Würzburg

"La Rondine": Meiningen holt Puccini-Oper aus der Kitsch-Falle

Liebe in Schieflage: "La Rondine" in Meiningen mit Alex Kim (Ruggero) und Elif Aytekin (Magda). Foto: Marie Liebig

„Wie eine Schwalbe auf ihrem Flug / wirst du über das Meer schweben, / zum goldenen Horizont der Träume.“ Wer kennt nicht solch romantische Fantasterei aus eigener Erfahrung? Oder aus klischeebeladenen Filmszenen. Wer wollte nicht gelegentlich unterm Himmelszelt dahingleiten? „La Rondine“ (die Schwalbe) heißt Giacomo Puccinis Oper, die nun in Meiningen Premiere hatte. Selten gespielt – vielleicht, weil das Stück den Ruf hat, etwas zu nahe am Kitsch dahinzugleiten und zu nahe am Operettigen.

Doch das, was wir an „Lyrischer Komödie“ in Koproduktion mit der Oper Bytom/Katowice, in der Regie von Bruno Berger-Gorski („Sly“) und unter dem Dirigat von Leo McFall zu sehen und zu hören bekommen, ist weit besser als der Ruf. Nicht nur wegen der teils atemberaubenden gesanglichen, darstellerischen und musikalischen Leistung von Ensemble, Chor, Extrachor (Leitung: Manuel Bethe) und Ballett (Choreografie: Andris Plucis), sondern wegen der Welt hinter der, ja: tatsächlich operettigen Glitzerwelt, in die uns die Inszenierung blicken lässt.

Pariser Salon mit allerhand Bohemiens: "La Rondine" im Meiningen. Von links: Robert Bartneck (Prunier), Monika Reinhard (Lisette), Elif Aytekin (Magda), Alex Kim (Ruggero). Foto: Marie Liebig

Anfänglich locken Musik und Handlung auf eine falsche Fährte, denn die Töne, die aus dem Orchestergraben wallen, könnte man auch in einer Operette Franz Lehárs verorten. Wir blicken in einen Pariser Salon mit allerhand Bohemiens, in dem der Dichter Prunier (Robert Bartneck) mit wohlklingenden Worten im Gleichklang mit der romantischen Träumerei der schönen Magda (Elif Aytekin) schwingt, der Mätresse des Hausherrn Rambaldo (Tomasz Wija). Auch die folgenden Ereignisse, in denen sich die sehnsüchtelnde Magda und der bis über beide Ohren vom Liebreiz berauschte Ruggero (Alex Kim) finden, sind ummantelt von einer Inbrunst, die wir vom schwelgerischen Operettenmilieu her kennen. Egal: Von Elif Aytekin und Alex Kim ist man trotzdem hingerissen.

Es konversiert und feiert sich die fein kostümierte Gesellschaft

Die erste Korrektur einer vorgefassten Weltsicht erzeugt das Bühnenbild von Helge Ullmann. Salon, Ballsaal, Hotelsuite an der Riviera erinnern an Bestandteile eines kubistischen Gemäldes: Freigestellte, trapezförmige Wandelemente, auf die, wenn es denn sein muss, noch eine Videoimpression von Jae-Pyung Park projiziert wird. Zwischen den Elementen flaniert, konversiert und feiert sich die fein kostümierte Gesellschaft, eingekleidet von Françoise Raybaud, während am Rande käufliche Liebe und andere erotische Spezereien erblühen und am Ende die Putzfrau mit Eimer und Besen den Dreck wegräumt.

Solch kleinen Szenen in den Szenen, die die Idylle immer wieder brechen, drängen zu der Frage, welche Welt wohl hinter den Spiegeln liegt, in denen sich die eitle Gesellschaft selbst bewundert, so lange sie sich beobachtet fühlt. Unbeobachtet sieht es schon anders aus mit hehren Hymnen an die romantische Liebe. Da greift sich der Dichter lustvoll die flotte Zofe Lisette (Regina Sturm für die erkrankte Monika Reinhard) und versucht nebenbei, sie zu sich emporzubilden. Was den Fantasien des Librettisten Giuseppe Adami entspringt oder denen der Interpreten der Geschichte, wird dabei zweitrangig. Jedenfalls versteht es der Regisseur, den Blick hinter die Fassaden zu schärfen.

Die erste Korrektur einer vorgefassten Weltsicht erzeugt das Bühnenbild von Helge Ullmann. Salon, Ballsaal, Hotelsuite an der Riviera erinnern an Bestandteile eines kubistischen Gemäldes. Foto: Marie Liebig

Und dann das vermeintlich schlimme Ende. Trotz gegenseitiger Liebesschwüre driftet das Traumpaar auseinander. Man könnte das – wie der Librettist – als klischeebeladenen Sieg eines unabwendbaren Schicksals sehen: Mätresse bleibt Mätresse. Aber wer Ruggeros verzweifelten Klagegesang hört oder selbst leiderfahren ein Wörtchen mitzureden hat, der kann Magdas Entschluss nachvollziehen, in die Salons zurückzukehren, statt sie gutbürgerlich versorgt einsperren zu lassen. Selbst, wenn in Paris des Dichters Flügel bereits hochsymbolisch in Flammen aufgeht und sich Magda zwischen den Welten verirren sollte: Geklammere bringt Ungemach. Da kann der Tenor im reinsten Ton und im besten Opernitalienisch singen wie er will: „Ma come puoi lasciarmi! … Wie kannst du mich verlassen, wenn ich mich weinend quäle und an dich klammere!“ Finito.

Nächste Vorstellungen: 4. und 20. Dezember, jeweils 19.30 Uhr; 12. Januar, 15 Uhr; 13. Februar, 19.30 Uhr; 16. Februar, 19 Uhr. Kartentelefon: (03693) 451 222. www.meininger-staatstheater.de

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