Henscheids Denkwürdigkeiten

Lesung in Würzburg: Der Humorist über seine Autobiografie, Robert Gernhardt, Richard Wagner und Gott
Eckhard Henscheid: „Unsere gesamte Kulturgeschichte zehrt fast allerorten von Vorurteil und Falschlegenden.“ Foto: Herbert Scheuring

Er gilt als Meister der Tonfälle unserer Alltagssprache, furioser Schimpfkopf, zarter Idylliker und stilbildender Humorist: Eckhard Henscheid (71), Autor der legendären „Trilogie des laufenden Schwachsinns“ und Mitbegründer des Satiremagazins „Titanic“, blickt in seiner Autobiografie „Denkwürdigkeiten“ auf sein Leben zurück. Am 30. April kommt er zu einer Lesung nach Würzburg.

Frage: Üblicherweise gehen Schriftsteller mit einem neuen Buch auf Lesereise. Sie haben gleich drei neue Bücher vorgelegt – eines über Richard Wagner, eines über Gott und eines über sich selbst. Aus welchem werden Sie in Würzburg lesen?

Eckhard Henscheid: Gelesen habe ich seit Ende Januar zwischen Kiel und Leipzig und Regensburg vorwiegend aus der Autobiografie „Denkwürdigkeiten“ – die anderen beiden Neuerscheinungen sind mehr Lese- als Vorlesebücher. Auch in Würzburg soll es mehr um mich als um Wagner oder – zwei Jahrestage hintereinander – Jean Paul gehen. Es sei denn, ein Hörer aus dem frommen Würzburg möchte partout Neues zu Gott und Himmel und Hölle erfahren. Das mit dem Teufel war ja immer am interessantesten – und ist es vielleicht auch in meinem Buch.

Ihre Autobiografie „Denkwürdigkeiten“ ist mit fast einem Jahr Verspätung erschienen, nachdem Sie wegen Unstimmigkeiten mit dem Lektorat den Verlag gewechselt hatten. Woran hat's gelegen?

Henscheid: „Unstimmigkeiten“ mit dem ursprünglich vorgesehenen Verlag, dem Verleger, der in Personalunion auch Lektor war – das Wort trifft es schon. Von mir aus gesehen: eine übergroße Ängstlichkeit bei juristisch eventuell gefahrvollen Dingen, andererseits eine Art Bevormundung im Formalen, sogar im sprachlichen Detail. Circa 50 Änderungswünsche habe ich bei knapp 50 Büchern vorher zusammengenommen nicht erfahren. Hätte ich mir auch als 18-jähriger Neuling nicht zumuten lassen. Gott sei Dank kommt dieser Fall von Dissens nicht gar zu häufig vor.

In Ihrem Buch über Helmut Kohl von 1985, das wie eine sachliche Biografie beginnt und dann mehr und mehr ins Komische abhebt, sind die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit fließend. Ist der Text Ihrer Autobiografie immer und in jedem Fall wörtlich zu nehmen?

Henscheid: Ja, aber: wenn ich's richtig zähle, mit zwei bis drei Ausnahmen – in unserer Branche nennt man das meist „Türken“; etwas vornehmer: Mystifikationen, absichtsvolle Leserirreführungen, Vexationen. Alles leicht durchschaubar, zumindest ahnbar. Ich bin sicher, speziell die besonders intelligenten mainfränkischen Leser lassen sich hier entschieden ganz besonders nichts vormachen. Beim Kohl-Buch vor über einem Vierteljahrhundert hatte das gelegentliche Abweichen von der planen Wahrheit nicht nur literarisch-spielerische Gründe. Sondern war in einem Fall auch der juristischen Vorsicht geschuldet. Wäre Kohl damals zum Anwalt und vor Gericht gegangen: Das wäre für mich und/oder den Verlag trotzdem existenzgefährdend geworden. Auch literarisch geübte Leser, selbst historisch gebildete Literaturprofessoren unterschätzen derlei häufig. Und wittern nur niedrige Autorenspekulationen in Richtung Auflage. In den allermeisten Fällen vollkommen daneben.

Ein häufig erwähnter Name in Ihrer Autobiografie ist Robert Gernhardt – Ihr Mitstreiter aus Frankfurter Satirikertagen, der 2006 starb. Dem genialen Komikproduzenten Gernhardt erweisen Sie die ihm gebührende Ehre, Sie kritisieren aber auch Gernhardts „übertriebene Fernsehpräsenz“ und „Betriebsauflaufpenetranz“. War Ihr Verhältnis zueinander am Schluss eher distanziert?

Henscheid: Die Verehrung für Gernhardts Werk wirkt ununterbrochen seit 1969. Oder auch schon viel früher. Auch die Person war mir immer lieb und wert – das geht ja auch nochmals aus den „Denkwürdigkeiten“ hervor. Ab circa 2000 gab's aus den von Ihnen skizzierten Gründen eine gewisse Separierung. Von beiden Seiten aber keinerlei Feindschaftsgefühle. In der letzten Lebensphase des großen Dichters hat sich auch das wieder bereinigt. Aber, um hier nicht allzu schönzufärben: Hätte Gernhardt noch länger und bis heute gelebt: Sein manchmal auch werkstrategisch und taktisch begründeter Wille zu Glück, Glanz und Ruhm hätte ihm vielleicht noch selber die größten Probleme gemacht. Er machte ihm auch bis 2006 wirkliche Feinde – so sehr er zuletzt quasi everybody's darling zu sein schien. Eine – echte Crux.

In diesem Jahr wird der 250. Geburtstag des Schriftstellers Jean Paul gefeiert. Jean Paul war Humorist, er schrieb Satiren, das Personal seiner Romane bestand oft aus in der Provinz beheimateten Außenseitern. Verbindungen zu Ihrem eigenen Werk sind unübersehbar. Inwieweit hat Jean Paul Ihr Schreiben beeinflusst?

Henscheid: Verbindungen gibt es. Ich war 2009 nicht nur Jean-Paul-Preisträger des Freistaats Bayern, sondern in der Folge auch gut zwei Jahre lang aktives Mitglied eines Bayreuther vorbereitenden Jubiläumskomitees, das sich sogar „Kuratorium“ betitelte. Aber jetzt, nachdem diese Phase vorbei ist und die Jubiläumsfeiern in ganz Bayern-Franken fast im Übermaße sich wälzen, darf ich es ja doch noch etwas präziser sagen, was schon in meiner Preisrede steht und kürzlich in einem Bayreuther Vortrag akzentuiert wurde: So prima vista mich der Vergleich ehrt, die Verwandtschaften halten sich poetologisch in Grenzen. Nie vorbildhaft war für mich Jean Pauls sogenannter Humor, den ich meist nur als betulich-altväterlich-hausbacken empfinde – im Großen wie im Detail. Unerreicht, unerreichbar – selbst von mir – ist Jean Paul aber als Naturmagier, als Landschaftsepiphaniker und so weiter. Da hat er in der ganzen deutschen Literaturgeschichte kaum seinesgleichen. Da hat er mich aber nur in minderem Maß beeinflusst, sondern nur zu Bewunderung gezwungen. Insgesamt – auch im Jean-Paul-Jahr wird man das sagen dürfen – hatte Goethe gegenüber Schiller 1796 nicht unrecht und erwies sich zudem als äußerst ahnungsvoll: „Man schätzt ihn (Jean Paul) bald zu hoch, bald zu tief.“ Und auch das „wunderliche Wesen“, das der Olympier und Konkurrent in ihm ersah, stimmt immer noch. Als Wegweiser, als Leitwort.

Ihr Wagner-Buch „Götter, Menschen und sieben Tiere“ ist Zeugnis Ihrer Wagner-Verehrung, Sie würdigen darin auch den „puren Wortunfug“ und „schönen Klangquatsch“ im Werk des Komponisten. Wie viel Humor steckt in den Tondichtungen Richard Wagners?

Henscheid: Die Frage stellt sich leichter als die Antwort ausfallen kann. Eigentlich liegt der „Wortunfug“, „Klangquatsch“ bei Wagner offen wie ein Scheunentor vor unseren Augen und Ohren – und das Komische strukturiert für feinere Seher und Hörer und Leser auch das große Ganze. Nicht nur der „Meistersinger“, sondern auch der 15-stündigen „Ring“-Tetralogie: als Hintergrund, als Überlagerung, als nicht nur sogenannter Meta- oder Subtext. Aber: Aus seltsamer Vorurteilsballung mal selbst auferlegter Rezeptionsunfähigkeit fast aller – auch der einst sogenannten Wagnerianer – hat sich das noch immer nicht herumgesprochen. Man glaubt nicht, wie unsere gesamte Kulturgeschichte fast allerorten von Vorurteil und Falschlegenden zehrt; meist aus Bequemlichkeit. Mein Wagner-Buch möchte da zumindest da und dort bei einigen Gutwilligen nachhelfen.

Ihre „Trilogie des laufenden Schwachsinns“ ist ein Bestseller mit einer Auflage von rund 400 000 Exemplaren. Ihr jüngst vorgelegter gotteskundlicher Roman „Aus der Kümmerniß“ ist im Wildleser-Verlag erschienen, der sich selbst als „Worstseller-Verlag für Minderheitenliteratur“ bezeichnet. Diese sehr spezielle Art humoristischer Theologie erreicht wohl nur eine auserwählte Leserschar?

Henscheid: Auch das der „Kümmerniß“ sehr verwandte theologische Tierbuch von 1995 („Welche Tiere und warum das Himmelreich erlangen können“) rechnete nur mit einem kleineren Publikum und wurde immerhin 5000 Mal verkauft, fast zu viel schon für so ein esoterisch-kryptisches Opus. Es gibt eben Breitliteratur und „Minderheitenliteratur“ – mir als Autor ist das gerade recht. Den Verlagen meist weniger. Die wollen, ziemlich einfältig, immer nur möglichst dick daherkommen. Andererseits bedeuten 400 000 Trilogie-Leser auch nicht partout geschärften Leserverstand, nachgebesserten Publikumsgeschmack. Nein, leider nicht. Sondern auch hier: vielfach Zufall, Missverständnisse.

„Aus der Kümmerniß“ ist ein Buch, in dem neben Seraphinen, Pfarrer Josef Strammsackl, Pumuckl und anderen Unterteufeln auch katholische Igel vorkommen. Es beschreibt – quasi als Halbzeitbilanz – den Kampf zwischen Gott und Satan. Einer wird gewinnen. Wer wird es Ihrer Meinung nach am Ende sein?

Henscheid: Momentan führt haushoch der Teufel. Er ist ja auch im Vergleich mit Gott Sebaoth-Jahwe der Attraktivere. Sogar noch in meinem Buch. Aber werweiß wird mit dem neuen Papst doch wieder alles anders. Selbst eine so prophetische Begabung wie ich wartet da besser erst mal ein bisschen ab.

Eckhard Henscheid

Der Humorist, Satiriker und Universalkritiker, geboren 1941 in Amberg, hat neben Romanen, Erzählungen, Anekdoten, Glossen und Polemiken auch Biografien, Hörspiele, Musikkritiken und Opernführer veröffentlicht. 2009 wurde der vielseitige Schriftsteller für sein literarisches Lebenswerk mit dem Bayerischen Staatspreis für Literatur, dem Jean-Paul-Preis, ausgezeichnet. Vor kurzem erschienen sind: Denkwürdigkeiten. Aus meinem Leben (Schöffling & Co., 416 Seiten, 22,95 Euro) Götter, Menschen und sieben Tiere. Richard Wagners Ring des Nibelungen. Ein Gestaltenreigen (Reclam, 222 Seiten mit Illustrationen von F. W. Bernstein, 24,95 Euro) Aus der Kümmerniß. Ein gotteskundlicher Roman (Wildleser Verlag, 168 Seiten, 19,95 Euro) Am Dienstag, 30. April, um 20 Uhr liest Eckhard Henscheid in der Stadtbücherei Würzburg. Karten in der Stadtbücherei im Falkenhaus, Information Tel. (09 31) 37 24 44, Internet: www.stadtbuecherei-wuerzburg.de

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