VENEDIG

Jury der Filmfestspiele von Venedig beweist Mut

Award ceremony - 72nd Venice Film Festival
Lorenzo Vigas Foto: Claudio Onorati (ANSA)

Mit einer Überraschung endete am Wochenende das 72. Filmfestival von Venedig: Der Goldene Löwe ging an den venezolanischen Film „Desde allá“ („From Afar“). Damit vollziehen die traditionell europalastigen Festspiele eine längst fällige Öffnung. Und Lorenzo Vigas ist mit seinem ersten Spielfilm gleich ganz weit oben angekommen: Sein Debüt ist ein ebenso vielschichtiges wie intensives Drama. Der Venezolaner triumphiert mit einem einprägsamen Werk über die sexuell und emotional aufgeladene Beziehung zweier ungleicher Männer – und holt die höchste Auszeichnung der Festspiele zum ersten Mal nach Lateinamerika.

Komplizierte Beziehung

Lorenzo Vigas (Jahrgang 1967) erzählt von Armando, der in Caracas deutlich jüngere Männer anspricht und sie gegen Bezahlung mit nach Hause nimmt. Einer von ihnen ist Elder, ungestüm, gewalttätig, aufgewachsen in armen Verhältnissen. Zwischen den beiden Männern beginnt eine komplizierte Beziehung, beide suchen Nähe, Geborgenheit und Liebe.

Der Regisseur deutet dabei viel an und überrascht mit unvorhersehbaren Wendungen. Außerdem gelingt ihm subtile Gesellschaftskritik, zeigt er doch die teils prekären Lebensverhältnisse, die großen Unterschiede zwischen Arm und Reich und die Ausgrenzung von Homosexuellen. Die Stärke von Vigas habe die Jury bewegt und überrascht, sagte dann auch die deutsche Schauspielerin und Jurymitglied Diane Kruger am Samstag nach der Verleihung. Sein Drama erzähle eine „wunderbare menschliche Geschichte“.

Überhaupt waren es im Wettbewerb vor allem die Männerfiguren, die mit dem Leben hadern. So auch in „Anomalisa“, diesem Animations-Kunstwerk, das mit dem Großen Preis der Jury – der zweitwichtigsten Auszeichnung – geehrt wurde. Die US-Amerikaner Duke Johnson und Charlie Kaufman drehten mit Puppen, die auf die große Liebe hoffen. Und das tun sie so menschlich und gefühlvoll, dass ihr Schicksal tatsächlich berührt.

Kindersoldaten

Diese Juryentscheidungen waren mutig, wohl die wenigsten hätten mit dem Goldenen Löwen für Venezuela gerechnet. Dennoch gingen bei den Hauptpreisen die Filme leer aus, die politische Missstände ausdrücklich thematisieren. Dazu gehörten etwa die chinesische Dokumentation „Beixi moshuo“ über die Ausbeutung von Minenarbeitern oder „Rabin, the Last Day“ von Amos Gitai über die Ermordnung des israelischen Ministerpräsidenten Izchak Rabin.

Ganz unpolitisch sind die Preise allerdings nicht: Als bester Jungdarsteller wurde der Teenager Abraham Attah aus Ghana mit dem Marcello-Mastroianni-Preis geehrt. Er spielt in Cary Fukunaga „Beasts of No Nation“ einen traumatisierten Kindersoldaten. Und der Spezialpreis der Jury ging an „Abluka“, in dem Emin Alper eine vom Bürgerkrieg erschütterte türkische Gesellschaft zeigt.

„Als wir den Film gedreht haben, schien das eine Dystopie zu sein, aber leider stellt es mittlerweile mehr die Realität dar“, sagte Alper. „Wir müssen unsere Stimme heben für mehr Frieden und Demokratie.“

Stars auf dem Roten Teppich

Beachtet man noch die Doppel-Auszeichnung für die französische Komödie „L'hermine“ von Christian Vincent, die für den besten Schauspieler (Fabrice Luchini) und das beste Drehbuch gewürdigt wurde, spiegeln die Preise auch die Vielfalt des Wettbewerbs wieder. Als beste Darstellerin wurde Valeria Golino für „Per amor vostro“ des Italieners Giuseppe M. Gaudino ausgezeichnet.

Zudem bewies Festivalleiter Alberto Barbera gerade in diesem Jahr sein Gespür für die richtige Mischung: Stars wie Johnny Depp, Kristen Stewart, Eddie Redmayne und Mark Ruffalo sorgten für Fanaufläufe am roten Teppich.

Vor allem aber holte Barbera etablierte Filmemacher wie Amos Gitai, Marco Bellocchio oder den früheren Löwengewinner Alexander Sokurow an den Lido und gab gleichzeitig Nachwuchsregisseuren einen Platz im Rampenlicht. Das hat sich ausgezahlt. Allein schon durch die Entdeckung von neuen Talenten wie Lorenzo Vigas.

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