WÜRZBURG

Jungpoeten lassen Klassiker alt aussehen

Diesen Blick von der Bühne wünscht sich Ensemblemitglied und Co-Moderator Kai Christian Moritz häufiger: Das Große Haus in „seinem“ Mainfranken Theater ist besetzt bis auf den letzten Platz! „Poetry Slam“ macht's möglich. Der Wettkampf zwischen toten und lebenden Dichtern lockt ein überwiegend junges Publikum, das sich restlos begeistert zeigt.

Vier tote Dichter, dargestellt von Schauspielern des Theaters, treten mit Werkausschnitten gegen vier junge Poeten an, die ihre selbst verfassten Texte darbieten – ohne Requisiten, nur Stimme und Körpersprache zählen. Eine zufällig ausgewählte Jury aus dem Publikum benotet die höchstens siebenminütigen Vorträge. Seine Betrachtungen über die Kunst, Geld zu verdienen und die Welt zu genießen, gestaltet der Münchner Alexander Burkhard als Wanderungen über den eigenen Körper, von den motivierten Haarspitzen über den zusammengekniffenen Arsch bis zu den getretenen Zehen. Die originellen Wortspiele bekommen frenetischen Beifall. Leonie Mühlen (Rosenheim) ist eine feinsinnige, einfühlsame „Schneckenhauszertrümmerin“. Getoppt werden beide von Helge Goldschläger, Erfinder einer Neusprache. Der Düsseldorfer übersetzt „Hänsel und Gretel“ ins „Bürotische“, schickt beide infolge einer „Wohnverhältnisbeendigungsmaßnahme“ in den „Forstbestand“, wo sie sich „räumlich nicht mehr verorten“ können. Dalibor Markovic aus Frankfurt zeigt seine Klasse mit „Vier Sätze der Poesiephysik“. Hintergründig treibt er sich mit überraschenden Wortkombinationen in Natur und Gesellschaft herum.

Als erster Klassiker gibt Max De Nil einen mächtigen Friedrich Nietzsche. Mit buschigen Augenbrauen und finsterem Blick widmet er den Vortrag des „Liedes der Schwermut“ seinem Überbart. Die 101 Zeilen von „Nur Narr, nur Dichter“ lässt er packend lebendig werden. In die Rolle Shakespeares schlüpft Jürgen Weber mit einer Passage aus „Heinrich V.“. Die Reaktion von Publikum und Jury auf den im Wechsel deutsch und englisch vorgetragenen Monolog fällt verhalten aus. „Undine geht“ – bewegt, zärtlich, anklagend liest Anna Sjöström als Ingeborg Bachmann diese Kurzgeschichte. Respektvoller Beifall! Aus anderem Holz ist Georg Zeies als Charles Bukowski geschnitzt. Das Mikro senkt er auf Genitalhöhe. Der angesoffene Dialog zur Befeuerung des häuslichen Zwists schlägt voll ein. Auch im Finale, in dem die beiden Besten jeder Gruppe aufeinandertreffen, lässt die spontane Leichtigkeit der quicklebendigen Slammer die Klassiker alt aussehen. Sieg für die Jungpoeten!

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