Goethe-und-Schiller-Archiv in Weimar: Ein Haus voll Geist und Tinte

Goethe-und-Schiller-Archiv: Das älteste deutsche Literaturarchiv, in Weimar, ist generalsaniert worden. Es ist hierzulande das Allerheiligste der Literatur. Dort lagern quasi die Urkunden des deutschen Wesens.
Weimarer Klassik: Der Vitrinensaal des restaurierten Goethe-und Schiller-Archivs. Unten im Text: Goethe-Büste
Weimarer Klassik: Der Vitrinensaal des restaurierten Goethe-und Schiller-Archivs. Unten im Text: Goethe-Büste Foto: dpa

Am deutschen Wesen soll die Welt nicht genesen. Aber wer es kennen lernen will, findet im umgebauten Goethe-und-Schiller-Archiv in Weimar dafür notwendige Unterlagen. Es ist nach grundlegender Sanierung nun eine der großen Attraktionen der Klassikerstadt. Ein „Memorialort bedeutender Männer und Frauen“, an dem „Leben und Werk der Protagonisten vergegenwärtigt werden“, wie Hellmut Seemann, Präsident der Klassik Stiftung Weimar, es einmal formuliert hat.

Die thüringische Mittelstadt bei Erfurt, in der Goethe und Schiller gelebt haben und andere Klassiker zu Gast waren, ist nun noch mehr als je zuvor der Ankerort deutscher Kultur. Er beherbergt ihr Allerheiligstes, die Handschriften der deutschen Literatur in Werken und Briefen. Diese Urschriften haben Menschen deutscher Zunge am intensivsten geprägt. Zur Eröffnung des Archivs wurde an alle Gäste das Faksimile einer Reinschrift verteilt, die das frühe Goethe-Gedicht „An den Mond“ von 1777 enthält. Es beginnt mit der Zeile „Füllest wieder's liebes Thal / Still mit Nebelglanz“ und endet mit der Erkenntnis „Breitest über mein Gefild / Lindernd deinen Blick“. Altertümlich der Tonfall, den aber selbst junge Leute auf Anhieb verstehen. Es ist die Sprache der Deutschen.

1896 wurde das Archiv eröffnet. Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach hatte es aus eigenen Mitteln erbauen lassen, Walter Wolfgang von Goethe, letzter Nachfahre der Familie, hatte bereits 1885 das Goethesche Archiv testamentarisch eingebracht, seit 2001 ist der Goethe-Nachlass UNESCO-Menschheitserbe (Fundus Memory of the World). Der Architekt Otto Minckert schuf oberhalb der Steilufer des Flusses Ilm einen Palast im Louis-Seize-Stil, der nach Vorbildern im Garten von Versailles entworfen war. Später kam der Schiller-Nachlass, kamen die Schriften von Büchner, Wieland, Herder, Nietzsche und anderen hinzu. Insgesamt befinden sich mehr als 130 Nachlässe deutschsprachiger Dichter, Philosophen, Komponisten, bildender Künstler und Gelehrter im Haus, dazu 14 Archive (vor allem die der Goethe-Gesellschaft und der Deutschen Schillerstiftung). In der Sammlung an Autografen sind rund 3000 Autoren hauptsächlich des 18. und 19. Jahrhunderts vertreten. Goethes Werk liegt in 143 Bänden vor, alles handgeschriebene Papiere, sie lagern in weiß lackierten Truhen und Wandschränken im Mittelteil des Gebäudes. In DDR-Zeit waren sie Teil der volkseigenen Klassischen Erbestätten und überdauerten vorwiegend in Kellermagazinen, weil der Mittelsaal für Ausstellungen genutzt wurde. Nun ist alles wieder am originalen Ort untergebracht. Durch den Umbau sind 600 Quadratmeter Fläche hinzugekommen.

Von den insgesamt 90 Millionen Euro, die für von der Stiftung als „Kosmos Weimar“ benannte Erneuerungen zur Verfügung stehen – eine Hälfte trägt der Bund, die andere Hälfte das Land Thüringen –, sind 9,2 Millionen für das Archiv ausgegeben worden, für die noble Einrichtung dazu noch einmal 1,3 Millionen Euro. Jeder Cent hat sich gelohnt. Das Gebäude hat zudem zahlreiche neue Räume erhalten, einen weiträumig ausgebauten Sockel unter der Terrasse, ein properes, schützendes Dach und wunderschöne Leseräume. Der Entwurf stammt vom Weimarer Architekten Bernd Gildehaus, der das Haus als „historische Kommode mit Schubladen“ bezeichnet und mit dem Sockel eine „weitere Schublade“ hinzugefügt hat. Das Haus wurde seinem Zweck nach modernisiert und erweitert, wobei das ursprüngliche Bauraster kaum verändert wurde. Ein wuchtiger Solitär gegenüber dem Residenzschloss der Weimarer Herzöge, mit einer auffälligen Rustikawand zur Flussseite hin, die aber filigran wirkt durch ein Gitter aus Stahllamellen.

Innen trennen lichte Glastüren die Räume, die Prunksäle für Schauen, den Handschriftensaal, einen Lesesaal, aber auch Büros und Depots im Sockel und unter dem Dach, Werkstätten für Restaurierung und Digitalisierung, alle gehalten in weißen und grauen Tönen, auch die Vitrinen, in denen die Originale ausgestellt sind. Kühl, aber klassisch ist das alles, sodass optisch nicht auffällt, dass modernste Klimatechnik in den Baukörper integriert worden ist.

Die Wiedereröffnung des Goethe-und Schiller-Archivs ist auch ein Triumph des Geistes. 2004 war durch einen verheerenden Brand, der durch menschliche Nachlässigkeit ausgebrochen war, die Anna-Amalia-Bibliothek zerstört worden. Die Katastrophe hatte damals die deutsche Nation erschüttert, es kamen Spenden, und die materielle Bewahrung der deutschen Klassik wurde beschworen. Dem ist jetzt mit der Erneuerung des Goethe-und-Schiller-Archivs Genüge getan worden. Es beherbergt einen unermesslichen Reichtum an Papier, das mit Geist und Tinte gefüllt worden ist.

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