WÜRZBURG

Harfensommer und Flowzirkus: Zweimal Jazz im Hafen

Ein kreativ jazziges Doppelprogramm von zwei Julien bot am Mittwoch beim Hafensommer Kontrast: Das Julie Campiche Quartet aus der Schweiz arbeitete gemeinsam am Gesamtklang, das deutsche Julia Kadel Trio daran, unbedingt besonders zu klingen.

Julie Campiche begann den Abend und musste sich für Originalität nicht mehr groß ins Zeug legen. Sie spielt Harfe, das ist im Jazz schonmal der Hammer. Campiche ließ etliche Techniken hören, vom klassischen Lauf entlang der schimmernden Perlenschnur bis hin zum harten Einzelton wie aus der westafrikanischen Kora.

Hinzu kam elektronische Verfremdung, derer sich auch ihre Kollegen an Saxofon, Kontrabass und Schlagwerk bedienten. Gute Voraussetzungen also für einen Gemeinschafts-Sound.

Tollwoodisierung abgewendet

Nicht immer ließ sich auf der ordentlich besuchten Hafentreppe feststellen, welchem Künstler nun welcher Ton zu verdanken war. Zu danken war für jeden Ton dieser Performance, die eher dem Artrock als einer Jazz-Tradition zuzuschreiben war.

Das Engagement der Campiche brachte nebenbei eine Einsicht über den Hafensommer im Allgemeinen: Es ist keine Tollwoodisierung des Würzburger Kulturfestivals zu befürchten. Als das diesjährige 17-Tage-Programm mit seinen fünf ungemein populären Stars erschien, erinnerte es durchaus an den Münchner Musiksommer.

Dort schrecken die Programmmacher, um Publikum zu ziehen, inzwischen nicht einmal mehr vor der fiedelnden Hupfdohle Lindsay Sterling zurück. Das scheint im bestrickenden Ambiente des Alten Hafens undenkbar.

An einer solchen Entwarnung arbeitete auch die zweite Bandleaderin. Die Pianistin Julia Kadel wird seit zwei Jahren mit Lorbeer überschüttet, seit sie beim legendären Plattenlabel Blue Note debütierte. Als Grenzgängerin zwischen Jazz, Neuer und Freier Musik ragt sie automatisch ein Stück aus der Masse von Piano-Trios heraus.

Hauptsache, alles fließt

Aber die Dreißigjährige will mehr. Sie will sich auch innerhalb eines Stücks nicht festlegen – und ihre Stücke sind allesamt sehr kurz. Entweder sofort oder nach wenigen Takten erfreut sie mit einer Melodie, sodann umgeht sie die Gefahr, in derselben zu schwelgen, ganz locker und sagt sich und ihren Mitstreitern Roberto Lucaciu am Bass und Drummer Steffen Roth: Hauptsache, wir lassen es fließen.

Das Motiv verläuft sich folgerichtig, aber kaum, dass der gesuchte Flow aufkommt, muss etwas Sperriges, Sprödes dazwischengeschoben werden. Das geht so selbstverleugnend weit, dass Lucaciu bisweilen gewollt unsauber greift oder Kadel hässlich im Diskant klimpert.

Vom Konzept her ist das in all seinem Kunstwollen und -können irgendwie sympathisch, zugleich sehr deutsch und, leider, nicht schön.

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