WÜRZBURG

Hubert von Goiserns furioses Hafensommer-Finale

Einfach aufrecht und gelassen, innig und präsent: Hubert von Goisern auf der Hafenbühne
Einfach aufrecht und gelassen, innig und präsent: Hubert von Goisern auf der Hafenbühne Foto: Ulisses Ruiz
Notiz 1:

Ein Boot bringt die Band. Wenn die Bühne schon schwimmt, dann können die Künstler auch übers Wasser kommen. Und Hubert von Goisern war mal zwei Jahre lang von der Donau aus mit einem kleinen Schiffsverband inklusive Bühne auf europäischen Flüssen unterwegs. Dass er am Sonntagabend mit der Jacht in den Alten Hafen schippert – das passt.

Notiz 2:

Der Gong, der zum Platznehmen ruft, ertönt schon eine Viertelstunde vorher. Und Blumen gibt es auch schon vorab. Denn Muchtar al Ghusain will Dank sagen am letzten von 17 Hafensommer-Abenden. Dass das Musikfestival am Kulturspeicher in diesem Jahr überhaupt stattfinden konnte – im Februar hätte der Würzburger Kulturreferent das nicht gedacht. Doch alle vorgebrachten organisatorischen und personellen Hemmnisse wurden überwunden. So dankt der Kulturreferent vielfach seinem (neuen) Team, allen voran der organisatorischen Leiterin Judith Ritzel, und verteilt Sonnenblumen. Fünf Abende mit leichtem bis heftigem Regen, 9600 Besucher insgesamt, positive Rückmeldungen auf Umgestaltungen und das musikalische Programm – die Macher sind zufrieden.

Notiz 3:

Kaum geentert, fegt am wunderbar schönen Sommerabendsonnenabend ein Orkan über die Bühne. Hubert von Goisern und seine Mannen lassen es mit Stromgitarren, Bass und Schlagzeug zur Goisernen Ziehharmonika schräg und mächtig jodeln und krachen. Gut geölte Musikmaschine! Wuchtige (Volks-)Musik und brachialer Country-Sound, rockig-dampfend-metallisch, als säße man nicht vor dem Heizkraftwerk, sondern mitten drin in den Turbinen. Oberösterreichische Gstanzln treffen Hardrock.
In Würzburg beginnt der 63-jährige Liedermacher, Weltmusiker und Alpenrocker seine „Federn“-Tournee. Die Songs des gleichnamigen, des jüngsten Albums sind auf und nach einer Reise durch die Südstaaten entstanden. Er hätte sich „die Zähn ausbiss'n“ an den Leuten dort. „In dem Moment wo's Traditionalisten sind, kannst mit ihnen nicht reden.“ Aber Country-Cajun-Jazz-Blues aus den Sümpfen Louisianas und Steirische Volksweisen – das taugt rhythmisch gut zusammen. Seit dem Aufenthalt in New Orleans und Louisiana groovt und orgelt Hubert von Goisern seine Volksmusik im archaischen Blues. Im Frühjahr hat er seine würzige Mischung in New York, Washington und Austin präsentiert. Jetzt 20 Mal in Österreich, Südtirol und Deutschland – Juchzer und Jodler inklusive.

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Hubert von Goisern

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 Notiz 4:

Was Janis Joplin wohl dazu gesagt hätte, dass ein Oberösterreicher vier Jahrzehnte später ihren „Mercedes Benz“ covert? „Geh Herrgott, jetzt kauf ma an Mercedes Benz, i brauchat a Auto, aba bittschen a schens“. Auch „Amazing Grace“, „Jambalaya“, „Corinna“ oder „Oh Susanna“ taugen als Alpinrock-Nummern erstaunlich gut. Was gar nicht mal allein am Frontmann liegt, sondern den großartigen Mitmusikern: dem Kalifornier Bob Bernstein an der Pedal-Steel-Guitar, Schlagzeuger Alex Pohn, Bassist Helmut Schartlmüller und Gitarrist Severin Trogbacher. Luftsprünge inklusive!

Notiz 5:

Erstaunlich. Für Hubert von Goisern ist Hubert von Goisern wirklich ruhig, wenn auch nicht leise, an diesem Abend. Redet und erklärt gar nicht so viel. Ist nicht grantig oder nervös wie früher gern, nicht wild und aufgeregt, schreiend oder krachend. Sondern einfach aufrecht und gelassen, innig und präsent. Nach dröhnendem Anfang und schön schrägem Blues wird es fast bedächtig und beschaulich im Hafenbecken. Kein Vergleich zum Brachialrockkonzert im Festungsgraben vor ein paar Jahren, als die Burgmauern ob der Schallwellenwucht bebten.

Notiz 6:

Die positive Schlussbilanz des Hafensommerteams dürfte auch an diesem Finale gelegen haben. 1000 Zuhörer auf den Stufen, lange im Vorhinein ausverkauft, perfektes Wetter – ein Musikfestival braucht solche Zugnummern und Erfolgsabende.

Notiz 7:

Kleine Publikumsschelte: „Ihr hobt's es versemmelt“, sagt Hubert von Goisern milde lächelnd, als die Würzburger Zuhörerschaft an einer entscheidenden Stelle mit absichtlicher Gesangspause nicht den Spontanbeifall spendet, der anderswo hier immer aufbrandet.

Notiz 8:

140 Minuten! Volle 140 Minuten ohne Unterbrechung spielt und singt und bluest und jodelt Hubert von Goisern an Gitarre, Piano, Trompete, Zieh- und Mundharmonika. Das längste Set des Hafensommers 2016. Gerade, als es etwas zu bedächtig, zu beschaulich zu werden droht nach langsameren Nummern, hauen die Alpenrocker noch einmal rein. Beim Radiohit „Brenna tuats gut“ krachen wieder die Gitarren, beim politischen „Snowdown“ brennt die Bühne auch.

Notiz 9:

Das längste Instrument des Festivals bekommt Hubert von Goisern von hinten gereicht, und er bläst es mit erhabener Größe: ein Alphorn.

Notiz 10:

Ein Finale, das 1000 beglückt. Zu den schönsten und liebevollsten Von-Goisern-Liedern singen und summen die Zuhörer innig mit. „Heast as ned, wia die Zeit vergeht“ und „Jetzt bist so weit, weit weg“. Von der Bühne geht Hubert von Goisern unter viel, viel Beifall und Jubel dann zu Fuß.

Rückblick

  1. Hafensommer: Spektakel mit Tentakel
  2. "Babylon Berlin" am Main: Golden Twenties nicht ganz so golden
  3. Rainald Grebe macht ernsthaft Spaß
  4. Sternstunde beim Würzburger Hafensommer
  5. Hafensommer: Kettcars Aufruf, Löcher in Zäune zu schneiden
  6. Wenn sich ein Songwriter Gäste einlädt
  7. Die drei, vier, fünf Instrumente im Kontrabass
  8. 8 Punkte: Was zum Hafensommer gesagt werden muss
  9. Vorab reingehört: So klingt der Hafensommer
  10. Hafensommer: Moka Efti Orchestra ausverkauft
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  14. Wie Kümmert mit Hiphop und Intimschmuck fernsehtauglich wird
  15. Hafensommer: Heißer Sound in nichtatmungsaktiven Jacken
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  17. 16 Saiten und ein Fazit: wow!
  18. Orient trifft Okzident – eine coole Kombi
  19. Klassik trifft Weltmusik zur Eröffnung des Hafensommers 2018
  20. Hafensommer-Start mit Orient-Flair
  21. Hafensommer auf der "Arte Noah"
  22. Der Hafensommer in Bildern
  23. Musikalischer Blick nach Israel beim Hafensommer
  24. Der Hafensommer endet ausverkauft, karibisch und ehrwürdig
  25. Rebellen mit E-Gitarren beim Hafensommer
  26. Das Tingvall Trio lässt die Musik kreisen
  27. Seven singt die Wolken weg
  28. Der neue Hafensommer kommt gut an
  29. Musik aus der Perspektive eines Vogels beim Hafensommer
  30. Max Mutzke lässt Lenden kreisen
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  33. Hafensommer-Chefs: „Wir wollen auch herausfordern“
  34. Der Hafensommer schwappt über die Ufer
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  36. Der neue Hafensommer ist ein bisschen auch der alte
  37. Mit neuem Leitungsteam: Neustart für den Hafensommer
  38. Hafensommer: Kulturreferent will höheren Zuschuss
  39. Hubert von Goiserns furioses Hafensommer-Finale
  40. Hafensommer: Der Regen als fünftes Instrument
  41. Harfensommer und Flowzirkus: Zweimal Jazz im Hafen
  42. Der Hafensommerabend des geplant Spontanen
  43. Eine Zwischenbilanz: Der etwas neue Hafensommer
  44. Stimmung wie im Madison Square Garden
  45. Cooler Hafensommer-Sound bei kühlen Temperaturen
  46. The Notwist ließen das Hafenbecken erzittern
  47. Hafensommer: Auf Klangreise mit Michael Wollny
  48. Bilanz der ersten Hafensommer-Woche: Huij und Respekt
  49. Hafensommer: Klaus Doldingers Wagnisse vor sicherer Trommelwand
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