Bad Kissingen

Katsaris: Der weltberühmte Pianist und die Kissinger Atombombe

Meisterkurs mit Cyprien Katsaris beim Kissinger Sommer: Der Pianist hat einen besonderen Blick für die komische Seite der Dinge. Und ein besonderes Ohr für Details.
'Klang ist nur ein physikalisches Ding': Samira Spiegel und Cyprien Katsaris
"Klang ist nur ein physikalisches Ding": Samira Spiegel und Cyprien Katsaris Foto: Mathias Wiedemann

Cyprien Katsaris kämpft. Nicht mit dem Klavier, nicht mit den Noten, nicht mit seinen Studenten für diesen Nachmittag. Sondern mit dem Headset an der Backe und der kleinen Funkbox, die so lästig in der Tasche seines Sakkos baumelt und ihm immer wieder in die Quere kommt. "Sie haben mir diese Atombombe gegeben..."

Katsaris, 68, in Marseille geborener Sohn zypriotischer Eltern, gehört seit Jahrzehnten zu den ganz großen Namen unter den Pianisten. Beim Kissinger Sommer gibt er heuer nicht nur zwei Konzerte mit den Pianistinnen und Pianisten des Kissinger Klavierolymps, sondern für sie alle auch einen Meisterkurs. Im ersten Durchgang im Weißen Saal des Regentenbaus sind Aris Alexander Blettenberg aus Mülheim an der Ruhr und Samira Spiegel aus Sulzthal (Lkr. Bad Kissingen), beide Jahrgang 1994, an der Reihe.

"Ich gehe davon aus, dass Sie alle Griechisch verstehen"

"Ich spreche kein Deutsch, aber ich gehe davon aus, dass Sie alle Griechisch verstehen", sagt Katsaris, als er den  Saal betritt. Nur dieses Blitzen in seinen Augen verrät, dass er scherzt. Er wird das noch oft tun an diesem Nachmittag, es scheint, als habe er ein besonderes Gespür für die komische Seite der Dinge. Der blöden Funkbox eben oder dieser schorfigen Stelle an seiner Unterlippe. "Ich bin nicht krank, Cholera oder so", verkündet er und zeigt auf sein Gesicht, "aber ich hatte einen Unfall im Hotel."

'Spiel alle Sforzandi!' Aris Alexander Blettenberg und Cyprien Katsaris
"Spiel alle Sforzandi!" Aris Alexander Blettenberg und Cyprien Katsaris Foto: Mathias Wiedemann

Er kommt dann sehr gut mit Englisch über die Runden, nur einmal muss eine Dame im Publikum aushelfen, als ihm kein Wort für das französische "haletant" (atemlos) einfällt. Cyprien Katsaris gehört zu den Menschen, die immer zum Mittelpunkt eines Raums werden, auch wenn sie abseits auf einem Stuhl sitzen. Er gehört aber auch zu den Menschen, die Freude daran haben, wenn andere sich entfalten. Zum Beispiel so begabte und bereits sehr fortgeschrittene Künstler wie die beiden jungen Pianisten. Und er gehört zu den Menschen, die helfen, anstatt zu tadeln, die neue Möglichkeiten zeigen, anstatt alte zu verwerfen.

"Versuche nicht, einen zu schönen Klang zu machen"

Aris Alexander Blettenberg spielt die erste Klaviersonate von Robert Schumann, ein ruppiges, enorm schweres Stück in fis-Moll. Er spielt sie außerordentlich kraftvoll (technisch nahezu perfekt sowieso) und lässt den großen Flügel wuchtig durch den nicht sehr großen Raum klingen. "Du spielst wundervoll", lobt Katsaris, "dies ist keine Meisterklasse, wir sind Kollegen."

Ein paar Anmerkungen hat er dann doch, immer mit dem Hinweis, dass Blettenberg sie ja nicht umsetzten müsse. Aber: Es stehen sehr viele Sforzandi in der Partitur, kleine, harte Akzente also, nicht alle sind zu hören. Katsaris: "Spiel alle Akzente!" Als der junge Pianist es noch einmal probiert, wird der Unterschied sofort hörbar. Cyprien Katsaris holt ein wenig aus, um das Stück in den Kontext seiner Entstehungszeit einzubetten: Es waren bewegte Zeiten, in denen Schumann lebte, zerrissen von Kriegen und Konflikten. "Versuche nicht, einen zu schönen Klang zu machen. Schumann war ein exzessiver Musiker, du könntest hier ein bisschen verrückter sein."

Video

Immer wieder sind es Details, ja Winzigkeiten, die große Veränderung bringen. Ein kleines Zögern etwa, eine maximal ausgereizte Punktierung. Cyprien Katsaris ermuntert immer wieder zu Abweichungen: "Danke, dass du hier nicht beide Hände stur zusammenspielen lässt."

Samira Spiegel ist nach der Pause etwas früher da – um die Zeit totzuschlagen, bis das Publikum wieder vollzählig im Saal ist, spielen sie und Katsaris mal eben vierhändig den fünften Ungarischen Tanz von Brahms. Dann: "Gracias Senorita. Now Liszt!" Die "Tre Sonetti del Petrarca" von Franz Liszt verbinden auf vergleichsweise kleinem Raum maximale technische Schwierigkeiten und beseelte lyrische Passagen. Samira Spiegel spielt so sensibel wie virtuos, Cyprien Katsaris, bekennender Liszt-Jünger, ist verzaubert: "Du spielt mit Liebe und Herz, du legst dein ganzes Wesen in diese Poesie. Das ist wundervoll."

"Mehr Gewicht in die Tastatur, weniger auf den Stuhl"

Aber auch hier ein Aber. Ganz viele Pianisten machen den Fehler, die stillen Momente nicht zu respektieren: "Manchmal ist Stille die schönste Musik." Und: "Bist du glücklich mit diesem Fortissimo?" Samira Spiegel ist es nicht, es klingt ihr zu hart. Katsaris rät: "Schlage nicht auf die Tasten ein. Mehr Gewicht in die Tastatur, weniger auf den Stuhl." Es funktioniert.

Nächste Stelle: Die junge Pianistin ist noch nicht mit einer Melodie zufrieden, die Liszt in vielfingrige Arabesken eingewoben hat. Spiegel: "Ich will all diese Details zeigen, ohne dabei den großen Bogen zu verlieren." Cyprien Katsaris nickt wissend. Ein altes Pianisten-Problem. "Spiel das doch mal mit einem Sänger", rät er. Aber egal, wie sie die Melodie irgendwann spielen wird, es kommt nur auf eines an: Wie sie selbst empfindet. "Das Wichtigste in der Musik ist die Übermittlung von Emotion. Klang ist nur ein physikalisches Ding."

Rückblick

  1. Wie der Kissinger Sommer unter der Corona-Pandemie leidet
  2. Kleine Entschädigung für den ausgefallenen Kissinger Sommer
  3. Der abgesagte Kissinger Sommer bekommt doch einen kleinen Nachhall
  4. Kissinger Sommer: Stadt und Intendant gehen bald getrennte Wege
  5. Aleksey Igudesmans Musikertipps für Künstler im Hausarrest
  6. Traditionell und wild: So würdigt der Kissinger Sommer Beethoven
  7. Der Kissinger Sommer gratuliert 2020 Beethoven zum 250.
  8. Vorsichtige Umschichtung im Programm des Kissinger Sommers
  9. Festivalbilanz: So lief der Kissinger Sommer
  10. Staunen über viele Stile einer unvollendeten Messe
  11. Tanja Tetzlaff entschlackt Bach in Bad Kissingen
  12. "Sommernächte": Packende Liedkultur statt Melancholie
  13. Philippe Jarousskys Hommage an einen vergessenen Meister
  14. Grigory Sokolov, Meister der feinen Schattierungen
  15. Musik und Klimawandel
  16. Rossini: Von Blumen und stillem Glück
  17. Pianist Andsnes präsentiert Mozart beim Kissinger Sommer
  18. Kissinger Sommer: Truls Mørk in Bestform
  19. Wenn die Zeile"Freunde, das Leben ist lebenswert" voll zutrifft
  20. Das Orchester, das sein eigener Intendant ist
  21. Ächzende Fagotte und tirilierende Flöten bei Mendelssohn
  22. Ural Philharmonic Orchestra: Das versprochene Wunder trat ein
  23. So angeregt wird nur diskutiert, wenn Zeitgenössisches erklingt
  24. Rossini: Geplärr und Geleier
  25. Atemberaubend mühelos: Die Koloraturen der Julia Lezhneva
  26. Amerikanische Klassiker in bleierner Hitze
  27. Ulrich Tukur zeigt, warum "Moby Dick" aktueller denn je ist
  28. Christian Tetzlaff holt Bach ins Hier und Jetzt
  29. Überraschende Begegnungen mit Mozart beim Kissinger Sommer
  30. Braucht es zeitgenössische Musik? Ja, unbedingt
  31. Der Tag mit Haydn endete mit einem Gewitter im Littmann-Saal
  32. Wenn die Rheintöchter Alberich am Saalestrand verhöhnen
  33. Herbert Blomstedt begeistert in Bad Kissingen
  34. Katsaris: Der weltberühmte Pianist und die Kissinger Atombombe
  35. Julia Lezhneva, die Sopranistin im Wunderland
  36. Altmeister und Nachwuchskünstler: Zwei besondere Blicke auf Bach
  37. Mal leise, mal leidenschaftlich: Eröffnung des Kissinger Sommers
  38. Wo der Kissinger Sommer am schönsten ist
  39. "Rheingold" beim Kissinger Sommer: Wie wird das werden?
  40. Kissinger Sommer: Große Gefühle beim Liederabend mit Diana Damrau
  41. Ulrich Tukur und Udo Samel beim Kissinger Sommer
  42. Juan Pérez Floristán gewinnt Kissinger KlavierOlymp
  43. Kissinger Sommer 2018: Niveau gut, Auslastung weniger
  44. Kissinger Sommer: Ausklang mit Temperament
  45. Die Herren mit den weißen Turnschuhen
  46. BR-Symphoniker beim Kissinger Sommer: Es ginge interessanter
  47. Rossini: Wirklich eine nette Geste?
  48. Kissinger Sommer: Kunstvolle Einfachheit und mystische Tiefe
  49. Rossini: Die sechs Zugaben des Grigory Sokolov
  50. Grigory Sokolov: Der weise Mann und das Klavier

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Bad Kissingen
  • Mathias Wiedemann
  • Deutsche Sprache
  • Flügel und Klaviere
  • Franz Liszt
  • Freude
  • Griechische Sprache
  • Johannes Brahms
  • Kissinger Sommer
  • Musiker
  • Pianisten
  • Pianistinnen und Pianisten
  • Robert Schumann
  • Sänger
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!