Heinz Strunk und sein Trauma aus der Jugend

Auftritt in Würzburg: Der Bestsellerautor über seelische Abhängigkeit und eine homoerotische Erfahrung
Heinz Strunk: „Die Erinnerungen waren jedenfalls nicht schmerzhaft, sondern eher melancholisch-sentimental.“
Heinz Strunk: „Die Erinnerungen waren jedenfalls nicht schmerzhaft, sondern eher melancholisch-sentimental.“ Foto: dpa

Rauchen wie ein Schlot, Fummeln mit dem eigenen Geschlecht und mütterliche Psychosen als jahrelange Katastrophe: Die Hauptfigur in Heinz Strunks ebenso neuem wie autobiografischem Roman „Junge rettet Freund aus Teich“ ist das Gegenstück zu den Helden der handelsüblichen Jugendbücher. Der 50-jährige Autor des Bestsellers „Fleisch ist mein Gemüse“, der eigentlich Mathias Halfpape heißt, liest am 22. April in Würzburg aus seinem jüngsten Werk. Ein Gespräch über seelische Abhängigkeit und unglaubliche Zufälle, über sein Jugendtrauma und eine homoerotische Erfahrung.

Frage: Fürs neue Buch wurde Heinz Strunk wieder zu Mathias Halfpape. Mit welchen Gefühlen haben Sie Ihre Kindheit und Jugend aufgeschrieben?

Heinz Strunk: Die Erinnerungen waren jedenfalls nicht schmerzhaft, sondern eher melancholisch-sentimental. Ich wollte die Kindheit als Ort des Glücks beschreiben, aber die dramatischen Einbrüche wie der Wechsel von der Grundschule aufs Gymnasium und den Einbruch der Pubertät und Sexualität nicht ausklammern. Der Frieden und das Glück der Kindheit werden dadurch aus den Angeln gehoben. In meinem Fall kamen noch die Krankheit der Mutter und die Gebrechlichkeit der Großeltern als dramatische Vorfälle dazu. Aber mein Lebensmotto ist: Nichts war umsonst. Dies ist jedoch das letzte biografisch geprägte Buch. Meine Lebensgeschichte ist jetzt auserzählt, und ich werde mich fiktionalen Stoffen zuwenden.

Ihre Mutter war Privatlehrerin an einer Musikschule. Zu Hause lief nur klassische Musik. Konnten Sie als Kind damit etwas anfangen?

Strunk: Natürlich interessiert man sich als Junge vor allem für zeitgenössische Musik, aber mit Johann Sebastian Bach können eigentlich alle Menschen etwas anfangen.

Psychologen sagen, kaum eine Beziehung sei prägender als die zur Mutter. Wie hat Ihre Mutter Sie geprägt?

Strunk: Ich war Einzelkind, und sie war alleinerziehend. Da ist die Bindung noch stärker. Ich würde sogar von einer seelischen Abhängigkeit sprechen. Im Buch beschreibe ich anhand der immer mehr ausufernden Schularbeiten-Kontrolle, welche Macht meine Mutter über mich hatte. Dieses gnadenlose Nachbohren hat das Verhältnis zu meiner Mutter ab der Pubertät geprägt.

Ist das Ihr Kindheitstrauma?

Strunk: Eher mein Jugendtrauma. Meine Mutter wurde krank, als ich zwölf war. Damit war die Kindheit für mich vorbei. In dem Alter mit einer schweren psychischen Störung konfrontiert zu werden, ist einschneidend.

Sie haben sich regelmäßig zu Ihrer Großmutter Friedel geflüchtet. Hat sie Sie mehr geprägt als Ihre Mutter?

Strunk: Großmütter sind häufig die Personen, die geradezu glorifiziert werden, weil sie nur zuständig sind für Zuwendung, Belohnung und Liebe. Meine Großmutter war besonders toll, weil sie ein unglaublich lieber Mensch war. Darin ist sie für mich ein prägendes Vorbild, das mich durchs Leben begleitet. Damals gab es noch so richtige Alt-Nazis, selbst diese harten Typen wurden bei meiner Großmutter so komisch weich. Mein direkter Nachbar hieß Adolf. Nebenan war es meist ganz still, ab und zu mal rief die Frau in einer ganz eigentümlichen Weise seinen Namen.

Ihre Ferien verbrachten Sie regelmäßig bei Großmutter Friedels Schwester Emmi in Todtglüsingen in der Lüneburger Heide.

Strunk: Oma Emmi war mir nicht so nah wie Oma Friedel. Als ich älter wurde, bin ich nicht mehr zu Emmi gefahren. Sie begann zu vereinsamen, sie hatte wirklich nur ihren Dackel. Wenn ich mal da war, musste ich erst mal die abgelaufenen Lebensmittel wegschmeißen. Und in ihrem Spülwasser schwammen Kartoffelschalen. Sie ist dann richtig an Einsamkeit gestorben.

Haben Sie noch Kontakt zu den Jugendfreunden aus Todtglüsingen?

Strunk: Zu einem Freund habe ich seit ein paar Jahren wieder lockeren Kontakt. Er hat eine ganz andere Laufbahn eingeschlagen und 35 Jahre für eine Kaufhauskette gearbeitet. „Junge rettet Freund aus Teich“ ist übrigens eine Schlagzeile aus der „Bild“-Zeitung, die mir ins Auge gesprungen ist. Es war gewissermaßen die Initialzündung für dieses Buch. Dazu musste ich mir eine passende Episode ausdenken. Deshalb steht auf dem Buchdeckel auch Roman und nicht Autobiografie.

Was hat Ihr jugendliches Selbstbewusstsein gefördert?

Strunk: Ich würde sagen, meine Begabung für Musik. Und dass ich ein leidlich guter Fußballer war. Schön wär’s gewesen, wenn ich auch noch einen Schlag bei den Mädchen gehabt hätte, aber das war leider nicht der Fall. Dazu kam noch diese Akne. Viel Gutes aus meiner Pubertät war nicht zu vermelden.

Sie schreiben auch über Selbstbefriedigung und eine einmalige homoerotische Erfahrung. Gehört dies zur Entwicklung eines Mannes dazu?

Strunk: Ich glaube, das Homoerotische spielt bei der Entwicklung eine große Rolle, weil man zum einen keine Gelegenheit hat, mit Mädchen etwas anzustellen, weil man zu schüchtern ist. Und man ist auch seelisch noch nicht so weit. Man traut sich noch nicht so ans andere Geschlecht ran und nimmt deshalb mit dem eigenen vorlieb. In meinem Fall war es aber nicht so dramatisch, dass ich auf die Idee gekommen wäre, an Dr. Sommer zu schreiben. Es war schon klar, dass ich nicht schwul bin. Es war so ein Übergangsding.

Hat es Überwindung gekostet, das zu schreiben?

Strunk: Ich habe kein Problem damit, dass so etwas möglicherweise gegen mich verwendet wird, wenn ich es aufschreibe, oder dass ich mich auf diese Weise entblöße. Ich hätte es auch in einer Form machen können, die für den Leser wirklich unangenehm ist, aber in meinem Fall ist es eine literarische Verarbeitung, die ich vertreten kann.

Ihre Lehrer beschreiben Sie als ziemliche Fieslinge. Haben Sie die Schule gehasst?

Strunk: Hass ist ein starkes Wort. Ich hatte Angst, weil ich nicht mitgekommen bin. Nach der sechsten Klasse bin ich auf die Realschule gewechselt, aber die siebte und achte Klasse war genauso scheiße. Ich wurde immer nur ganz knapp versetzt. Erst als ich aufs Gymnasium wechselte, hat es das erste Mal ein bisschen Spaß gemacht. Bei Fächern wie Philosophie und Deutsch habe ich gespürt, dass man auch etwas von der Schule haben kann. Meine bestimmenden Autoren waren damals Charles Bukowski, Hermann Hesse und Franz Kafka.

Eigentlich würde man bei jemandem mit Ihrer Vorgeschichte erwarten, dass er am Leben scheitert. Wie haben Sie die Kurve gekriegt?

Strunk: Mein Leben ist nicht das Ergebnis eines Masterplans, den ich irgendwann mal geschmiedet habe. Es ist eher das Ergebnis von unglaublichen Zufällen, Glück und Beharrlichkeit. Insbesondere, dass ich Menschen wie Rocko Schamoni getroffen habe, die mir weitergeholfen haben. Und als ich mit 40 total am Ende war und dachte, jetzt passiert gar nichts mehr, riet mir eine Freundin, mal ein Buch zu schreiben.

Heinz Strunk in Würzburg

Der Entertainer, Autor und Politiker („Die Partei“), geboren am 17. Mai 1962 in Hamburg-Harburg, heißt eigentlich Mathias Halfpape und ist auch bekannt als Jürgen Dose. Zusammen mit Jacques Palminger und Rocko Schamoni bildet er das humoristische Trio „Studio Braun“. 2004 erschien sein Buch „Fleisch ist mein Gemüse“, in dem er das Schicksal eines Musikers in einer drittklassigen Tanzkapelle mit skurrilen Milieu-Beschreibungen der norddeutschen Provinz schildert. 2007 wurde das Buch verfilmt. Neben seinen Lesungen aus „Fleisch ist mein Gemüse“ ging Halfpape mit Charlotte Roche auf Tour, mit der er eine Doktorarbeit aus dem Jahre 1978 mit dem Titel „Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern“ las. Bei der Bundestagswahl 2005 kandidierte Halfpape hinter Rocko Schamoni auf Platz zwei der Hamburger Wahlliste für „Die Partei“. Bei der Bürgerschaftswahl 2011 ging er als Kandidat für das Amt des Ersten Bürgermeisters ins Rennen. Er erzielte mit 0,75 Prozent der Wählerstimmen das beste Ergebnis in der Geschichte von „Die Partei“. Seit März 2012 veröffentlicht Halfpape alias Heinz Strunk im Satiremagazin „Titanic“ seine Kolumne „Das Strunk-Prinzip“. Am Montag, 22. April, um 20 Uhr liest Heinz Strunk in der Kellerperle (Studentenhaus) in Würzburg aus „Junge rettet Freund aus Teich“ (Rowohlt, 288 Seiten, 19,95 Euro). Karten: Tel. (09 31) 57 26 11, Tel. (09 31) 3 55 91 - 0, Internet: www.eventim.de

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