WÜRZBURG

Hafensommer: Klaus Doldingers Wagnisse vor sicherer Trommelwand

Klaus Doldinger beim Hafensommer       -  Klaus Doldinger
Klaus Doldinger Foto: Daniel Peter

Ein Jazzer für jedermann, ein Saxofonsolo zum Start. Was Klaus Doldinger über ein einfaches Motiv aufbaut, bleibt stets wiedererkennbar. Freilich, ein bisschen konzentrieren müssen sich die Hörer auf der dicht besetzten Freitreppe beim Hafensommer schon. Da, das Doldinger-Markenzeichen: Der große alte Mann des deutschen Jazzrocks legt Echo auf sein Horn!

Es öffnet sich der tiefe elektrische Raum aus der Verstärkeranlage, einen Takt lang oder zwei. Und schon springt die Groove-Maschine an. Drei Trommler treiben alles voran, sehr rockig, sehr dicht. Von jetzt an kann nichts mehr schiefgehen.

Mit der sicheren Rhythmuswand im Rücken und bewährten Kompositionen aus 60 Jahren kann Doldinger sich getrost auf Wagnisse einlassen. Das bringt Spannung in den Abend und Unerwartetes. Wie ein Schalk setzt Doldinger gleich als zweites Stück eine Ballade aufs Programm, deren weite Melodienbögen von Udo Lindenberg als Soundtrack zu einem Schimanski-Krimi gesungen werden könnten. Sentimental wird's trotzdem nie. Über die Grenze zur übergroßen Emotion hinaus könnte der Keyboarder Michael Hornek treiben. Der hat alle Tricks drauf, nutzt sie aber zum Beispiel dazu, den gelegentlich etwas schönheitstrunkenen Weißhaarigen mit Thelonius-Monk-haftem Tastengemorse auf den Boden der Nüchternheit zurückzuklopfen.

Während Christian Lettner am Drumset, Ernst Ströer und Biboul Darouiche an diversen Percussions straight dahinrasen.

Großes Kino macht Passport zur Titelmelodie des Kriegsfilms „Das Boot“, den Löwenanteil des Abends liefern asiatisch, orientalisch, afrikanisch geprägte Deutsch-Jazzrock-Stücke. In eins davon, „Sahara“, drängelt Pianist Hornek den nur scheinbar unpassenden Nachweis, dass die Kollegen von der Gruppe Kraftwerk die Techno-Musik erfunden haben. So entsteht Weltmusik im besten Sinn.

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Für eine typische Unart des Jazz ist Gitarrist Martin Scales zuständig. Der spricht in seinen Soli sauber und schnell – und in erster Linie mit Hörern, die Noten lesen können. Für seine Virtuosität erhält er dennoch Szenenapplaus, ebenso sein Bruder Patrick am Bass.

Die meiste Zeit stehen die Scales Schulter an Schulter im Dienst eines dichten und funkigen Klangbilds. So wie in Doldingers Kompositionen überhaupt die Instrumentalpassagen eng ineinandergreifen und wenig Gelegenheit geben, mit Solo-Kunststücken zu brillieren. Kurz: 40 Jahre alte Nummern wie „Ataraxia“ und das beliebte „Schirokko“ klingen an diesem Samstag im Würzburger Alten Hafen so jung wie eh und je.

Und nein, von Achtzigjährigkeit merkt man am Saxofon fast gar nichts, außer dass der Bandleader die überblasenen schrillen Kreischer, die so ein Konzert dann und wann einfach braucht, gewissermaßen leise überbläst.

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