BAD KISSINGEN

Kissinger Sommer: Ausklang mit Temperament

kg-kiso-Alondra de la Parra ©Cicero Rodrigues       -  Alondra de la Parra
Alondra de la Parra Foto: Rodrigues

Mit einem fulminanten Abschluss, der Ballettsuite „El Sombrero de tres Picos“ von Manuel de Falla klingt der diesjährige Kissinger Sommer aus. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin beginnt mit Pauken und Trompeten. Es ist in den Händen der jungen, vor Temperament sprühenden Alondra de la Parra bestens aufgehoben, denn alle Musikerinnen und Musiker gehen mit, als seien sie eine Einheit. Bis in die Fingerspitzen ihrer langgliedrigen Hände gibt die mexikanische Dirigentin auswendig ihre Zeichen, tänzelnd wie eine stolze Matadorin, die sich vor den sehr homogenen Streichern und den Top-Bläsern geschmeidig bewegt. Klavier, Harfe, Schlagzeug und Celesta mischen präsent mit.

Von Beginn an füllen Highlights den fast vollständig besetzten Max-Littmann-Saal im Regentenbau. Acht Celli und sechs Kontrabässe tragen zum satten Orchesterklang bei. Die „festliche Ouvertüre A-Dur“ von Dmitri Schostakowitsch, die das Orchester sprudelnd, virtuos und mit fließenden Läufen über die Rampe schickt, macht vom ersten Ton an Laune, die sich bei den Variationen über „I got Rhythm“ von George Gershwin noch steigert. Flöten werden für diesen Ohrwurm nicht gebraucht. Stattdessen kommen Saxofone, und schon swingt ein ganzes Orchester.

In perfekten Dialog dazu tritt der britische Pianist Benjamin Grosvenor. Seine Interpretation kommt, als sei sie aus dem Moment heraus geboren. Perkussiv und rhythmisch fegt der 24-Jährige blitzsauber und technisch hochkarätig über die Tasten. Unter seinen Händen blüht der Flügel, nachdem das berühmte Klarinetten-Glissando den ersten Gänsehaut-Effekt über den Konzertsaal gelegt hat. Die konzertante Sinfonik des Broadway-Komponisten, gemischt mit Jazz-Elementen, mixen die Berliner zu einem Megasound, in dem sie dem Solisten und einzelnen Instrumenten Raum lassen.

Bleibt noch Claude Debussy zu erwähnen. Mit „Iberia“ aus „Images“ malt das Orchester farbige Bilder von Straßen und Wegen, von Düften der Nacht und dem Morgen eines Feiertages. Kastagnetten und Celesta setzen Akzente, einzelne Instrumentenstimmen drängen in den Vordergrund, schön herausgearbeitet und animiert von der mexikanischen Dirigentin, die sie bildhaft musizieren lässt: mal langsam, beinahe träge, bisweilen schwül und dunkel, dann wieder wummernd, schwelgend, folkloristisch.

Jubelnder Applaus und Bravos für einen Konzertabend, bei dem sich Dirigentin, Solist und Musiker in die Herzen der Zuhörer gespielt haben.

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