätzen."
Renate Eckert

Eckert, die vor ihrer Zeit als Pressesprecherin und Frauenbeauftragte am Landratsamt Schweinfurt auch Mitarbeiterin dieser Redaktion war, will mit  ihrem Buch auch zeigen, wie wichtig Journalismus ist. "Die Rolle von ehrlichen Medien ist nicht hoch genug einzuschätzen", sagt sie. Jan heißt der Reporter, der in "Schweigegebot" eine wichtige Rolle spielt. Renate Eckert benutzt ihn, um journalistisches Berufsethos zu zeigen.  Wie weit gehen? Was veröffentlichen? Jan wägt ab. Vor allem, als er sehr, sehr persönlich in die Sache involviert wird.

Spannung halten. Das ist Renate Eckert wichtig. "Jeder kann alles sein" – so legt sie ihre Figuren an. Auch wenn sie als erstes überlegt, wie der Roman ausgehen wird. "Das Ende steht als erstes fest."  Spannend ist das Buch in der Tat – und voller Überraschungen. Eckert legt in bester Schweden-Krimi-Manier einige falsche Fährten, denen der Leser gerne folgt. Und wie in jedem guten Krimi wird erst im Nachhinein klar, warum eine Figur sich so verhalten hat, warum sie etwas ganz bestimmtes gesagt hat. Oder warum man niemandem trauen sollte, der so viel Wert auf Fassade legt, dass er zwei Küchen hat – eine für Besuch, eine für den Alltag.    

"Das Buch ist hier verortet, mehr nicht."
Renate Eckert zum Thema Regionalkrimis

Das Buch spielt  im fiktiven Pfarrhofen und im echten Schweinfurt. Als Unterfranken-Krimi oder gar als literarischen Reiseführer will Renate Eckert es nicht sehen. "Das Buch ist hier verortet, mehr nicht." Trotzdem ist es beim Lesen nett, mit den Helden ein paar bekannte Ecken der Stadt zu besuchen.  Einem Ort hat Eckert übrigens ein Denkmal gesetzt: dem Parkhaus Kunsthalle. Nicht nur Krimiautorinnen und ihre Figuren haben offenbar Probleme, den richtigen Ausgang zu finden, wenn sie ins Theater wollen. Das wird manchen Leser trösten, der hier auch schon herumgeirrt ist. 

Eckert hat versucht, sich in die Psyche eines Missbrauchsopfers zu versetzen. Sie versucht aber auch, Phänomene wie Gruppendynamik und Mob-Bildung  in Worte und Handlung  umzusetzen. "Pfarrhofen ist überall", sagt sie nochmal. Deswegen kann sie auch mit einem  Vorwurf leben, der wahrscheinlich  kommen wird:  War es nötig, den Eschenau-Skandal wieder ins Gedächtnis zu bringen? Ja, sagt sie. Er ist nämlich kein Einzelfall. Und wer ein Schweigegebot für eine Lösung hält, schützt die Täter. Nicht die Opfer.  Dagegen schreibt sie an.

Das Buch aus dem mainbook-Verlag kommt am 20. November in die Buchhandlungen. Renate Eckert liest am Mittwoch, 27. November, um 19.30 Uhr in der Buchhandlung Collibri in Schweinfurt (Marktplatz) aus "Schweigegebot".

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