MÜNSTER/STUTTGART

Krieg und Tötung im Namen Gottes

Blutspuren: Enthauptung der Juden in Jerusalem durch „die Feinde des Herrn“ (oben), Kreuzfahrer erobern die Stadt und rächen die Kränkungen in Strömen von Blut (unten).
Blutspuren: Enthauptung der Juden in Jerusalem durch „die Feinde des Herrn“ (oben), Kreuzfahrer erobern die Stadt und rächen die Kränkungen in Strömen von Blut (unten). Foto: WP

„Selig sind die Friedfertigen“, heißt es in der Bergpredigt von Jesus Christus. Im 11. Jahrhundert setzte Bischof Bonizo von Sutri dem ein eigenwilliges Wort entgegen: „Selig sind, die Verfolgung ausüben um der Gerechtigkeit willen.“ Bonizo war ein enger Vertrauter Papst Gregors VII. (1020-1085), seine Aussage markierte einen fatalen Wechsel der Kirche im Umgang mit Gewalt.

Nun war es auf einmal möglich, im Namen der Kirche zu töten und Kriege zu führen, wie der Mittelalterhistoriker Gerd Althoff in einem im Stuttgarter Theiss-Verlag veröffentlichten Buch nachweist. Der Professor aus Münster schließt mit seinem Werk nach eigener Einschätzung eine Forschungslücke. Bislang hat man sich in der Mittelalterkunde vor allem um die Fragen gekümmert, wie sich die Macht zwischen Kirche und Staat aufteilte und wer beispielsweise einen Kaiser oder einen Papst in sein Amt einsetzen durfte.

Fundamentaler Wechsel

Der fundamentale Wechsel in der theologischen Bewertung von Gewalt hat dagegen bislang kaum wissenschaftliches Interesse geweckt. Doch die Zeit des Hoch- und Spätmittelalters ist ohne die Legitimation der Gewalt durch die Kirche kaum zu verstehen.

Althoff spürt den Quellen nach und zeigt auf, dass eine eigenwillige Zusammenschau von alt- und neutestamentlichen Bibelstellen zur Rechtfertigung von Gewalt, von Krieg und Tötung im Namen Gottes führte. Wenn etwa Jesus Christus seinen Nachfolgern verheißt, dass sie die Macht hätten, zu binden und zu lösen, so wird das heute vor allem seelsorgerlich insbesondere auf die Sündenvergebung hin interpretiert. Im Mittelalter bedeutete das aber, über die Mitgliedschaft in der Kirche und die Teilhabe an ihren Gaben zu entscheiden. Ein weiterer Gedankenschritt in der Theologie Papst Gregors: Ungehorsam gegenüber Papst und Kirche wurde mit Ketzerei gleichgesetzt, also dem Abfall vom rechten Glauben. So rigide waren die kirchenführenden Männer in den Jahrhunderten zuvor nicht gewesen. Dass man auch noch für sich reklamierte, das Gericht Gottes wie alttestamentliche Propheten gewalttätig vollziehen zu dürfen, führte zur Blutspur, die sich bis in die Neuzeit durch die Kirchengeschichte zieht. Althoff weist nach: Die damaligen Verantwortlichen agierten nicht mit schlechtem Gewissen, sondern in der „absoluten Gewissheit, im Einklang mit dem göttlichen Willen zu handeln“.

Die christliche Botschaft von Nächsten- und Feindesliebe wurde offiziell nicht abgeschafft, aber untergeordnet. Das bedeutet indessen nicht, dass die Gregorianer mit ihrem Ja zur Gewalt in der Kirche nur Zustimmung ernteten. So schrieb der Theologe Wenrich von Trier an Papst Gregor VII. und fragte ihn, wie er es mit den Weisungen von Jesus Christus und den Aposteln in Einklang bringen könne, dass jemand einen Christen „für Christus“ töte.

Eine Antwort des Papstes hat es wohl nicht gegeben, aber im Reich sind solche Vorwürfe schnell bekannt geworden. Gerd Althoff widerspricht der These, dass die Rechtfertigung von Gewalt dem Christentum innewohne. „Die Akzente, die Gregor VII. und die Reformer setzten, waren neu und beinhalteten massive Veränderungen kirchlicher Theorie und Praxis“, schreibt er. Ihre historischen Auswirkungen waren gewaltig.

Gerd Althoff: Selig sind, die Verfolgung ausüben. Päpste und Gewalt im Hochmittelalter (Theiss, 29,95 Euro)

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