Würzburg

Gerhart Hauptmann und sein "Selbstverrat" an den NS-Staat

Hans Pleschinski beschreibt in"Wiesenstein" die letzten Lebensmonate des schillernden Schriftstellers Hauptmann, der kein Nazi war, sich aber gerne von ihnen hofieren ließ.
Der Autor Hans Pleschinski las in der Würzburger Universitätsbibliothek aus seinem Roman 'Wiesenstein'.
Der Autor Hans Pleschinski las in der Würzburger Universitätsbibliothek aus seinem Roman "Wiesenstein". Foto: Manfred Thomas

Würzburger Germanistikstudenten interessieren sich weder für den Literatur-Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann noch für Hans Pleschinski, einen der besten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Zur Lesung des letzteren über ersteren kam kaum jüngeres Publikum in die Universitätsbibliothek. Dabei konnte man dort Kulturpolitik hautnah erleben. Pleschinski beschreibt in seinem 550-Seiten-Roman "Wiesenstein" die letzten Lebensmonate des schillernden Großschriftstellers Hauptmann, das Weltkriegsende, die Vertreibungen und einiges mehr in einem dramatischen und stark dokumentarischen Panorama.

Er ließ sich von den Nazis hofieren

"Das ist ein europäisches Buch", erklärte der 63-Jährige in der Uni-Reihe "Werkstattgespräche". Pleschinski sieht in Hauptmann einen Kristallisationspunkt auf zahlreichen Ebenen – der Dichter als Symbol. Untergegangen sei Hauptmann "durch seinen Selbstverrat an das Dritte Reich", dessen Machthaber propagierten: "So lange Gerhart Hauptmann in Schlesien ist, ist Schlesien deutsch." Pleschinski zum politischen Hauptmann: "Er war nie Nazi, hat sich aber gern hofieren lassen. Er war vom Leben hin und her gerissen und überreich beschenkt, und jetzt wird ihm die Rechnung präsentiert." Soweit Hans Pleschinski.

"Es wäre wunderbar, wenn Schlesien so eine europäische Kulturregion werden könnte wie das Elsass."
Hans Pleschinski

Eine seiner drei Lesungspassagen vermittelte am Rande einen Eindruck von Schlesien als schöner, reicher, gut erschlossener Landschaft. Eben das bestätigte der recherchestarke Literat im Werkstattgespräch: "Es wäre wunderbar, wenn Schlesien so eine europäische Kulturregion werden könnte wie das Elsass." Zu diesem Zweck benutze er Hauptmann als Vermittler, wenn er in Polen lese. Und das macht Pleschinski oft und gern.

Völkerverbindende Mission des Autors

Dabei war Gerhart Hauptmann nicht der einzige Literat in der Gegend gewesen. Für den Satz, fast alle Barockdichter stammten aus Schlesien, fing sich Hans Pleschinski einen mahnenden Seitenblick des Gastgebers ein, des Germanistikprofessors Stephan Kraft. Der Gast freilich sieht seine völkerverbindende Mission optimistisch fortschreiten, nachdem er bei den dreijährigen Vorstudien für "Wiesenstein" sich "offenen Mundes in diese Höllengeschichten eingelesen" habe: "Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin Ersatzgouverneur von Schlesien."

Reflexion und Anschaulichkeit durchdringen sich in dem biografischen Hauptmann-Roman unauflöslich. Auch dadurch, dass Pleschinskis Stil etwas von der Haltung des 83-jährigen Helden annimmt. Diese Methode ist als Postmoderne zwar auf der Höhe unserer Zeit, macht die Lektüre allerdings seitenweise etwas schleppend.

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