WÜRZBURG

Kosmetik fürs Frankenland

Romantiker: Sie malten sich die Welt schön. Das hatte mit Philosophie zu tun, war aber auch Flucht aus dem Alltag. Die klappt heute noch ebenso wie im 19. Jahrhundert. Dummerweise ist die Realität hartnäckig.
Andreas Geists Würzburgansicht (1852), gesehen vom „Letzten Hieb“ (heute Frauenland). Foto: WINFRIED-BERBERICH, Thomas Obermeier

Alte Zeiten, linde Trauer“, dichtete Edelromantiker Eichendorff und fühlte „leise Schauer wetterleuchtend durch die Brust“ schweifen. Ähnliches mag im modernen Menschen vorgehen, wenn er im Würzburger Kulturspeicher vor Andreas Geists Gemälde „Würzburg vom Letzten Hieb“ steht. Der Blick gleitet über Residenz und Dom, über Käppele und Festung mainabwärts Richtung Zell. Gut 160 Jahre alt ist das Bild und flüstert: Früher war alles ruhiger und besser und schöner. Tatsächlich ist die Skyline von Würzburg durch Hochhäuser, Funkmasten, Abgasschlote, seither nicht anmutiger geworden . . .

Aber: Auch 1852, als Geist sein Bild malte, hat die Stadt nicht so ausgesehen. „Geist hat idealisiert“, sagt Dr. Nico Kirchberger, stellvertretender Leiter des Würzburger Museums im Kulturspeicher. „Würzburg ist auf dem Bild schöner als in der damaligen Realität.“ Das Bild ist Teil einer Ausstellung im Würzburger Kulturspeicher (siehe Kasten).

Ein angenehmer Sommertag

Geist (1805 bis 1860) lag damals voll im Trend. An seinem Bild und an heute noch existierenden Würzburger Bauwerken lässt sich exemplarisch festmachen, wie Romantiker die Realität aufhübschten, wie sei dachten. Da ragen die gemalten Türme des Doms schlanker empor, auch die Kuppel von Stift Haug wurde einer leichten Diät unterzogen und geliftet. Die Achse zwischen Residenz und Dom scheint leicht verschoben – wohl, weil sich die Anordnung der Bauten auf dem Bild dadurch besser machte. Und der Festungsberg erhebt sich steil und kegelförmig aus der Umgebung als sei's der leibhaftige Ätna – bloß in einer verkleinerten und schon deswegen nicht bedrohlichen Ausführung.

Weiches Licht liegt über der Szenerie und erzählt von einem angenehmen Sommertag (Sommermorgen?). Markante Bauten werden herausgehoben, „als sei jeder mit einem Spot beleuchtet“ (Kirchberger). Derart glücklich-zufällig einfallendes Licht hat Geist wohl nie über Würzburg gesehen. „Es ist Teil seiner Lichtregie“, so Kunsthistoriker Kirchberger.

Wirklichkeit entsteht im Kopf

Dieses Bild von Würzburg hat so nur im Kopf von Andreas Geist existiert. Frei erfunden hat es der gebürtige Haßfurter freilich nicht. Das unterscheidet die Bilder romantischer Landschaftsmaler von denen ihrer Vorgänger. „Noch 40 Jahre zuvor hatte man ideale Landschaften gemalt“, so Kirchberger, also konstruierte, meist griechisch-antik wirkende Ansichten, die es so nie gegeben hat. Romantik-Landschaften gehen dagegen von der Realität aus und verpassen ihr etwas Kosmetik.

Was steckt dahinter, wenn dem Maler das Bild, das er vor dem inneren Auge sieht, wichtiger ist als das, was seine Sehorgane ihm wirklich zeigen? Zum einen das grundsätzliche Misstrauen gegenüber einer unabhängigen Existenz der Realität. Philosophen wie Friedrich Schlegel und Johann Gottlieb Fichte dachten es vor, und Arthur Schopenhauer behauptete plakativ: „Die Welt ist meine Vorstellung.“ Der Mensch sieht die Dinge also nicht, wie sie sind. Die Wirklichkeit entsteht im Kopf. Nun hatte nicht jeder Romantiker Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“ unter dem Kopfkissen, und kein Künstler brütete beim Malen über Feinheiten der Erkenntnistheorie.

Doch diese Weltsicht prägte die Epoche und war unter Intellektuellen ebenso verbreitet wie unter Künstlern.

Romantische Landschaftsbilder entstanden denn auch nicht in der Natur. Vor Ort wurden lediglich Skizzen gefertigt, die dann im Atelier nach der Vorstellung des Malers zum Ölbild ausgearbeitet wurden.

Patriotismus und Deutschtümelei

Zum anderen entdeckten die Romantiker die Heimat. Deutsche Städte und Landstriche wurden nun als würdige Motive empfunden. Dahinter steckte eine Portion Patriotismus bis hin zur Deutschtümelei. Bei aller Sehnsucht nach dem Süden – die spätestens seit Goethes Italienreise 1786 bis 1788 grassiere – sollte auch gezeigt werden, wie schön es hierzulande ist. Gerade Franken stand hoch im Kurs. 1793 hatten die Studenten Wilhelm Heinrich Wackenroder und Ludwig Tieck das Umland der Universitätsstadt Erlangen zu Pferd erkundet. „Eine Gegend, die zu tausend Schwärmereien einladet“, notierte man über das „Muggendorfer Gebürg“, die heutige Fränkische Schweiz. Nürnberg wurde wegen seiner mittelalterlichen Anmutung geradezu zur Hauptstadt der Romantik stilisiert. Da passte auch Würzburg ins Bild.

Dann sei da auch, erklärt Nico Kirchberger, ein „Bedürfnis nach Entschleunigung“ gewesen, damals schon, und heute kaum vorstellbar. Doch seit 1835, als die erste Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth schier unglaubliche Geschwindigkeit entwickelte, erschien vielen das Leben hektisch, rastlos. Geists Würzburgbild ist auch Ausdruck der Sehnsucht nach einem Zur-Ruhe-kommen, ist Flucht aus dem Alltag. Flucht ist auch die Würzburg-Ansicht von Georg Mauckner, die er, wie Geist, 1852 malte und ebenfalls vom „Letzten Hieb“ aus – damals eine Ausflugsgaststätte im Frauenland.

Die harmlose Kanone

Mauckner (1829 bis 1862) lässt im Vordergrund Kavalleristen Richtung Stadt traben. Sie wirken kein bisschen kriegerisch, die Kanone ist harmlos nach unten gerichtet. Sie wird die Ruhe nicht stören. Der uniformierte Trupp ist bewusst in das Bild hineinkomponiert. „Diese sogenannten Staffagefiguren sollen den Blick des Betrachters lenken und die Größenverhältnisse deutlich machen“, erklärt Kirchberger. Auch sie sind Inszenierung und nicht Teil der aktuell gesehenen Wirklichkeit. Aber um die geht es eben nicht, sondern darum, „ein Gefühl zu wecken“, so der Kunsthistoriker.

Wenn's also im Inneren des Museumsbesuchers angesichts der friedlich-nostalgischen Szenen eichendorffmäßig wetterleuchtet, ist das genau das, was Geist, Mauckner & Co. erreichen wollten.

Doch die Realität ist hartnäckig und bleibt, bei aller künstlerischer Bemühung, wie sie ist. Mitsamt Hochhäusern, Funkmasten, Abgasschloten. Und Kriegsgerät ist allzu oft auch nicht nur Staffage.

Ausstellung im Würzburger Kulturspeicher

Sehnsucht.Landschaft heißt die Ausstellung im Würzburger Museum im Kulturspeicher. Sie vereint 79 Landschaftsgemälde (überwiegend Ölbilder, aber auch Aquarelle und Zeichnungen) der Romantik. Der Besucher reist mit den Bildern von Franken ins Voralpenland bis nach Italien und Spanien.

Der Fokus liegt auf vier gebürtigen Würzburgern, die später in München arbeiteten: Fritz Bamberger (1814 bis 1873), August Christian Geist (1835 bis 1868), Ferdinand Knab (1834 bis 1902) und Franz Leinecker (1825 bis 1917). Dr. Nico Kirchberger, stellvertretender Leiter des Kulturspeichers, verabschiedet sich mit dieser Ausstellung von Würzburg. Sein Zeitvertrag als Vertretung von Dr. Henrike Holsing, die noch in Elternezeit ist, läuft ab. Ende Februar wird Kirchberger die Stadt Würzburg in Richtung München verlassen. Dort wird er im Stadtmuseum die Abteilung für Grafik und Gemälde leiten.

Öffnungszeiten: Dienstag 13–18, Mittwoch und Freitag bis Sonntag 11–18, Donnerstag 11–19 Uhr; bis 2. April.

Würzburg heute, vom Hubland aus gesehen. Vom „Letzten Hieb“ aus ist der freie Blick auf die Stadt nicht mehr möglich. Foto: Thomas Obermeier

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