Exklusiv-Interview mit Mark Knopfler über Olympia, Dinos und Selbstzweifel

Mark KnopflerAls Kopf der britischen Rockgruppe Dire Straits schrieb er Musikgeschichte. Im Interview spricht Mark Knopfler, soeben 60 Jahre geworden, über Olympia, Dinosaurier, Glücksspiel – und Selbstzweifel.
„Ich will fürs nächste Jahrzehnt gewappnet sein. Das ist die beste Art, mit dem Alter umzugehen“: Mark Knopfler. Foto: FOTOs dpa (2), POLYSTAR

Auch mit 60 gibt Mark Knopfler den kreativen Tausendsassa, der nichts mehr fürchtet als Stagnation. Von einer Wiedervereinigung der Dire Straits will er nichts wissen.

Frage: Sie sind im August 60 geworden, wie gehen Sie mit dem Alter um?

Mark Knopfler: Damit habe ich kein Problem. Ich vergesse ja oft, wie alt ich bin. Es ist schon vorgekommen, dass ich in den Urlaub nach Griechenland geflogen bin und meinen Geburtstag vergessen habe. Keine große Sache. Das Einzige, was wichtig ist, ist, stark genug für den neuen Lebensabschnitt zu sein. Was ich mit 60 bin. Das will ich auch von mir sagen können, wenn ich 70 werde. Ich will fürs nächste Jahrzehnt gewappnet sein. Das ist die beste Art, mit dem Alter umzugehen.

Hand aufs Herz: Fühlen Sie sich nicht manchmal wie ein Rock-Dino – wie diese Riesenechse, die von einem Forscherteam nach Ihnen benannt wurde: der Masiakasaurus knopfleri?

Knopfler (lacht): Ich hatte ganz vergessen, was das für einer ist, und ich weiß auch nicht wirklich viel über die Sorte, die sie nach mir benannt haben. Das muss ich zu meiner Schande gestehen. Aber es bedeutet so viel wie „wütende Eidechse“. Und meine Kinder hielten das für toll. Natürlich standen sie auf Dinosaurier – wie alle Kinder. Und wenn Du so viele Kinder hast wie ich, dann musst Du ziemlich oft ins Naturkundemuseum.

„So ist das halt bei mir: Ich bin immer 20 Jahre zu spät dran.“

Mark Knopfler

Ihr neues Album steht ganz im Zeichen des Glücksspiels – ist Mark Knopfler ein Zocker?

Knopfler: Irgendwie strebt heutzutage jeder danach, glücklich zu werden. Das ist zur Sucht geworden. Wobei ich aber nicht so sehr an Casinos gedacht habe, eher an das Leben an sich. Momentan können die Leute gar nicht genug Glück haben in unserer politischen wie wirtschaftlichen Situation. Und deswegen ist das Glücksspiel, also der Versuch, mit minimalem Einsatz große Gewinne zu erzielen, ja auch so attraktiv. Deshalb fühlen sich davon so viele Leute angezogen. Und obwohl ich selbst nicht spiele, habe ich mir eine Menge dieser Pokerspieler angesehen. Diese Las-Vegas-Tiere, die wie Heuschrecken über den Ort herfallen. Einige davon sind einfach unglaublich. Richtig irre Charaktere, was eine starke Faszination auf mich ausübt.

Ein Sinnbild unserer Ohnmacht: der Versuch, die Krise so zu meistern, mit Glück statt Know-how?

Knopfler: Zumindest kommt es so rüber, weil das ja boomt wie nie zuvor. Wobei da noch eine andere Komponente hineinspielt: die ganzen Einrichtungen, die die Einkünfte aus dem Lotteriespiel nutzen, um damit öffentliche Projekte zu finanzieren. Was eine absolut groteske Vorstellung ist. Da wird gespielt, um Sachen zu schaffen, für die sonst kein Geld da wäre. Wie der Battersea Park hier in London, direkt vor meiner Haustür. Der existiert einzig und allein durch Lotteriegelder. Er ist kein königlicher Park, und er wird auch nicht von der Stadt getragen, weil kein Geld dafür vorhanden ist. Aber durch die Lotterie-Einnahmen ist da etwas passiert. Er ist so gepflegt wie nie zuvor. Doch was passiert? Wegen der Olympischen Spiele 2012, dieser lächerlichen Veranstaltung, die wir hier wirklich nicht brauchen, sollen die Gelder in den nächsten Jahren anderweitig verwendet werden. Was absoluter Blödsinn ist. So eine Veranstaltung kostet Milliarden, das lässt sich nicht stemmen, wenn man offiziell kein Geld hat. Aber darüber hat Ken Livingston, unser Bürgermeister, scheinbar noch nicht nachgedacht.

Wann waren Sie zum letzten Mal glücklich?

Knopfler: Oh, ich denke, ich bin allgemein sehr glücklich. Gerade, was die Aufnahmen zum neuen Album betrifft, also das Wählen der richtigen Songs, die Ausarbeitung, die Sessions mit der Band, das hat wunderbar funktioniert. Völlig problemlos. Und das Album hat eine ausgewogene Balance. Genau wie ich selbst. Und ich bin sehr glücklich mit dem Studio, das ich gebaut habe.

Sie meinen die British Grove Studios?

Knopfler: Richtig. Es ist ein Vergnügen, da zu arbeiten. Ich hätte das schon vor Jahren machen sollen. Aber das ist typisch für mich: Ich bin einfach wahnsinnig langsam. Und wenn ich dort arbeite, habe ich nicht ständig das Gefühl, dass man mich bald wieder rausschmeißt, weil meine Zeit abgelaufen ist. Was ebenfalls ein großes Plus ist (lacht). Aber so ist das halt bei mir: Ich bin immer 20 Jahre zu spät dran. Keine Ahnung, warum. Ich war nie von der schnellen Sorte. Egal, worum es geht. Frag meine Frau (lacht).

Haben Sie keine Bedenken, dass Ihr Publikum die immer stärker werdenden gälischen und keltischen Elemente in Ihrer Musik als zu folkloristisch empfinden könnte?

Knopfler: Ach, wenn ich mich immer nur danach richte, was den Leuten gefällt, würde ich wahrscheinlich immer noch mit den Dire Straits spielen (lacht). Aber hey, das ist Vergangenheit, und ich will nicht stehenbleiben, sondern mich weiterentwickeln und auch mal Dinge probieren, die vielleicht für eine gerunzelte Augenbraue, für offene Münder oder auch für den berühmten Scheibenwischer sorgen. Jede Art von Reaktion ist besser als gar kein Feedback zu erhalten. Selbst, wenn es negativ ist. Und – um das jetzt ein bisschen zu relativieren – ich verwende ja auch nur Flöten, keine Dudelsäcke.

John Illsley, der Bassist der Dire Straits, hat Sie neulich auf eine Wiedervereinigung der Dire Straits angesprochen – doch Sie haben abgelehnt. Stimmt das?

Knopfler: Schon, aber ich habe ja erst vor wenigen Wochen mit John gespielt. Anlässlich seines 60. Geburtstags, den er mit einer großen Party gefeiert hat. Ich war ebenso eingeladen wie die Jungs von damals, und ich muss zugeben: Es hat mir wahnsinnigen Spaß gemacht, noch mal mit der alten Band zu spielen. Keine Frage. Und ich genieße es auch, die Songs von früher zu bringen, wenn ich jetzt auf Tour gehe. Also die, die ich spiele, finde ich immer noch toll – andere nicht mehr so. „Money for nothing“ kann ich nicht mehr hören. Wohingegen ich „Brothers in Arms“ und „Romeo and Juliet“ mittlerweile sogar noch besser finde als früher. Oder „Sultans of Swing“. Deshalb werde ich diese Songs weiterhin spielen. Zumal ich es lustig finde, dass Sachen, die du damals im Studio frei improvisiert hast, nun ein fester, fast elementarer Bestandteil des Songs geworden sind. Ich kann „Brothers in Arms“ nicht mehr ohne diese ersten vier Noten starten. Ich meine, damals habe ich sie einfach so hinzugefügt, ohne groß darüber nachzudenken. Aber dann werden sie plötzlich zum Grund dafür, warum sich die Leute ein Ticket für Deine Show kaufen – weil sie sehen und hören wollen, wie Du das ganz genau so spielst. Und nichts anderes. Deswegen kannst Du das auch nicht mehr anders bringen.

Unter welchen Bedingungen würden Sie sich noch einmal auf die Dire Straits einlassen?

Knopfler: Die einzige Art, wie man das machen könnte und wie ich es auch wollen würde, wäre im Rahmen einer Benefiz-Aktion. Doch selbst dann wären die Kosten, alles an den Start zu bringen, unglaublich hoch. Für die Proben, die Bühne, das Licht und alles andere. Dann hättest du auch gleich wieder den Druck, bestimmte Sachen spielen zu müssen, nur um das zu finanzieren.

„Ich hatte nie das Gefühl, dass ich besonders gut in dem bin, was ich da tue.“

Mark Knopfler

Und einfach nur zum Spaß – das ginge nicht?

Knopfler: Nein, das wäre unmöglich. Nicht zu machen. Denn neben der ganzen Logistik ist da auch noch der Zeitfaktor, der für mich immer wichtiger wird. Wie viel raubt mir das von dem, was ich als Nächstes machen möchte? Allein deshalb konzentriere ich mich mehr auf das, was vor mir liegt – statt nur zurückzublicken.

Sie reden seit Jahren davon, mal was ganz anderes machen, mit der eigenen Routine brechen zu wollen. Wird es je soweit kommen?

Knopfler: Was soll ich sagen . . . Ich hatte eigentlich nie das Gefühl, dass ich besonders gut in dem bin, was ich da tue. Und deswegen kommt es mir bei irgendwelchen Anfragen auch immer so vor, als ob sie da den Falschen angehen, als ob sie sich verwählt hätten. Etwa als neulich diese Offerte kam, einen Film über den spanischen Bürgerkrieg zu vertonen. Also dafür fühle ich mich nun wirklich nicht qualifiziert. Auch wenn es natürlich ein schönes Kompliment ist, dass sie ausgerechnet an mich gedacht haben. Aber es gibt wunderbare Leute da draußen, die das viel besser können, die auf der Musikschule waren und genau wissen, worauf es ankommt. Die sogar Orchestrierungen studiert haben. Nimm Matt Rollings, den Pianisten meiner Band. Der ist gerade in Kalifornien und vertont einen großen Hollywood-Film. Der kriegt wirklich alles hin. Er ist ein richtiger Meister-Pianist. Das ist die Sorte Musiker, die Du brauchst, um den Job vernünftig zu erledigen. Jemanden, der sich auskennt. Aber nicht so ein Hobby-Gitarrist wie ich, der gerade mal ein paar Folk-Songs schrammelt.

Sie sind Ehrendoktor der Musik der Universität von Sunderland, ganz so schlecht können Sie also gar nicht sein . . .

Knopfler: Aber was besagt schon so ein Diplom? Ich habe auch noch eins von der Uni Newcastle und eins von der Uni Leeds, wo ich selbst mal studiert habe. Aber so gut das auch gemeint ist: Ich denke, die liegen da ziemlich falsch. Und ich weiß, was ich sage – ich rede ja von mir (lacht).


Im Blickpunkt
Mark Knopfler und die Dire Straits

Mark Freuder Knopfler, geboren am 12. August 1949 in Glasgow, war Kopf und Gitarrist der Gruppe Dire Straits. Er hat über 120 Millionen Tonträger (Dire Straits und solo) verkauft. 1977 gründete er in London mit seinem Bruder David, dem Bassisten John Illsley und dem Schlagzeuger Pick Withers die Dire Straits. 1978 erschien das erste Studioalbum, das mit „Sultans of Swing“ auch den ersten Hit enthielt. 1991 kam das sechste und letzte Album („On Every Street“) heraus. Knopfler plant für Anfang nächsten Jahres eine Deutschland-Tournee. Er lebt mit seiner Frau Kitty Aldridge, einer englischen Schauspielerin, und seinen Töchtern Isabella (geboren 1998) und Katya (2003) in Notting Hill. Aus erster Ehe hat er die Zwillinge Benji und Joseph (1987). Als Forscher 2001 auf Madagaskar Knochen eines bis dahin unbekannten Dinosauriers ausgruben, hörten sie gerade Musik von Mark Knopfler – das brachte sie auf die Idee den 65 Millionen Jahre alten Dino Masiakasaurus knopfleri zu nennen.

Cover des neuen Albums.
Der Masiakasaurus knopfleri.

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