WÜRZBURG

Jesu Jünger im Ungefähren

Jünger Jesu: Szene mit Daniel Matthei, Freya Kreutzkam, Heiner Junghans. Foto: Gabriela Knoch

Im vergangenen Jahr stand der im Nachkriegs-Würzburg angesiedelte Roman „Die Jünger Jesu“ von Leonhard Frank im Zentrum der Aktionswochen „Würzburg liest ein Buch“. Für ihren Stück-Entwurf auf Basis des mehrschichtigen Prosawerks gewann die Würzburger Autorin Ulrike Schäfer im Juni 2014 den von einer Jury vergebenen Leonhard-Frank-Preis des Mainfranken Theaters.

In ihrer ersten Inszenierung für das Würzburger Haus brachte die Regisseurin Elisabeth Gabriel in den Kammerspielen jetzt die fertiggestellte Fassung zur Uraufführung. Schäfer hat Franks auf mehreren Handlungsebenen spielenden Roman klug komprimiert und auf kurzweilige 90 Minuten verdichtet, ohne dabei einen der Handlungsstränge zu vernachlässigen: die von elf auf vier Mitglieder reduzierte Bande von Jugendlichen, die „Jünger Jesu“, die gesellschaftlichen Reichtum bedarfsgerecht umverteilen; die offiziell verbotene Liebesgeschichte zwischen Johanna und dem US-Soldaten Steve; die Rückkehr, die Selbstjustiz der ins Soldaten-Bordell verschleppten Ruth, die eigenhändig Rache nimmt am Mörder ihrer Eltern, dem Nazi-Funktionär Zwischenzahl, der nach der „Stunde null“ als Schwarzmarkt-Händler schon wieder zu den erfolgreichen Profiteuren zählt, ohne für seine früheren Verbrechen juristisch zur Rechenschaft gezogen worden zu sein.

Das Ensemble (Claudia Kraus, Freya Kreutzkam, Heiner Junghans, Daniel Ratthei – alle in in mehreren Rollen – sowie Uwe Fischer als Pfarrer) zeigt sich als überaus spielfreudig, die von Alexis Agrafiotis eigens komponierte und von ihm selbst am Harmonium interpretierte Musik, die er bewusst in die Tradition der Brecht-Komponisten Kurt Weill, Hanns Eisler und Paul Dessau gestellt hat, passt bestens dazu.

„Wasch mich, aber mach mich nicht nass“, scheint jedoch als unausgesprochenes Motto über Text und Inszenierung zu stehen. Selbst wenn der Schlusschor unangenehme Fragen an uns Heutige stellt, bleibt der Abend eine der Ausgewogenheit und dem moralischen Gerechtigkeitsempfinden verpflichtete Sicht auf Franks radikale Bestandsaufnahme der Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Würzburg, „einer Stadt, die es nicht mehr gibt“.

Dabei werden, wie im Roman, das Fortleben der Ewiggestrigen, die ungenügende Sühne der NS-Verbrechen deutlich benannt, doch in den Konsequenzen, die angesichts auch aktueller Polit-Phänomene zu ziehen wären, bleibt Schäfers Bühnentext im reichlich Ungefähren. Und wohl um ja nicht anzuecken, breitet auch an diesem Bühnenabend der ökonomische Erfolg des Wirtschaftswunders den Mantel des Vergessens über die Traumata der Nachkriegszeit.

Die Vorstellungen im Juni sind ausverkauft; Karten gibt es noch für 2., 17., 21., 22. Juli, Tel. (09 31) 39 08-124

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