Bad Kissingen

Kissinger Sommer: Stadt und Intendant gehen bald getrennte Wege

Der Kissinger Sommer 2021 wird Tilman Schlömps letzter. Der Intendant des Festivals und die Stadt als Veranstalter trennen sich. Schlömps Vertrag wird nicht verlängert.
Tilman Schlömp wird den Kissinger Sommer nur noch bis einschließlich der Ausgabe für das Jahr 2021 prägen. Danach trennen sich die Wege des Intendanten und der Stadt Bad Kissingen.
Tilman Schlömp wird den Kissinger Sommer nur noch bis einschließlich der Ausgabe für das Jahr 2021 prägen. Danach trennen sich die Wege des Intendanten und der Stadt Bad Kissingen. Foto: Siegfried Farkas

Als Oberbürgermeister Kay Blankenburg am Mittwochabend im bislang ersten und einzigen Ferienausschuss des Stadtrats von einer wichtigen personellen Änderung beim Kissinger Sommer berichtete, ging die Botschaft in der berüchtigten Akustik des Tattersalls erst einmal unter. Wer es nicht schon wusste, konnte sich in dem verhallten Corona-Ersatz für den gewohnten Sitzungssaal im Rathaus nur mühsam zusammenreimen, welche Tragweite die missglückte Bekanntgabe hatte. Erst auf Nachfrage wurde am Donnerstag klar: Die Stadt als Veranstalter und Tilman Schlömp gehen bald getrennte Wege. Der Vertrag des Intendanten wird nicht verlängert.

Keine Details über Hintergründe 

Entschieden hat das zuvor offenbar der Stadtrat in einer nichtöffentlichen Sitzung. Über Gründe oder Hintergründe der Entscheidung mochten sich im Nachgang weder der Oberbürgermeister noch der Intendant äußern. Schlömp bestätigte allerdings grundsätzlich den Vorgang: "Ja, wir trennen uns", erklärte er auf Anfrage. Wobei Trennung nicht etwa vorzeitige Kündigung bedeutet. Der über fünf Festival-Jahre abgeschlossene Vertrag mit Schlömp läuft einfach mit den Leistungen für den Kissinger Sommer 2021 aus.

Er habe zwar bereits ein paar Projekte für den Kissinger Sommer 2022 angegangen, berichtete Schlömp. Die seien aber inzwischen schon wieder abgesagt. Potenzielle Nachfolger hätten bestimmt noch genug Zeit, ihr eigenes Programm für 2022 zu entwickeln. Darüber hinaus wollte auch der Intendant aktuell über den Vorgang nichts sagen. Mehr als zukünftige Ausgaben des Festivals beschäftigt ihn im Moment vermutlich ohnehin die Gegenwart. Für Mittwochabend war, wie berichtet, eigentlich eine Entscheidung über die generelle Absage des Kissinger Sommers 2020 erwartet worden. Die blieb auf Initiative von Blankenburg im Stadtrat dann aber aus. Auch die ursprünglich angekündigte Pressemitteilung über den Umgang mit den städtischen Veranstaltungen der nächsten Zeit kam nicht.

Wirtschaftliche Gründe?

Aus dem Stadtrat ist auf Nachfrage zu hören, die Entscheidung, Schlömps Vertrag nicht zu verlängern, habe keine persönlichen Hintergründe, sondern hauptsächlich wirtschaftliche. Der Stadtrat habe unter anderem auf rückläufige Besucherzahlen reagieren wollen. Auch die Hoffnungen auf mehr Sponsoringeinnahmen hätten sich nicht im gewünschten Umfang erfüllt. Möglicherweise spielte zudem eine Rolle, dass sich die ehrgeizigen Erwartungen des Rathauses, das Defizit des Kissinger Sommers von der Größenordnung einer Million zum Ende der Amtszeit von Gründungsintendantin Kari Kahl-Wolfsjäger auf 500 000 Euro zu senken, nicht einlösen ließen.

Nach Ablauf der Amtszeit von Schlömp sollen dessen Aufgaben zwei Personen übertragen werden. Im Ferienausschuss des Stadtrats sprach Blankenburg von einer Aufteilung in Dramaturgie und Intendanz. Gemeint sind wohl eine künstlerische und eine kaufmännische Leitung, wo die eine Seite eher für Programm sowie Inhalte und die andere unter anderem fürs Einwerben von Sponsoren sowie Repräsentanz nach außen zuständig ist. Durch die Verteilung der Last auf verschiedene Schultern sollen der Stadt aber keine Mehrkosten entstehen.

Vertrag für fünf Festivals von 2017 bis 2021

Der 54-jährige Schlömp hatte die nicht ganz einfache Nachfolge von Gründungsintendantin Kari Kahl-Wolfsjäger angetreten. Der erste Kissinger Sommer mit seiner Handschrift war der von 2017. Der in Gießen geborene und in Minden in Westfalen aufgewachsene Schlömp hat in Hamburg, Münster und Mainz Musikwissenschaft studiert. In Mainz promovierte er auch, dort erhielt er zudem seine erste Festanstellung. Danach bekam er Gelegenheit, am Aufbau der Philharmonie in Dortmund mitzuarbeiten. 2005 wechselte er zum Beethovenfest nach Bonn. Dort war er Leiter des künstlerischen Betriebs und machte zusammen mit der Intendantin die Konzertplanung.

Rückblick

  1. Kissinger Sommer 2021: Große Strahlkraft bei geringem Defizit
  2. Wie der Kissinger Sommer unter der Corona-Pandemie leidet
  3. Kleine Entschädigung für den ausgefallenen Kissinger Sommer
  4. Der abgesagte Kissinger Sommer bekommt doch einen kleinen Nachhall
  5. Kissinger Sommer: Stadt und Intendant gehen bald getrennte Wege
  6. Aleksey Igudesmans Musikertipps für Künstler im Hausarrest
  7. Traditionell und wild: So würdigt der Kissinger Sommer Beethoven
  8. Der Kissinger Sommer gratuliert 2020 Beethoven zum 250.
  9. Vorsichtige Umschichtung im Programm des Kissinger Sommers
  10. Festivalbilanz: So lief der Kissinger Sommer
  11. Staunen über viele Stile einer unvollendeten Messe
  12. Tanja Tetzlaff entschlackt Bach in Bad Kissingen
  13. "Sommernächte": Packende Liedkultur statt Melancholie
  14. Philippe Jarousskys Hommage an einen vergessenen Meister
  15. Grigory Sokolov, Meister der feinen Schattierungen
  16. Musik und Klimawandel
  17. Rossini: Von Blumen und stillem Glück
  18. Pianist Andsnes präsentiert Mozart beim Kissinger Sommer
  19. Kissinger Sommer: Truls Mørk in Bestform
  20. Wenn die Zeile"Freunde, das Leben ist lebenswert" voll zutrifft
  21. Das Orchester, das sein eigener Intendant ist
  22. Ächzende Fagotte und tirilierende Flöten bei Mendelssohn
  23. Ural Philharmonic Orchestra: Das versprochene Wunder trat ein
  24. So angeregt wird nur diskutiert, wenn Zeitgenössisches erklingt
  25. Rossini: Geplärr und Geleier
  26. Atemberaubend mühelos: Die Koloraturen der Julia Lezhneva
  27. Amerikanische Klassiker in bleierner Hitze
  28. Ulrich Tukur zeigt, warum "Moby Dick" aktueller denn je ist
  29. Christian Tetzlaff holt Bach ins Hier und Jetzt
  30. Überraschende Begegnungen mit Mozart beim Kissinger Sommer
  31. Braucht es zeitgenössische Musik? Ja, unbedingt
  32. Der Tag mit Haydn endete mit einem Gewitter im Littmann-Saal
  33. Wenn die Rheintöchter Alberich am Saalestrand verhöhnen
  34. Herbert Blomstedt begeistert in Bad Kissingen
  35. Katsaris: Der weltberühmte Pianist und die Kissinger Atombombe
  36. Julia Lezhneva, die Sopranistin im Wunderland
  37. Altmeister und Nachwuchskünstler: Zwei besondere Blicke auf Bach
  38. Mal leise, mal leidenschaftlich: Eröffnung des Kissinger Sommers
  39. Wo der Kissinger Sommer am schönsten ist
  40. "Rheingold" beim Kissinger Sommer: Wie wird das werden?
  41. Kissinger Sommer: Große Gefühle beim Liederabend mit Diana Damrau
  42. Ulrich Tukur und Udo Samel beim Kissinger Sommer
  43. Juan Pérez Floristán gewinnt Kissinger KlavierOlymp
  44. Kissinger Sommer 2018: Niveau gut, Auslastung weniger
  45. Kissinger Sommer: Ausklang mit Temperament
  46. Die Herren mit den weißen Turnschuhen
  47. BR-Symphoniker beim Kissinger Sommer: Es ginge interessanter
  48. Rossini: Wirklich eine nette Geste?
  49. Kissinger Sommer: Kunstvolle Einfachheit und mystische Tiefe
  50. Rossini: Die sechs Zugaben des Grigory Sokolov

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Bad Kissingen
  • Siegfried Farkas
  • Beethovenfest
  • Intendantinnen und Intendanten
  • Kari Kahl-Wolfsjäger
  • Kay Blankenburg
  • Kissinger Sommer
  • Kunst- und Kulturfestivals
  • Städte
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!