WÜRZBURG

Mainfranken Theater: Stengeles Orfeo trifft ins Herz

Beeindruckend: Orfeo (Sonja Koppelhuber, rechts) und Euridice (Nathalie de Montmollin) Foto: Falk von Traubenberg

Die „Buh“-Rufer im Würzburger Mainfranken Theater haben es wohl so gesehen: Regisseur Bernhard Stengele hat Christoph Willibald Glucks „Orfeo ed Euridice“ nicht wirklich inszeniert. Der Beitrag zum Mozartfest wirkt wie eine konzertante Oper: Das Orchester sitzt auf der Bühne, ein Bühnenbild gibt es praktisch nicht. Marianne Hollenstein hat lediglich einen Laufsteg gebaut, der zwischen den Musikern hindurch in den Bühnenhintergrund ansteigt. Stengele kommt ohne Ballett aus. Choreograf Ivan Alboresi hat nur Bewegungen mit den Damen und Herren vom Opernchor eingeübt.

Seine märchenhaften Seiten kann Glucks Werk in Würzburg nicht zeigen. Nicht einmal das im Libretto vorgesehene Happy End – Amore erweckt Eurydice wieder zum Leben – gönnt der Schauspieldirektor dem Publikum, das nach 100 Jahren Hollywood-Film heute ebenso süchtig nach einem guten Ende ist wie das zur Zeit des Herrn von Gluck. All das hat wohl die „Buh“-Rufer gestört. Es waren aber nicht allzu viele.

Starke Persönlichkeiten

Denn man kann es auch so sehen: Bernhard Stengele hat die 1762 uraufgeführte Oper von Schwulst befreit, hat ablenkendes Beiwerk konsequent entfernt. Er hat die Handlung extrem verdichtet und fokussiert, was das Werk aus den fernen Gefühlslagen des Spätbarock mitten ins Herz des 21. Jahrhunderts katapultiert. Das funktioniert erstens, weil Opernreformer Gluck zwar auf Handlung setzte, damit aber nicht das meinte, was man heute „Action“ nennt, sondern eine innere, eine seelische Handlung. Da lässt sich auch auf Äußerlichkeiten verzichten. Es funktioniert zweitens, weil die Personen, auf denen permanente Aufmerksamkeit lastet, auf der Würzburger Bühne von starken Persönlichkeiten gespielt werden.

Da ist vor allem Sonja Koppelhuber. Dass sie gut ist, hat sie im Mainfranken Theater schon mehrfach bewiesen. Als Orpheus wächst die Mezzosopranistin über sich hinaus. Langsam schwingt bei lang gehaltenen Tönen das Vibrato ein, sanft steigert sich die Lautstärke – wie es die Interpretation dieser alten Musik erfordert. Sonja Koppelhuber präsentiert die große Partie technisch überlegt, tief im Herzen gefühlt und mit sprechender Mimik. Die Gefühlslagen des unglücklichen Orpheus übertragen sich auf die Zuschauer, die der Sängerin stehend applaudieren.

Jubel und „Bravo“-Rufe gab's am Ende auch für Nathalie de Montmollin, die ihrer Euridice teils dramatische Züge verleiht, und Anja Gutgesell. Die gerne im leichten, komischen Fach eingesetzte Sopranistin zeigt, dass sie sich auch in ernsten Rollen gut macht.

Chorszenen kommen am Theater immer gut. Glucks „Orfeo“ gibt dem Chor viel Raum. So können die von Markus Popp präparierten Damen und Herren immer wieder für anrührende Momente sorgen.

Die Damen und Herren des Philharmonischen Orchesters spielen, nach etwas staksigem Beginn, einen wunderbaren, runden Gluck. Generalmusikdirektor Enrico Calesso setzt auf einen schlanken, durchsichtigen Klang, der durch die Position der Musiker auf der Bühne unterstützt wird. Zügig und entschlackt gespielt, entfaltet auch der berühmte „Tanz der seligen Geister“ seinen Zauber. Ohne Ballett. Bemerkenswert.

Stengele, der nach Gera wechselt, bleibt sich in seiner Würzburger Abschiedsinszenierung treu. Er bietet eine andere, kreative Sicht. Er bietet ein fesselndes Theatererlebnis (das nur eineinhalb Stunden dauert). Und er bietet einen zeitkritischen Anknüpfungspunkt: Euridice wird gleich zu Beginn bei einer Demonstration erschossen. Hochgehaltene Transparente zeigen: Es geht um „Liberté“, „Liebe“, „Pace“. Auch „Free Syria“ ist zu lesen. Diese Art der Aktualisierung ist unaufdringlich, aber wirkungsvoll. Wie die ganze Inszenierung.

Nächste Vorstellungen: 23. Juni, 13., 17., 18. Juli. Wiederaufnahme in der nächsten Spielzeit.

Bernhard Stengele verabschiedet sich am 19. Juli im Großen Haus mit dem schon legendären Balladenabend „Sie haben nämlich Entenfüße“ vom Würzburger Publikum. Vorverkauf: Tel. (09 31) 39 08-124

Schlagworte

  • Anja Gutgesell
  • Ballett
  • Enrico Calesso
  • Oper
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
1 1
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!