Günter Grass und die Macht der Worte

Zum Tod des Autors Ein Autor, der nicht im Elfenbeinturm sitzt, sondern sich in die Wirklichkeit einmischt, eckt an. Der Literaturnobelpreisträger tat das oft und gern.

Lyrik ist die am meisten der Welt abgewandte Form in der Literatur. Wenn einer mit einem Gedicht international Politiker auf die Barrikaden bringt, dann steht das, zumindest in der neueren Geschichte, einzigartig da. Vor allem sagt es etwas über den Dichter aus – Günter Grass. Hätte irgendein anderer ein paar Dutzend Verse (Titel: „Was gesagt werden muss“) über Israel und seine Politik geschrieben, es hätte solch einen Aufschrei nicht gegeben. Doch Grass war Grass. Der Literaturnobelpreisträger, fast immer politisch, war oft – ganz bewusst – auf Widerspruch aus. Am Montagmorgen ist er in einem Krankenhaus in Lübeck im Kreise seiner Familie gestorben. Er sei einer schweren Infektion erlegen, berichtete die Nachrichtenagentur dpa. Günter Grass wurde 87 Jahre alt.

Auch wenn viele speziell mit seiner Israel-Kritik nicht einverstanden waren, auch wenn ihm viele seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS vorwarfen – er hinterlässt eine Lücke. Nicht nur in der Welt der Literatur. Sondern auch in der wirklichen Welt. Selbstverständlich ist das für einen Schriftsteller nicht.

Ungewöhnlich für einen Dichter war schon die Art, wie Günter Grass seine Israel-Kritik veröffentlichte. Nicht in irgendeinem Lyrik-Bändchen. Er schickte den Text im April 2012 an große Zeitungen. Weil er Wirkung erzielen wollte mit der Macht der Worte. Lyrik derart zur Meinungsmache einzusetzen war revolutionär. Weil die Gattung an sich dafür steht, Gefühle zu transportieren und Stimmungen. Aber nicht politische Positionen.

Grass lässt sich nicht auf das Israel-Gedicht reduzieren. Der Autor wurde in der Gegenwart wahrgenommen wie nur wenige aus seiner Zunft. Er mischte sich ein. Tat seine Meinung kund zu Wiedervereinigung, Golfkriegen, Atomenergie, setzte sich für verfolgte Autoren ein. Der Schriftsteller mit dem Grantler-Image wurde zur intellektuellen Ikone.

Der Schwedischen Akademie galt der Literaturnobelpreisträger als „der Höhepunkt des 20. Jahrhunderts“, wie Juror Per Westberg der dpa sagte. Was am literarischen Schaffen des Mannes mit dem markanten Schnauzbart letztlich wirklich die Tagespolitik überdauert, werden die nächsten Generationen entscheiden: „Die Blechtrommel“? „Die Rättin“? „Der Butt“? „Ein weites Feld“?

Am meisten Künstler und am wenigsten Politiker ist Grass im „Butt“. Der Romananfang – „Ilsebill salzte nach“ – ist legendär. Das Buch fußt auf dem Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“, entwickelt auf dieser Basis eine fantastische und fantasievolle Geschichte – es geht um die Beziehung der Geschlechter von der Steinzeit bis ins 20. Jahrhundert. Es geht, salopp gesagt, um die Emanzipation des Mannes von der weiblichen Brust. Auch da steckt Gesellschaftskritik dahinter. Auch mit dem „Butt“ sorgte Günter Grass für Kontroversen. Feministinnen warfen dem wortmächtigen Autor Sexismus vor, die von Alice Schwarzer verantwortete Frauenrechtlerinnen-Zeitschrift „Emma“ kürte ihn im Juli 1977 zum „Pascha des Monats“.

„Der Butt“ ist vielleicht Grass? zeitlosester Roman. Die größte Wirkung entfaltet hat aber sein Romanerstling „Die Blechtrommel“. Das Nobelpreiskomitee nannte das Buch „die Wiedergeburt des deutschen Romans im 20. Jahrhundert“. Grass stellt hier auch die Frage nach der Schuld des ganz normalen Bürgers in der Nazi-Zeit – und das in der Form eines eigenwilligen Schelmenromans. Die Verfilmung des Stoffes durch Volker Schlöndorff – mit einem Oscar als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet – machte das Buch vollends populär.

Die Nazizeit: Vor allem in den frühen Werken von Grass ist sie präsent. Jahrzehntelang galt er als kritischer Aufarbeiter der grausamen deutschen Geschichte, als Mahner. Dass der stets linkslastige Autor – SPD-Mitglied von 1982 bis 1992 –, der Reden für Willy Brandt schrieb, als 17-Jähriger in der Waffen-SS war, wie er 2006 in seiner Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“ bekannte, nahmen ihm viele übel. Grass? Renommee als moralische Instanz war angekratzt. Sogar die Rückgabe seines Nobelpreises wurde gefordert, ebenso die der Ehrenbürgerschaft seiner Geburtsstadt Danzig. Das ist halt der Preis dafür, wenn ein Literat seine Kunst nicht im Elfenbeinturm produziert, sondern sie in der Wirklichkeit verankert. Falsch wird das, was er über NS-Deutschland geschrieben hat, durch seine SS-Mitgliedschaft ohnehin nicht.

Günter Grass? letzter großer Roman, „Ein weites Feld“, ist ein Dokument des Scheiterns an der großen Form. Deutsch-deutsche Geschichte wollte er aufarbeiten. Er vermengte das Ende der DDR 1989 mit der Reichsgründung von 1871, vermengte den historischen Schriftsteller Theodor Fontane mit seiner aktuellen Hauptfigur, verknüpfte, verschachtelte – und überfrachtete das an sich sehr belastungsfähige Genre Roman. Dieser Gefahr war er schon im „Butt“ nur haarscharf entkommen.

Günter Grass, der 1988 mit dem Würzburger Leonhard-Frank-Ring geehrt wurde, war nicht nur in allen literarischen Gattungen zu Hause. An sich hatte er Bildhauerei und Grafik in Düsseldorf und Berlin studiert. Immer wieder griff der vielfach Begabte auf diese Fähigkeiten zurück. Zum Roman „Der Butt“ etwa entstand ein ganzer Zyklus von Radierungen.

Das Günter-Grass-Haus in Lübeck stellte anstelle einer Traueranzeige das Gedicht „Wegzehrung“ des Autors ins Netz: „Mit einem Sack Nüsse / will ich begraben sein / und mit neuesten Zähnen. / Wenn es dann kracht, / wo ich liege, / kann vermutet werden: / Er ist das, / immer noch er.“

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