Schweinfurt

Kunst-Streit: Schweinfurt trennt sich von Hierling-Sammlung

Andrea Brandl, Leiterin der Kunsthalle Schweinfurt (Dritte von links), erläutert ihr Konzept für die Neuhängung zum zehnten Geburtstag des Hauses – ohne die Sammlung Hierling. Mit im Bild, von links: wissenschaftliche Mitarbeiterin Julia Weimar, Kulturamtsleiter Christian Kreppel... Foto: Anand Anders

In diesem Jahr feiert die Kunsthalle Schweinfurt zehnjähriges Bestehen. Das städtische Haus im ehemaligen Ernst-Sachs-Bad, gewidmet der Kunst nach 1945, nutzt den runden Geburtstag, sich neu aufzustellen. Einer wird nicht mitfeiern: der Sammler Joseph Hierling. Seine Bilder des Expressiven Realismus, bislang prominenter Bestandteil der Ausstellung, haben im neuen Konzept keinen Platz mehr.

540 Arbeiten lagern in Schweinfurt, etwa die Hälfte einer Sammlung von über 1000 Bildern. Bislang hatte eine Auswahl dieser 540 Arbeiten von Künstlern wie Paul Kleinschmidt, Walter Becker, Franz Frank, Albert Schiestl-Arding, Fritz Gartz oder Erich Glette einen festen Platz im Untergeschoss, hinzu kamen jährliche Wechselausstellungen zu Themen wie "Feld-, Wald- und Wiesenlandschaften" oder "Mensch und Mythos"

Februar 2007: Erich Schneider, damals Leiter der Sammlungen der Stadt Schweinfurt, Sammler Joseph Hierling und Gudrun Gr... Foto: Laszlo Ruppert

Der auf zehn Jahre befristete Leihvertrag zwischen Joseph Hierling und der Stadt Schweinfurt ist am 31. Dezember 2018 ausgelaufen. Die Stadt will ihn nicht verlängern, Oberbürgermeister Sebastian Remelé, gleichzeitig Kulturreferent, hat Hierling dies Anfang Januar per Brief mitgeteilt. Joseph Hierling ist "fassungslos", sagt er. Eine Trennung habe sich für ihn nicht abgezeichnet. 

Laut Andrea Brandl, Leiterin der Kunsthalle, und OB Remelé standen drei Folgemodelle zur Debatte:
- Weitermachen wie bisher. Hierling sagt, er habe vorgeschlagen, den Vertrag zunächst um drei Jahre zu verlängern.
- Überführung der Sammlung in eine Stiftung.
- Ankauf eines Teilkonvoluts von 106 Arbeiten durch die Stadt. 

Man habe bereits seit drei Jahren Gespräche geführt, sich aber auf kein Konzept einigen können, sagt Andrea Brandl – weder finanziell, noch in Fragen der Präsentation. So hatte sich die Stadt im Leihvertrag verpflichtet, zusätzlich zur Dauerpräsentation mit etwa 70 Arbeiten, mindestens einmal jährlich eine Ausstellung zum Themenkreis Expressiver Realismus auszurichten.

Die Stadt wollte sich nicht mehr verpflichten, regelmäßige Wechselausstellungen zu erarbeiten

Bereits im September 2018 hatte Remelé Hierling geschrieben, dass die Stadt diese Bedingungen nicht mehr erfüllen wolle: "Vertragliche Verpflichtungen, sei es bei einem Ankauf oder einer Vertragsverlängerung, die bestimmen, welche Aufgaben die Sammlung in Zukunft übernehmen soll, wollen wir nicht eingehen."

Beispiel aus der Sammlung: Albert Schiestl-Arding, Selbstbildnis im Winter, 1933. Foto: Joseph Hierling

Im Schreiben von Anfang Januar heißt es: "Trotz mehrfacher konstruktiver Gespräche, Annäherungen, gemeinsamer Überlegungen und einer Vielzahl von uns ausgerichteter Ausstellungen ist es Ihnen und uns nicht gelungen, die Sammlung zum Expressiven Realismus nachhaltig im Konzept der Kunsthalle zu verankern."

Kunstgeschichtliche Zuordnungen wie Impressionismus, Expressionismus oder Realismus sind weithin bekannt.  Der Begriff "Expressiver Realismus" weniger. Es geht um die Maler der "verschollenen Generation", um Künstlerinnen und Künstler, die zwischen 1890 und 1910 geboren wurden und damit alle Fährnisse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebten und erlitten: zwei Weltkriege, Verfemung, Mal- und Ausstellungsverbote im Nationalsozialismus und – sozusagen als Krönung lebenslangen Unglücks – kaum mehr Wirkung nach 1945. Ihre Arbeiten bedienen sich der Formensprache der klassischen Moderne, zu erkennen sind Elemente des Im- und Expressionismus und des Kubismus.

Joseph Hierling, geboren 1942 in München, war Fernseh-Kameramann und später Leiter der Film- und Fernsehproduktion beim Bayerischen Fernsehen. Heute lebt er in Tutzing. Seine Sammlung hat er über viele Jahrzehnte zusammengetragen. 1993 gründete er mit dem Kunsthistoriker Rainer Zimmermann das Museum Expressiver Realismus in Kißlegg im Allgäu, das bis 2005 bestand. 

Die umstrittene Lücke zwischen den Beständen des Museums Georg Schäfer und denen der Kunsthalle

Bei der Eröffnung der Kunsthalle vor zehn Jahren wurde vielfach darauf hingewiesen, dass die Sammlung Hierling die zeitliche Lücke schließen werde zwischen dem Bestand des Museums Georg Schäfer (MGS) mit Arbeiten des 18. bis frühen 20. Jahrhunderts und dem der Kunsthalle, die sich der Zeit nach 1945 widmet. Joseph Hierling ist weiterhin dieser Auffassung, Andrea Brandl ist es nicht. Der Besucher habe diesen Zusammenhang nie richtig verstanden, sagt sie. "Wir sind oft gefragt worden, warum diese Sammlung ausgerechnet hier bei uns in Schweinfurt so prominent gezeigt wird." 

Beispiel aus der Sammlung: Robert Liebknecht, Nächtlicher Boulevard-Paris, 1937 Foto: Joseph Hierling

Nach sukzessiver Schließung und Neustreichung aller Räume und einer Sonderausstellung mit der fotografischen Sammlung von Gunter Sachs (15. März bis 16. Juni) feiert die Kunsthalle am 13. und 14. Juli Wiedereröffnung mit einer kompletten Neukonzeption der Ausstellung. Jenseits der Nichteinigung mit Joseph Hierling auf vertraglicher Ebene und jenseits deutlich unterschiedlicher Einschätzungen der Attraktivität seiner Sammlung, will Brandl die Kunsthalle auch inhaltlich ohne einen Schwerpunkt Expressiver Realismus neu – und internationaler – aufstellen. So soll das Motto künftig "Kunst in Deutschland nach 1945" lauten und nicht mehr "Kunst aus Deutschland."

Brandl: "Es wäre schlimm, wenn wir auf dem Stand von vor zehn Jahren stehengeblieben wären."

Die Lücke zwischen MGS und Nachkriegszeit will die Kunsthallenchefin aus eigenen Beständen und nicht auf eine Künstlergruppe fokussiert schließen, etwa mit Arbeiten von Leo Putz, Willi Kohlhoff oder des Ehepaars Modersohn-Becker. Hier hätten auch Künstler der verschollenen Generation ihren Platz finden können, Joseph Hierling habe aber darauf bestanden, dass sein Konvolut "nur als geschlossener Komplex" (so auch eine Formulierung in einem Brief des Sammlers an den OB) gezeigt werde. Auch die Idee, Bilder von Erich Glette (Sammlung Hierling) in Zusammenhang mit Arbeiten seiner Schüler Heimrad Prem, Florian Köhler, Heino Naujoks oder Helmut Rieder (Sammlung Kunsthalle) zu stellen, sei an dieser Forderung gescheitert, sagt Brandl.

Aus der Anfangszeit, nach Eröffnung der Kunsthalle 2009: Plakat zur Sammlung Joseph Hierling auf dem Vorplatz. Foto: Joseph Hierling

Der Bestand der Kunsthalle habe sich dank bedeutender Schenkungen und Leihgaben weiterentwickelt, sagt Andrea Brandl. "Es wäre schlimm, wenn wir auf dem Stand von vor zehn Jahren stehengeblieben wären." OB Sebastian Remelé ergänzt: "Die Sammlung Hierling war für uns ein sehr wichtiger Startschuss und Herr Hierling ein wichtiger Vertragspartner, um die Kunsthalle als Marke zu etablieren. Im Laufe der Jahre hat sie aber an Strahlkraft verloren. Jetzt müssen wir neue Wege beschreiten, damit die Kunsthalle ihre Attraktivität behält."

Joseph Hierling sagt, er kann sich auf die Absage keinen Reim machen, die Argumentation der Stadt hält er für "hanebüchen" und "fadenscheinig". Und er wundert sich über den kühlen Tonfall der schriftlichen Trennung. Schließlich habe er über die Jahre Ausstellungen mitkonzipiert, Kosten für Reisen und Transporte übernommen und Reproduktionen finanziert. In der Tat, ein Wort des Dankes findet sich in der Absage an keiner Stelle.

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