Würzburg

In Urban Priols Kladde schaffen es nicht alle  

Das nächste Jahr wird ganz sicher wieder so bescheuert wie das letzte. Sagt der Erfinder der satirischen Rückblicke eigentlich immer. Was war 2018 besonders bescheuert?
"Merkt da jemand, was da abläuft?" - Urban Priol bilanziert wieder das Jahr. Foto: Fabian Gebert

Und wieder muss jemand die Reset-Taste gedrückt haben. Denn es ist: wie immer.  Angela Merkel ist Bundeskanzlerin. Die CSU regiert Bayern. Horst Seehofer kann man einen gewissen Unterhaltungswert nicht absprechen. Der Hauptstadtgroßflughafen bleibt ewige Baustelle und wird auf absehbare Zeit nie eröffnet werden. Die Autoindustrie jammert. Auf dem Land muss man auf den Dachfirst klettern, um auf dem Handy wenigstens einen Balken Empfang zu bekommen.  Und Urban Priol trägt Turnschuhe und bunte Hemden und sagt: "Tilt!"   

Seit Jahren und Jahrzehnten, also seit ewigen Zeiten blickt der Kabarettist aus Aschaffenburg zum Jahreswechsel auf die zurückliegenden Wochen und Monate zurück. Tilt! Nichts geht mehr. Und es geht dann halt doch. Nämlich genauso weiter. Die Kanzlerin ist die Kanzlerin. Die CSU regiert Bayern. Seehofer macht Späße. Die größte ewige Baustelle der Republik ist eine Lachnummer. Die Autoindustrie jammert. Digital-Deutschland hat weiße Flecken. Und selbst Priols Frisur ist wie immer, weil er es irgendwie schafft, dass die Haare zwar noch ein bisschen grauer und weniger geworden sein mögen, aber so wild abstehen wie je und eh. Also wie immer. 

Und genauso kam's!

Wie hatte der wortreich und zungenflink die Welt Erklärer vor genau einem Jahr in seinem Rückblickssolo auf den Kabarettbühnen der Republik risikofrei und mit Gewähr prophezeit? Sicher sei, dass 2018 genauso bescheuert werde wie das bescheuerte 2017. Und genauso kam's.

Die Kanzlerin ist Kanzlerin,  in Bayern regiert . . . Hach. Aber apropos bescheuert. Bei satirischen  Jahresrückblicken, als deren Erfinder Priolgelten darf, ist ja stets die Frage: Wer schafft es dieses Mal hinein? Man habe ja gedacht, schlimmer als Ramsauer und Dobrindt könne es nicht mehr kommen, sagt Urban Priol am Donnerstagabend im rappelvollen Würzburger Bockshorn. Um gleich ein bebendes, diabolisches "Haha!!" in den Saal zu brüllen und über den "Dr. Dolittle der CSU" herzuziehen.  

Es ist viel "Mimimimimi"

Zu Alexander Dobrindt war ihm kaum mehr als ein Stöhnen und Seufzen eingefallen. Am Großflughafen, an dem nie ein Flugzeug starten wird, würden jetzt die Diesel geparkt, die nie wieder fahren dürfen. Und bevor man die Industrie, also die Schuldigen, zur Verantwortung ziehen müsse, würden schnell mal Gesetze geändert - siehe Feinstaub und Grenzwerte.  Sagt Priol mit Jammerstimme und erklärt noch TDI: "Täuschen durch Ingenieure." Überhaupt, es steckt viel "Mimimimimi" und Jämmerliches in diesem Jahresrückblick. Mimimimimi. "Wir können nicht mehr Flughafen. Wir können nicht mehr Bahnhof. Seit Sommer wissen wir: Nicht mal mehr Fußball können wir."

Özil und Hoeneß und Rummenigge. Der "Watschenbaum des Jahres" und "der Steuerhinterzieher und Rolex-Kalle". Priol entschuldigt sich schulterzuckend: "Ja, da müssen wir jetzt durch." Hätte man angesichts des Nationalkickers, der sich mit Erdogan fotografieren ließ, halt gesagt: "Meine Güte: Dumm kickt gut."      

Lindner und das Brötchen

Apropos dumm. Erinnert sich jemand noch an Christian Lindner und das Brötchen? Egal. Jedenfalls hat es der FDP-Chef mit seiner Auslassung über gute und böse Ausländer in der Schlange beim Bäcker in Priols Kladde geschafft, aus der er jetzt bis in den Januar hinein referiert. Trump kommt kurz vor: „Alles bestätigt, was man von ihm schon wusste.“ Maaßen natürlich. Und der Plastikmüll: „Die Weltmeere werden zur Tütensuppe.“ Aber immerhin funktioniert das Recycling: „Über die Nahrung bekommen wir's als Mikroplastik wieder zurück.“
Macron steckt noch im Textbuch. Aber der Papst oder die Grünen allenfalls in Nebensätzchen. Überhaupt. Jahreswechsel bedeutet für den Kabarettisten Stress. Seit zwei Jahrzehnten komprimiert der Politschwachsinnsentlarver jetzt schon für das Fernsehen und die Kleinkunstbühnen ein Kalenderjahr auf zwei bis vier Stunden. Und die Tücke des Rückblicks ist, dass während des Rückblickens halt weiter mal was passiert, selbst in einem Jahr, in dem fast nichts passiert.     

Die Kladde hat sich gefüllt: Urban Priol beim Jahresrückblick im Würzburger Bockshorn. Foto: Fabian Gebert

Was Priol beim allerersten 2018-Probe-Tilt! vor einer Woche in Aschaffenburg sagte und am Donnerstag im Bockshorn ausführte, kann nächstes Wochenende bei den Auftritten in Stuttgart und Ulm schon ganz anders sein. Wenn nämlich "der Resterampe-Contest" bei der CDU vorbei ist und womöglich "Merz, der Bierdeckel-Messias" . . .   Aufgetaucht sei der wie ein U-Boot, sagt Priol. Und blickt schon mal in den Januar. Weil es bei der CSU ja auch so ein U-Boot gebe, den "Geölten in den USA" . . . Der  Zauskopf im bunten Hemd prophezeit Seehofers Rache: "Er hätte den Söder noch mal final geärgert."   

Und die SPD?

Bis zum letzten 2018-Tilt! am 31. Januar, wieder in Aschaffenburg, wird viel passieren - und viel halt auch nicht. Das Bemerkenswerte ist, mit wie viel Energie und Dynamik sich Urban Priol - so viel "Mimimimimi" in seinem Programm auch steckt, so oft er sich an den Kopf fassen, so viel er sich auch die Haar-Reste raufen muss - dann doch durch so ein Jahr analysiert und quatscht, das gefühlt ein eher deprimierendes war. Die SPD? Ach so, ach ja. Andrea Nahles hat es auch nur in Priols Jahres-Satire geschafft, weil sie kurz vor Schluss den "Parlamentskreis Pferd" mitbegründete. Also: Tilt! Vorbei. Und 2019 drückt ganz sicher wieder jemand die Reset-Taste.         

Im Fernsehen gibt es Urban Priols "Tilt! - Tschüssikowski" am 28. Dezember um 23.10 Uhr im ZDF zu sehen und am 30. Dezember um 20.15 Uhr auf 3sat.

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