BAD KISSINGEN

Grigory Sokolov: Der weise Mann und das Klavier

Shooting Star mit 64 - Der Pianist       -  Grigory Sokolov
Grigory Sokolov Foto: Horst Ossinger, dpa

Das Beste kommt vielleicht nicht immer zum Schluss. Doch beim Auftritt des russischen Pianisten Grigory Sokolov beim Kissinger Sommer war das der Fall. Im so gut wie ausverkauften Max-Littmann-Saal des Regentenbaus gab der 68-Jährige einen Soloabend, der einen weiten Bogen spannte: Es ging von Klassik über Romantik bis Impressionismus.

Los ging?s mit drei Haydn-Sonaten, die Sokolov mit Klarheit und Präzision interpretierte. Aus der oft bloß zweistimmigen Musik holte der Pianist ein Höchstmaß an Schönheit heraus. Sokolov trug die Stücke mit sattem Anschlag vor, der selbst in den leisen Passagen ausgesprochen präsent klang. Die zahlreichen Ornamente kostete Sokolov voll aus. Das verlieh Haydns Musik einen barocken Anstrich.

Der Russe spielte die acht Sätze der drei Sonaten ohne größere Pausen hintereinander weg. So entstand ein knapp einstündiger Haydn-Block, der höchste Ansprüche an den Künstler und ans Publikum stellte. Das war musikalisch sehr überzeugend gedacht. Aber kurze Verschnaufpausen zwischen den drei Sonaten hätte Sokolov sowohl sich selbst wie auch den Zuhörern gönnen dürfen. Oder fürchtete er, dass ihn der dann zu erwartende Applaus zwischendurch aus dem Konzept gebracht hätte? Wie auch immer – Sokolov stand erst nach dem letzten Haydn-Stück vom Klavierhocker auf, um den Beifall entgegenzunehmen.

Nach der Pause gab?s Schuberts Impromptus Opus 142. Nach den zwar brillant dargebotenen Haydn-Sonaten, die aber durch ihre stilistische Gleichartigkeit doch auf Dauer ermüdend wirkten, waren Schuberts Klänge eine wahre Wohltat. Sokolov, der bei Haydn in Sachen Emotion wie mit angezogener Handbremse gespielt hatte, konnte sich nun zunehmend mehr Expression erlauben. Mit Bravour und Eleganz entführte der Pianist in das romantische Reich dieser Musik, die zwischen Nostalgie und Wehmut pendelt. Der Sokolov spielte ungemein kultiviert. Er präsentierte sich nicht als Tastenlöwe, sondern als weiser Mann, der die Ergebnisse seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit der Klaviermusik vortrug.

Das galt auch für die Zugaben. Sokolov gibt stets sechs Zugaben, wodurch sich seine Konzerte üblicherweise um eine Dreiviertelstunde verlängern. Das war zumindest in Bad Kissingen auch gut so. Denn unter den Zugaben waren zwei Höhepunkte des Abends: Schuberts As-Dur-Impromptu aus Opus 90 und Debussys großartig interpretierte „Schritte im Schnee“ („Des pas sur la neige“ aus dem ersten Band der Préludes von 1910).

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