SCHWEINFURT

Jüdisches Leben in Anatevka

Auf der sonst leeren Bühne stehen zwei riesige Holzkisten. Sie öffnen sich, um kleine Alltagswelten des ukrainischen Schtetl Anatevka preiszugeben, das in der Vorrevolution um 1905 im russischen Kaiserreich liegt. Die Container sind unschwer als Zeichen des Unterwegsseins, des Heimatlosen, der Vertreibung zu erkennen. Gleichzeitig aber gestatten sie einen wundersamen Blick in ein buntes faszinierendes Kaleidoskop jüdischen Lebens in der Fremde.

Dieser bühnenbildnerische Coup steht für die ganze Anatevka-Version des Theaters Hof, die voll weiterer Überraschungen steckt: Regisseur Thomas Schmidt-Ehrenberg und sein Team erzählen mit dem spielfreudigen Ensemble sehr anrührend die Geschichte vom Milchmann Tewje, seiner Familie und seinen Nachbarn. Immer wieder spürt man, wie liebevoll das Musical „Anatevka“ erarbeitet wurde – noch heute, 28., und morgen, 29. April, im Schweinfurter Theater zu begutachten.

Ein toller Tewje

Carsten Andörfer ist ein toller Tewje: ein prächtiges Mannsbild, fromm, störrisch, liebevoll, schlitzohrig. Trotz drohender Pogrome bewahrt er seinen Lebensmut und Humor, schwierige Situationen bespricht er naiv-vertrauensvoll mit seinem Gott. Ein anderer Halt für ihn sind Traditionen als Ersatz für die fehlende Heimat. Da sind hitzige Auseinandersetzungen mit seinen drei heiratswilligen Töchtern vorgezeichnet, die sich doch wirklich ihren künftigen Mann selbst aussuchen wollen.

Zeitel (Julia Klemm/Cornelia Löhr) will ihren Jugendfreund Mottel (Andreas Bühring) heiraten, Hodel (Kathrin Hanak) den sozialistischen Revolutionär Perschik (Peter Kampschulte/Florian Lühnsdorf) und Chava (Birgit Reutter) den christlichen Russen Fedja (Thomás Mester/Maciej Salamon). Tewje ist außer sich, seine Frau Golde (liebenswürdig Stefanie Rhaue) versucht zu vermitteln.

Ungleich bedenklicher ist die Situation im Schtetl: Die Hochzeit von Zeitel und Mottel (Choreografie Barbara Buser) wird durch eine brutale Machtdemonstration russischer Soldaten gestört, am Schluss müssen die Juden auf Anordnung des Zaren das Dorf Anatevka verlassen.

Hoffnungsvoller Unterton

Neben den ebenso ernsten wie aktuellen Themen Ausgrenzung und Vertreibung stehen der Humor, der jüdische Witz und vor allem die mitreißende Vielfalt der Musik aus Klezmer- und osteuropäischen Melodien im Vordergrund. Roland Vieweg leitet ein kleines Orchester, das sparsam-filigran die Schönheit der Songs unterstreicht: Tewjes „Wenn ich einmal reich wär“, „Sabbat-Gebet“, „Zum Wohl“, „Tewjes Traum“ oder das wunderschöne Duett „Ist es Liebe?“

Ist das Finale ein buntes Tableau aus praller Lebensfreude, steht am Ende der Abschied von Anatevka. Der Fiedler spielt einsam seine Melodie, voller Melancholie zwar, doch ist nicht auch ein hoffnungsvoller Unterton zu hören? Langer, herzlicher Beifall.

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