Würzburg

Familie als Drama: Letzte Saison im alten Mainfranken Theater

Die kommende Spielzeit ist die letzte im alten Gebäude. Dann zieht das Mainfranken Theater um. Wie der Intendant noch einmal möglichst viele Besucher ins Haus holen will.
Intendant Markus Trabusch: "Von Glück lässt sich auf der Bühne nicht dauerhaft erzählen." Foto: Thomas Obermeier

Bis die Sanierung das Gebäude des Mainfranken Theaters zum Ende der kommenden Saison fürs erste unbespielbar macht, will Intendant Markus Trabusch noch einmal möglichst viele Menschen ins Haus holen – mit einem zugkräftigen Spielplan 2019/2020: "Damit sie nochmal den etwas heruntergerockten Charme der 60er Jahre erleben können." Tatsächlich hat das Haus mit "Rigoletto", "Rheingold" oder "Kabale und Liebe" einige Hits im Programm.

Bereits Ende Juli 2020 beginnt der Umzug in diverse Ersatzquartiere. Es wird deshalb eine verkürzte Spielzeit, allerdings mit der üblichen Anzahl an Neuproduktionen: fünf Premieren plus eine Wiederaufnahme ("Hänsel und Gretel") im Musiktheater, fünf im Schauspiel, drei  im Tanz. Das kleine Haus, also der Neubau mit der kleine Bühne mit etwa 320 Plätzen werde zu Beginn der Spielzeit 2020/2021 wohl noch nicht verfügbar sein. Trabusch hofft auf eine Eröffnung im Laufe des Winters.

Operndirektor Berthold Warnecke zum Thema Liebe, Hass und Eifersucht in der Oper: "Das passt ganz wunderbar." Foto: Thomas Obermeier

So gut wie gelöst sei die Frage nach einer großen Ausweichspielstätte, wo in der übernächsten Spielzeit vor allem Musiktheater stattfinden wird. "Da sind wir kurz vor der Finalisierung", sagt Trabusch beim Pressegespräch im Würzburger Burkardushaus, ohne allerdings Näheres verraten zu wollen. Nur so viel: "Es gibt in Würzburg durchaus Hallen, die man bisher nicht so auf dem Schirm hatte."

Wagners "Ring" als größtes Familiendrama der Kulturgeschichte

Aber zurück zur kommenden Spielzeit: Nach Saisonthemen wie "Religion" und "Heimat" wendet sich das Theater nun dem innersten Kern der Gesellschaft zu: "Familienbande", heißt diesmal der rote Faden. Entstanden sei die Idee, als die Öffentlichkeit über die Frage des Familiennachzugs für Flüchtlinge debattierte, "und eine Partei mit einem christlichen Namen tatsächlich die Frage stellte: ,Ist das denn so wichtig?'", sagt Trabusch.

Laut Shell-Studie hätten 65 Prozent aller Jugendlichen eine positive Einstellung zum Thema Familie. Familie werde gemeinhin als Punkt des Glücks und des Rückzugs gesehen. Aber: "Von Glück lässt sich auf der Bühne nicht dauerhaft erzählen", so Trabusch und zitiert Tucholsky: "Es wird nach einem Happy End im Film gewöhnlich abgeblendet." Mit gutem Grund, so der Intendant: "Unsere Kernkompetenz liegt beim Konflikt, beim Drama, bei der Auseinandersetzung."

Ballettchefin Dominique Dumais Foto: Thomas Obermeier

Wagners "Ring", dessen Handlung mit dem "Rheingold" einsetzt (14. März 2020), ist, wenn man so will, das größte Familiendrama der Kulturgeschichte. Wie die Oper ohnehin der Ort schlechthin sei für Liebe, Hass und Eifersucht, sagt Operndirektor Berthold Warnecke: "Das passt ganz wunderbar." Aber auch in der ersten Musiktheaterproduktion ist für Drama reichlich gesorgt: "Rigoletto" setzt nach "Nabucco" und "Sizilianische Vesper" ab 12. Oktober die Auseinandersetzung mit Verdi fort – die Oper mit den meisten Hits, bekannt aus der Werbung für Pizza und Eiscreme, vor allem aber die Geschichte eines brillanten Zynikers, der seine Tochter abgöttisch liebt und dennoch ihren Tod verschuldet. Die Titelrolle der Inszenierung von Markus Trabusch wird als Gast Federico Longhi übernehmen, der schon in der "Sizilianischen Vesper" begeistert hatte. 

Im Schauspiel drängt sich Schillers "Kabale und Liebe" förmlich auf

Mit "Evita" (Premiere 30. November, Marzia Marzo in der Titelrolle) gibt es wieder Musical, und mit "Der Goldene Drache" von Péter Eötvös, einer absurden Burleske um einen fauligen Zahn, ein zeitgenössisches Stück (25. Januar). Beide Produktionen wird der neue Erste Kapellmeister Gábor Hontvári dirigieren. Für Berthold Warnecke ist es eines der großen Ziele, einem jungen Publikum, das bisher vor allem "das Regietheater mit all seinen Notwendigkeiten und Auswirkungen" erfahren hat und nur noch die Verfremdung kennt, wieder ein Musiktheater zu erschließen, das auf die "unmittelbare und sinnliche Erfahrbarkeit" einer Geschichte setzt, die durch Musik erzählt wird. 

Im Schauspiel drängt sich zum Thema "Familienbande" Schillers "Kabale und Liebe" förmlich auf (ab 28. September). Es ist die Geschichte einer unstandesgemäßen Liebe, die standesgemäß mit dem Tod beider Liebender endet. Man müsse bei jedem Klassiker die Frage stellen, welche Relevanz er heute noch habe, sagt Markus Trabusch. Die Antwort müsse jede Inszenierung aufs Neue geben. Im Falle der "Kabale" sieht der Intendant Parallelen zu Konstellationen im Hier und Jetzt. So habe er erlebt, wie sich die Tochter von Bekannten, eines Ärztepaares, in einen Geflüchteten verliebt habe, der kaum lesen konnte. "Da kamen die Eltern an ihre Grenzen."

Konzertdramaturgin Beate Kröhnert Foto: Thomas Obermeier

"Kabale und Liebe", inszeniert von Marcel Keller („Die Csárdásfürstin“ 2017),  wird in historischen Kostümen stattfinden. Und auf abstrakter Bühne, "die aber nicht so tut, als ob das Stück heute spiele", sagt Trabusch. Wie das Publikum ohnehin möglichst selbst den Transfer zwischen historischer Handlung und Gegenwart machen könne und solle: "Durch eigenes Hinzutun kann man mehr oder anderes sehen." Ein Prinzip, das auch die beiden Programmbücher für Bühne beziehungsweise Philharmoniker verdeutlichen sollen: Die Fotos darin sind eigenartig gestreift. Wer die beiliegende, ebenfalls gestreifte Folie darüberlegt, kann sich an optischen Effekten wie Überblendungen oder bewegten Bildern erfreuen.

Auch die Philharmoniker haben sich einiges zum Jahresthema ausgedacht

Sigrid Herzog ("Entführung aus dem Serail", "Was ihr wollt") wird eine Dramatisierung von Joseph Roths Roman "Hiob" (15. Februar) inszenieren, der den scheinbar unausweichlichen Zerfall einer Familie schildert. Einen unterhaltsamen Auszug aus dem großen Haus soll schließlich "Pension Schöller" (4. April 2020) bescheren – letzter Versuch einer Komödie in der schwierigen Akustik des Saals. 

Die Tanzcompagnie wird drei Produktionen präsentieren: "Es war einmal...", die erste abendfüllende Choreografie von Artist in Residence Kevin O'Day, befasst sich zu afrikanischen Klängen mit den "universellen Parametern der menschlichen Kultur" (3. November), "#Mythos" von Ballettchefin Dominique Dumais (25. April) knüpft gewissermaßen daran an, indem es die Welt der Mythen und Märchen erkundet. "Naked" wiederum, Neueinstudierung einer Mannheimer Arbeit von Dumais (31. Januar), versucht, unter die Oberfläche zu dringen – die Oberfläche der Haut, die Oberfläche unserer vermeintlichen Bedürfnisse.

Obwohl Trabusch, wie er zugibt, bei der Wahl des Jahresthemas gar nicht über Musik nachgedacht hat, haben die Philharmoniker einiges gefunden, was sich passend einordnen lässt, wie Konzertdramaturgin Beate Kröhnert versichert. Ein Wagner-Programm zu Beginn der Spielzeit etwa (24. und 25. Oktober), mit Werken von Vater Richard, Sohn Siegfried und Schwiegervater beziehungsweise Großvater Franz Liszt, zwei Versionen des "Pelléas et Mélisande"-Stoffs (Fauré und Debussy, 26. und 27. März) oder zwei "Romeo und Julia"-Vertonungen (Tschaikowsky und Prokofjew, 25. Juni).

Die komplette Spielzeit 2019/2020 des Mainfranken Theaters ist im Netz unter www.mainfrankentheater.de einsehbar.

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