WÜRZBURG

Hafensommer: Der Regen als fünftes Instrument

Lächelnd, strahlend, virtuos: Oud-Spieler Dhafer Youssef beim Hafensommer.
Lächelnd, strahlend, virtuos: Oud-Spieler Dhafer Youssef beim Hafensommer. Foto: Gerald Langner

Ausgerechnet. Ausgerechnet, als ein Instrument im Mittelpunkt steht, das so staubig, so trocken, so erdig-dumpf wie warm klingen kann, schüttet es und schüttet und schüttet. Als sperrte sich das Wetter von vorneherein gegen das Programm, als wehrte es sich gegen die orientalische Stimmung, die die Oud, die arabischen Kurzhalslaute, zu schaffen vermag. Gegen eine Atmosphäre, die auch in weltmusikalische Folklore und einfältige Litaneien ausarten kann. Dauernässe von oben, die Luft regendurchtränkt. Völlig über-flüssig, völlig unnötig. Denn was Dhafer Youssef, der Oud-Virtuose mit tunesischen Wurzeln, am Donnerstagabend an der Hafensommerbühne spielt und treibt mit seinem Quartett – es ist über jeden Kitschverdacht erhaben.

Der Musiker, der seine Stimme in extreme Falsett-Höhen schrauben kann, ist keiner für Schubladen. Er lässt in seinem Oud-Spiel arabische Motive, muslimische Sufi-Melodien mit Nu-Jazz und Rock-Splittern verschmelzen zu einem unverwechselbaren Klang-Sog. So ruhig und transparent viele seiner Stücke beginnen, so schnell gewinnen sie an Kraft und Intensität. Wenn Youssef singt – meditativ, in sich gekehrt, die Hand vor dem Gesicht, durchdringend – dann ist das schiere Hingabe.

Wenn er zupft und spielt, dann reicht das – auch dank der Begleiter – bis zum freudvollen Rausch.

Der 48-Jährige selbst, der seine Heimat Tunesien vor mehr als 20 Jahren Richtung Europa verließ, nennt sich nicht Jazzer. Und Weltmusiker schon gar nicht. Weltmusik hat mit Traditionen, oft genug auch mit Traditionalismen zu tun. Bei Youssef geht es um Fusion – und um Risiko. Der Oud-Spieler nennt sich Improvisator – und wagt gern.

So wird improvisiert – auf der Bühne, vor der Bühne. Es schüttet, schüttet, schüttet, die Zuhörer verziehen sich auf die trockenen Sitzplätze unter der Heizkraftwerkswölbung, wo man den Regen zwar laut prasseln hört, aber weniger spürt. Die Posthalle ist als Ausweichtermin für miese Witterung zwar reserviert gewesen. Aber die Hafensommer-Organisatoren hielten die Verlegung – allein wegen der Logistik des Flügels – für nicht nötig. Und hatten beim Hafensommer nicht bei heftigen Regengüssen – Stichwort Jane Birkin vor drei Jahren – schon die tollsten Konzerte stattgefunden?

So wird der Regen für einen Abend zum fünften Instrument, und Dhafer Youssef und seine Mitmusiker überbieten das Prasseln und Rauschen mit fesselndem Spiel und vor allem faszinierenden Soli. Unbedingt hervorzuheben: Isfar Sarabski, der junge Pianist aus Aserbaidschan, dessen Hände die Tasten hinauf- und hinuntersausen für Melodienwellen, Klangwogen, Synkopenschwälle, so feinsinnig wie furios. Der ungarische New Yorker Ferenc Nemeth sorgt für die trockenen Momente des Abends: mit präzisem, sehr feinem Ticken, Rieseln, Rhythmusflirren am Schlagzeug.

Dhafer Youssef tanzt, lächelt, strahlt über allem. Und gibt durch den Regen ein verheißungsvolles Versprechen: „Bis zum nächsten Mal – mit viel Sonne und viel Schwitzen.“

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