BAD KISSINGEN

Kissinger Sommer: Kunstvolle Einfachheit und mystische Tiefe

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Vox Clamantis aus Estland Foto: Bart Babinski

Seit an Seite schmiegten sich die Sänger und Sängerinnen in das Halbrund der Apsis der neoromanischen Erlöserkirche in Bad Kissingen. Langsam ebbte das Gemurmel des Publikums ab, die Stimmen der 14 Choristen erhoben sich wie eine einzige in den Raum, bevor die Sänger nach vorne vor den Altarraum traten. Es begann eine Stunde Chormusik von größter Klangschönheit.

Im Rahmen des Kissinger Sommer war das estnische Vokalensemble Vox Clamantis unter der Leitung von Jaan-Eik Tulve zu Gast mit Werken von der Gregorianik bis zu zeitgenössischen Kompositionen Arvo Pärts und anderen. Die Zusammenstellung ließ zunächst stutzen, erwies sich jedoch im Lauf des Konzerts als ein genialer Wurf. Gregorianische Gesänge wechselten sich annähernd nahtlos mit Werken aus späterer Zeit bis in die Gegenwart ab und verflochten sich zu einer Einheit.

Jahrhundertealte Gesangstradition

Die estnische Gesangstradition reicht weit in die vorschriftliche Zeit zurück. Singen spielt in Estland eine große Rolle. Von früher Kindheit an singen die Menschen viel und gern, bisweilen spricht man gar vom „Sängervolk“ der Esten. Aus dieser Tradition erwachsen hervorragende Chöre, die sich durch klangliche Direktheit und Reinheit auszeichnen. So wird aus vielen Stimmen eine Einheit.

Fast übergangslos an das gregorianische „Mandatum Novum“ fügt sich Arvo Pärts Komposition „Drei Hirtenkinder aus Fátima“ aus dem Jahr 2014 an, das Gerhard Richter gewidmet ist und anlässlich einer Werkschau Richters von Vox Clamantis uraufgeführt wurde. Es spricht eine tiefe Religiosität aus Pärts Werken. Obertongesang auf der einen und der Tiefe Grundton des Subbasses reicherten bei Meister Pérotins „Beata Viscera“ das Klangspektrum an, was der Komposition mystische Stimmung verlieh. Dagegen radikale und meditative Vereinfachung beim unisono von den Frauen gesungenen „Ole tervitatud, Maarja“ von Helena Tulve.

Tief beeindrucktes Publikum

Gregorianik und zeitgenössische estnische Kompositionen standen sich nicht gegenüber, sondern gingen Hand in Hand in der Reduktion des Klangmaterials – so entstanden spirituelle Tiefe und fast magische Klangschönheit. Der beinahe minimalistische Eindruck berührte unmittelbar. Mit einem hebräischen Chorsatz und Cyrillus Kreeks „How large is our poverty“ als Zugaben verabschiedete sich das Vokalensemble von einem tief beeindruckten Publikum.

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