Würzburg

Ferdinand von Schirach und sein 08/15-Mercedes

"Wir leben nur einen Wimpernschlag": Der Bestsellerautor liest im Mainfranken Theater aus "Kaffee und Zigaretten", seinem bislang persönlichsten und schonungslosesten Buch.
Ferdinand von Schirach bei einem Auftritt im Rahmen des Literatur-Festivals Lit. Cologne im März Foto: Henning Kaiser, dpa

Es lohnt sich, den Autotyp zu googeln, von dem Ferdinand von Schirach sich ein Exemplar aus dem Jahr 1972 hat restaurieren lassen: einen Mercedes "Strich 8". Weil es einiges über den Auftraggeber aussagt. Oder auch gar nichts. Das ist das Faszinierende und auch ein wenig Irritierende an Ferdinand von Schirach: Seine Texte dringen direkt ins Innerste des Lesers vor, ihr Schöpfer müsste diesem also in irgendeiner Form verwandt sein. Und doch ist nichts an der Person Ferdinand von Schirach, das zu Vertraulichkeit oder gar Verbrüderung einlädt.

Immerhin das wissen wir: Einen Mercedes "Strich 8" fährt er. "Er sieht so aus, wie Kinder ein Auto oder einen Hut zeichnen", schreibt der Bestsellerautor ("Der Fall Collini", "Terror") in seinem neuen Geschichten-Band "Kaffee und Zigaretten" (Luchterhand), aus dem er am Montag, 8. April, im Mainfranken Theater lesen wird. Vor knapp einem Jahr war er schonmal da. Damals las er aus dem Band "Strafe", vor allem aber sprach er, der ehemalige Strafverteidiger, über den Strafprozess gegen Sokrates. Der „hinreißend arrogante“ Zweifler hätte davonkommen können, aber Sokrates verteidigte sich bewusst nicht rechtlich, sondern philosophisch. Von Schirach: „Und das geht meistens schief.“ Diesmal wird Intendant Markus Trabusch den Abend moderieren und ein Gespräch mit dem Autor führen.

Die Erzählung einer tristen Jugend im Schnelldurchlauf

Doch zurück zu von Schirachs Auto: Tatsächlich, es sieht einfach nur wie ein Auto aus, es ist der typische, langweilige, grundsolide Mercedes ohne jeglichen Oldtimer-Charme, wie ihn alle Babyboomer in ihrer ganzen Kindheit und Jugend auf Deutschlands Straßen gesehen haben. Also eher kein Gefährt, in das andere einen Haufen Geld für eine Restaurierung stecken würden...

"Kaffee und Zigaretten" sei das bislang persönlichste Buch des 55-Jährigen, heißt es im Klappentext. Was wohl weniger an der Geschichte mit dem Auto liegt, sondern eher an Geschichten wie der ersten im Buch, die in der dritten Person im Schnelldurchlauf eine triste Jugend erzählt. Die von Schirachs, und das Bestürzende daran ist gar nicht so sehr der von Kleist inspirierte Selbstmordversuch, der misslingt, weil der 15-Jährige so betrunken ist, dass er die Waffe nicht geladen hat, sondern der letzte Satz, den der nunmehr junge Erwachse denkt: "Und dann begreift er, dass noch sechzig solcher Jahre vor ihm liegen."

"Kaffee und Zigaretten" ist vielleicht auch von Schirachs schonungslosestes Buch: "Wir leben nur einen Wimpernschlag, dann versinken wir wieder, und in dieser kurzen Zeitspanne können wir noch nicht einmal das scheinbar Einfachste: die Wirklichkeit erkennen." Pessimistisch ist das gar nicht unbedingt. Vielleicht sogar befreiend.

Mainfranken Theater: Ferdinand von Schirach liest aus "Kaffee und Zigaretten". Es moderiert Intendant Markus Trabusch. Montag, 8. April, 19.30 Uhr. 

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