WÜRZBURG

Jazz gegen die eigene Routine

Jazzfestival
Theo Bleckmann beim Würzburger Jazzfestival Foto: Daniel Peter

Eva verführt Adam mit Apfelschnaps: Furios beendete der Blues aus Kurt Weills Huckleberry-Finn-Musical am Sonntag das 32. Jazzfestival Würzburg im Felix-Fechenbach-Haus. Theo Bleckmann sang mit dem Julia Hülsmann Trio einen Tag nach ihrem gemeinsamen Auftritt beim Deutschen Jazzfest Frankfurt; der Wahl-Amerikaner gab dem Musikertreffen obendrein internationales Flair.

Aber es kam nicht aufs Image an. Bleckmann riss vielmehr hin durch seine ungemein differenzierte, meist hohe, klare und vibratofreie Stimme und echte, große Emotionalität. Zu viel davon drohte niemals, denn der Sänger hatte sich hörbar intensiv mit Texten und Partituren auseinandergesetzt. Zudem setzten Piano, Bass und Drums manches nüchterne Gegengewicht.

Irrlichternder Humor

Eine sehr leise „Mack the Knife“-Interpretation verblüffte den voll besetzten Saal, ansonsten lag der Schwerpunkt auf Ausgrabungen, in denen auch irrlichternder Humor schimmerte. Und natürlich klangen dann und wann die typischen Weill-Melodien auf. Mit Jazz hatte das vor allem durch die Offenheit der Song-Einrichtungen zu tun: Nach jedem Takt hätte es anders weitergehen können, als es weiterging. Stimmig war es dennoch immer.

Die veranstaltende Jazzinitiative Würzburg konnte sich auf ihr Publikum verlassen. Das wusste die etwas ruhigere Kunst von Hüls- und Bleckmann auch direkt nach dem Furor des Bastian Jütte Quartetts zu genießen. Der Schlagzeug-Professor der Münchner und Würzburger Musikhochschule hatte komponiert. Mancher seiner Berufskollegen von Phil Collins bis Wolfgang Haffner landete bei solchen Versuchen ja schon ziemlich tief im Banalen.

Nicht so Jüttes CD „Happiness is Overrated“. Schönstes Beispiel für die Anlage seiner Stücke: In langen Tonströmen gibt Altsaxofonist Florian Trübsbach dem Pianisten Rainer Böhm vor, was dieser bitte weiter im Detail ausarbeiten soll. Das Horn muss schließlich den Blick auf das Große und Ganze wahren. Sobald es aber aus dieser hehren Rolle ausbricht, reißt es die Musikermenschen mit ihren Instrumenten hinauf auf den Olymp. Apollon und Dionysos ließen, zumindest auf Dauer des Würzburger Konzerts, diese Hybris ungestraft.

An seiner gespannt federnden Trommelmaschinerie hatte Jütte offenbar geschworen: „Ich wiederhole mit meinen Sticks bis zum Finale keine einzige Figur.“ Dazu holte Henning Sieverts aus seinem Instrument die Töne, die Note für Note besagten: Das ist Kontrabass. Man konnte das Holz förmlich bis in die letzte Reihe riechen . . .

Fröhliche Verweigerung

Gestartet hatte diesen zweiten Festivalabend das Würzburger Joe Krieg Quartet & Horn Edition. Auch der flinke Gitarrist bewies ein gutes Händchen fürs Komponieren. Und, obwohl stark durchstrukturiert, lief der Auftritt sehr, sehr locker. Geflissentlich vermieden hatte Krieg das Hintereinanderkleben von Soli, die das Publikum dann – im Jazz oft gewohnheitsgemäß – abklatscht. Meist nur wenige Takte lang ragten einzelne Stimmen aus dem hervorragenden Zusammenspiel hervor, und weiter ging's.

Im Kleinen spiegelte sich eine solche Struktur wieder, wenn ein Gitarrenklang hinten mit Christoph Lewandowskis Trompete und vorne mit dem Klavier unter den Händen von Joachim Werner verschmolz, der sich als Ersatz für Marco Netzband das Repertoire für dieses eine Konzert draufgeschafft hatte. Solch eine Arbeitsweise – typisch Jazz. Und das bei einem Festival, das viele Jazzroutinen fröhlich verweigert hatte.

Das 33. Festival findet am 28. und 29. Oktober 2017 abermals im Felix-Fechenbach-Haus statt.

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