Katsushika Hokusai: Der verharmloste Tsunami

Er gilt als einer der berühmtesten Vertreter der japanischen Kunstgeschichte. Seine Stärken sind feine Linien und zarten Farben. Der Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt eine Retrospektive des Werkes von Hokusai.
Weltberühmt: Katsushika Hokusais Tsunami-Bild aus der Serie „36 Ansichten des Berges Fuji“ ist eine Ikone der japanischen Kunst.Foto: dpa, IT

In Japan nennt man die Dinge nie gern beim Namen, das zeigte sich bei den Mitteilungen der Regierung zum Reaktorunglück in Fukushima. Aber das war auch schon früher so, als Katsushika Hokusai (sprich: Hok'sai, 1760-1849) lebte, der als 13-Jähriger seine Künstlerkarriere begann. Er wechselte in rund 70 Jahren seine Lehrer und Schulen, über 30 Mal seinen Künstlernamen und mehr als 90 Mal seinen Wohnort. Alles, was ihm vor die Augen geriet, setzte er in Kunst um. So entstand auch sein Tsunami-Bild von 1831, „Unter der Welle im Meer vor Kanagawa“ betitelt, das weltweit wohl bekannteste japanische Kunstwerk überhaupt. Eine Bezeichnung, die bei seinen Landsleuten gerade noch so durchgeht. Tsunami ist ein Begriff der japanischen Sprache und heißt verharmlost „Hafenwelle“. Der Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt noch bis zum 24. Oktober eine Retrospektive mit Werken des japanischen Großkünstlers, auch mit Bildern, die noch nie in Deutschland zu sehen waren.

Im Land der aufgehenden Sonne gibt es kein Wort für die mörderische Wucht meterhoher Wellenwände, überhaupt kaum Begriffe für Katastrophen. Die Mentalität verlangt, auch das Brutale der Natur zu verharmlosen. Hokusais Tsunami-Bild, in Holz geschnitten, ist längst eine Ikone. Es zeigt das Aufbäumen des Meeres, gierige, wie mit Krakenarmen nach Fischerbooten fassende Wellen, die Ruderer wegpeitschen, so dass sie in der Gischt verschwinden. Und im Hintergrund lieblich der Nationalberg Fuji, der sonst so majestätisch wirkt, sich hier aber ängstlich duckt. Ein symbolbeladenes Kunstwerk aus der Serie „36 Ansichten des Berges Fuji“. Hokusai, der Name ist vom Polarstern abgeleitet, gilt in seiner Heimat als einer der berühmtesten Vertreter der japanischen Kunstgeschichte. Seine Stärke sind feine Linien und zarten Farben. Mit ihnen konnte er alles darstellen, ob Natur in ihrer Vielfalt, die Menschen seiner Zeit wie schöne Frauen, fette Sumo-Ringer oder Soldaten und Kurtisanen, Tänzer, Fischer und Bauern, Tradition und Folklore, Kabuki-Theatermimen, Dämonenfratzen, Tempelpriester.

Die Linie nutzte der Künstler als Erzählung, ihre akribische Führung und die pastellfarbene Farbgebung dazu halten Landschaften und Geschichte fest. Bis heute wird Hokusai in Japan nachgeahmt, er bleibt jedoch sowohl in seinem Anspruch als auch in seiner Themenprallheit unerreicht. Dazu gehören auch seine provozierend satirischen Zeichnungen, ganze Bilderbücher, mit denen er die heutigen Mangas, Comichefte, vorwegnahm. Aber auch Karikaturen, Spielkarten, Fächer, Bastelbögen und Landkarten. Japans produktivster Künstler verschaffte dem volkstümlichen Holzschnitt Popularität bis heute.

Den Künstler umranken viele Legenden. Als tiefgläubiger Buddhist verzichtete der äußerst erfolgreiche Maler auf irdische Genüsse, lebte allein und mittellos, nur mit einer Teekanne und einigen Teeschalen, täglich im schlichten Kimono, ganz der Kunst ergeben, ohne jedes Interesse an verpflichtenden menschlichen Beziehungen und materiellen Gütern. Als er 70 wurde, verkündete er, keine seiner Zeichnungen vor diesem Geburtstag habe noch Bestand. Als er über 80 war, seufzte er. „Mit hundertzehn wird jeder Punkt und Strich, den ich zeichne, zum Leben erwachen.“ Noch in seinem Sterbejahr barmte er: „Hätte der Himmel mir weitere fünf Jahre geschenkt, wäre ich ein großer Maler geworden.“ Raffiniertes Understatement sogar noch auf dem Totenbett.

Die in Berlin zu sehenden Werke aus seiner ganzen Schaffenszeit beeindrucken mit ihrer unmittelbaren Lebendigkeit. Der Betrachter wird hineingesogen in Hokusais Szenen und Kulturlandschaften, er steht neben dem Maler am „Ono-Wasserfall“ (1833), erschauert wie der Künstler beim Anblick des martialisch aufgerüsteten „Heerführers Cao Cao vor der Schlacht bei Chibi“ (1847) und lächelt über Hokusais „Fischer am Strand“ (1818), einem entspannt auf dem Felsen hockenden Mann mit Glatze und filigranem Pfeifchen.

Großartig sind die „36 Ansichten des Berges Fuji“, an dieser Serie kommt kein Besucher vorbei. Hokusai spielte mit den Dimensionen des riesigen Vulkankegels, pinselte Figuren und Szenen dazu. Kopien dieser Serie hängen in Millionen japanischer Haushalte und Institutionen. Insgesamt sind 440 Hokusai-Werke zu bewundern. Berlin darf sich hoch anrechnen, dass unter erheblichen Sicherheitsvorkehrungen eine zarte Holzschnittserie, die noch nie außer Landes ging, auf die Reise gebracht wurde.

Täglich außer Dienstag 10 bis 20 Uhr geöffnet, Internet: www.gropiusbau.de

Hokusais „Ein Kranichpaar“ (1846).

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