WÜRZBURG

Mainfranken Theater: Am Ende sind sie alle Opfer

Beeindruckende Bilder: Szene aus „Bluthochzeit“ am Mainfranken Theater.
Beeindruckende Bilder: Szene aus „Bluthochzeit“ am Mainfranken Theater. Foto: Thomas Obermeier

Das Streben nach individueller Freiheit und Glück – selbstverständlich! Überlieferte Konventionen und rigorose Moralvorstellungen – längst überholt! Zumindest in den Lebenswelten der Städtebewohner des 21. Jahrhunderts. Oder lügen wir uns da in die eigene Tasche? Bestimmen die in den Tiefen weiterwirkenden archaischen Strukturen immer noch weitaus stärker unser Fühlen und Handeln, als wir es uns selbst eingestehen wollen?

Antworten auf diese Fragen sucht Brit Bartkowiak in ihrer Inszenierung von Federico Garcia Lorcas Tragödie „Bluthochzeit“ im Würzburger Mainfranken Theater.

Fotoserie

Bluthochzeit

zur Fotoansicht

Sie holt das im Andalusien der 30er Jahre spielende Stück des bedeutendsten spanischen Dichters des 20. Jahrhunderts in eine zeit- und ortlose Gegenwart. In Details lässt Kostümbildnerin Julia Ströder die bäuerliche Welt aufscheinen.

Ein Zaun begrenzt die Welt

Weitaus deutlicher zeigt sich die archaische Enge in Hella Prokophs Spielfläche, die vollständig mit Holzschnitzeln bedeckt und von einem bühnenhohen Bretterzaun begrenzt ist: Eine hermetische Welt, die nach ganz eigenen Gesetzen und Ritualen funktioniert, und die Individualität nur in ganz engen Grenzen zulässt.

So nimmt die tragische Handlung mit geradezu zwangsläufiger Gesetzmäßigkeit ihren Lauf – und das, obwohl sich alle Personen, allen voran die von Anja Brünglinghaus souverän ins Handlungszentrum gestellte Mutter, dagegen stemmen: Bewundernswert, wie sie zwischen liebevoller Wärme und kalter Härte wechselt, wie sie ihre Zerrissenheit zwischen mildem Nachgeben und der hässlichen Gewalt der Blutrache offenbart. Denn nach ihrem Mann und dem älteren Sohn verliert sie in der Hochzeitsnacht auch den zweiten Sohn (Bastian Beyer) an die Blutrache. Herausgefordert durch die Flucht seiner Braut (Helene Blechinger), stellt dieser den Nebenbuhler Leonardo (Martin Liema).

Im anschließenden Kampf sterben beide – der Ausbruch aus den Konventionen ist zum Scheitern verurteilt, der gegenseitige Hass, auf die Spitze getrieben durch das Gesetz der Blutrache, verunmöglicht das individuelle Glück.

Die Flucht als Ausweg?

Dieses blutige Geschehen kann auch von der übrigen Hochzeitsgesellschaft nicht aufgehalten werden, im Gegenteil: Mit ihren Todesmasken sind das Dienstmädchen (Lea Sophie Salfeld), die Nachbarin (Maria Brendel), Leonardos Frau (Hannah Walther) und der Brautvater (Meinolf Steiner) selbst Teilnehmer der Jagd auf das Paar, das durch seine Flucht den Ausweg aus den Konventionen sucht.

Am Ende sind sie Beschädigte, Leidende, Opfer allesamt, aufgefangen und getröstet vom gemeinsam gemurmelten „Gegrüßet seist du, Maria“. Ein kurzer und intensiver Theaterabend mit großartigen Bildern, die im Gedächtnis lange weiterwirken.

Nächste Vorstellungen: 19. und 31. Mai, 3., 7. und 10. Juni. Karten: Tel. (09 31) 39 08-124.

Rückblick

  1. Mainfranken Theater lädt zur Abschiedswoche ins Große Haus
  2. Mainfranken Theater: Abschied vom Großen Haus
  3. Kommentar: Trabusch-Entscheidung ist eine Niederlage für den OB
  4. Mainfranken Theater: Neuer Vertrag für Trabusch wahrscheinlich
  5. Mainfranken Theater: Antrag für neuen Vertrag für Trabusch
  6. Mainfranken Theater: Rohbau ist fertig, Richtfest fällt aus
  7. Förderverein Mainfranken Theater: Trabusch-Debatte schnell beenden
  8. Trabusch-Vertrag: Würzburger Stadtrat berät doch noch einmal
  9. Trabusch-Debatte: Am Donnerstag wird es im Stadtrat spannend
  10. Mainfranken Theater: Stadt reagiert auf Vorstoß zu Trabusch-Vertrag
  11. Mainfranken Theater: Wird über Trabusch-Vertrag neu entschieden?
  12. Mainfranken Theater: Intendant Markus Trabusch muss 2021 gehen
  13. Dorian Brunz – Autor und Stipendiat am Mainfranken Theater
  14. Absagen und Verschiebungen: Corona erreicht die Kultur
  15. Corona-Vorsorge: Mainfranken Theater setzt Betrieb bis 19. April aus
  16. Otto Kukla: "Ich habe viel beim ollen Brecht gelernt"
  17. Vom Windhauch zum Orkan: Die Philharmoniker mit Mahler im Dom
  18. Das Mainfranken Theater entlarvt den Reaktionär Strindberg
  19. Berufung: Enrico Calesso wird ständiger Gastdirigent in Linz
  20. Oper im Mainfranken Theater: Nichts für Schmerzempfindliche
  21. Der Philosoph als Dirigent: Theaterpreis für Enrico Calesso
  22. Interview: Der Neue am Pult des Philharmonischen Orchesters
  23. Weihnachtskonzert: Glitzerndes Entertainment zum Mitschnipsen
  24. Paul Maar und die hohe Kunst des königlichen Vorlesers
  25. Zehn Minuten Applaus für "Evita" am Mainfranken Theater
  26. Spaß mit Opas Eskapaden: „5 Kilo Zucker“ in der Kammer
  27. Das Mainfranken Theater wird zu Hotzenplotz' Räuberhöhle
  28. Schwalbenkönig und die negativen Seiten des Profifußballs
  29. Kosma Ranuer als Rigoletto: Alles andere als zweite Wahl
  30. Trunkene Sinnlichkeit beim Sinfoniekonzert der Philharmoniker
  31. Wie man einem Dirigenten (s)ein Instrument verschafft
  32. Kleist – als Spion in Würzburg?
  33. Mainfranken Theater: Tänzer zwischen "Einst" und "Jetzt"
  34. Comedian Harmonists in Würzburg: Warum man sich beeilen muss
  35. Warum das Würzburger Musiktheater derzeit einen Lauf hat
  36. Beklemmung pur beim Wendestück am  Mainfranken Theater Würzburg
  37. Würzburgs Schauspieler machen Schillers Klassiker zum Ereignis
  38. Erste Millionen-Rate für die Theatersanierung
  39. Mainfranken Theater: Bilanz der ersten Baustellen-Saison
  40. Staatsheater: Wiedereinzug ins neue Haus mit neuem Namen
  41. Wird das Mainfranken Theater noch heuer Staatstheater?
  42. Interview: Eine Frau, die Musik liebt und Nächstenliebe lebt
  43. Ein Jahr neue Tanzcompagnie – zwei Tänzer ziehen Bilanz
  44. Musikalischer Geschlechterkampf im Rathaushof
  45. Wofür Maria Brendel ihrem Würzburger Publikum dankt
  46. Zur Wiederaufnahme am Sonntag: Hänsel und Gretel, ein musikalisches Fest
  47. Kommentar: Chance für Intendant ist gleichzeitig Hypothek
  48. Mainfranken Theater: Aufschub für Trabusch, Mediation für alle
  49. Schauspieler Horwitz: Wut-Brief an OB war nicht "bestellt"
  50. Trabusch-Vertrag: Dominique Horwitz schreibt Wut-Brief an OB

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Würzburg
  • Manfred Kunz
  • Federico García
  • Federico García Lorca
  • Mainfranken Theater
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!