Würzburg

Mainfranken Theater: Wabern, wuseln, tanzen

Die erste Auflage der Reihe TanzXperiment ging über die Bühne der Kammerspiele. Dabei wird auch improvisiert. Wie macht sich das neue Format?
TanzXperimant: Auftakt einer neuen Reihe am Würzburger Mainfranken Theater
TanzXperimant: Auftakt einer neuen Reihe am Würzburger Mainfranken Theater Foto: Gabriela Knoch

Mit einer ganzen Menge an "X" ist die neue Reihe der Tanzcompagnie am Würzburger Mainfranken Theater an den Start gegangen: Die Premiere von "TanzXperiment" im intimen Rahmen der Kammer bringt den erhobenen Anspruch auf "xplosiv, xzessiv, xquisit, xtrem, xpressiv, komplex" auf den Punkt.

In der "Expedition N° 1", entwickelt von Artist in Residence Kevin O'Day, nutzen die elf Tänzerinnen und Tänzer einen vorher erarbeiteten Bewegungspool, um diesen aktiv und reaktiv mit speziellen improvisatorischen Aufgaben zu verzahnen. Dazu gibt's feinen Jazz von einem aus Studierenden der Musikhochschule bestehenden Posaune-Piano-Schlagzeug-Trio unter der Leitung von Felix Fromm.

Es braucht nicht lange, um in die Bühnen- und Bewegungspannung hineingezogen zu werden und die eigene Fantasie anlaufen zu lassen: Schwarze Hüte werden vom Boden aufgesammelt und zu einem Stapel aufgetürmt. An der linken Seitenwand hängen weiße Klebestreifen; sie werden im Laufe des Abends an der weiß-grau-schwarzen Tanzkleidung befestigt oder zu kryptischen Zeichen an den Wänden gestaltet.

Wilde Zuckungen

Nach und nach erscheinen die Tänzer, verfallen schnell in wilde Zuckungen, vollziehen Akrobatisches, Pantomimisches; Bewegungsmuster werden erkennbar. Eine Stunde lang wabert und wuselt es nun auf der Bühne, wie einer geheimnisvollen Ordnung in einer Maschine oder einem Ameisenhaufen folgend.

Die Musik wird langsamer, auch die Tänzer reduzieren ihr Tempo, agieren zeitlupenhaft, stockend. Solisten treten in den Mittelpunkt, Zweier-, Dreier-Formationen oder Gruppen bilden sich und interagieren. Körper spielen mit- oder gegeneinander, Aggressivität blitzt auf, Ekstase und Leidenschaft, Liebe, Hass und Sinnlichkeit.

Die Tänzer bedienen sich aus einem Bewegungspool.
Die Tänzer bedienen sich aus einem Bewegungspool. Foto: Gabriela Knoch

Der Bühnenkasten bildet dabei eine gefängnisartige Begrenzung: Immer wieder versuchen die Tänzer den Ausbruch, scheitern an der schwarzen Mauer, einer unüberwindlichen Wand. Unwillkürlich muss man an Themen der Gegenwartspolitik denken; auch die Assoziation von José Saramagos "Stadt der Blinden" liegt angesichts der tastenden, suchenden, die Körperlichkeit in vielen Facetten auslebenden Bewegungen nicht fern. Kämpfe gegen unsichtbare Feinde mögen das sein, Menschenketten entstehen; fünf Tänzer reagieren auf die Bewegungen eines "Anführers".

Tiramisu o Strudel?

Die elf engagiert agierenden Mitwirkenden sind an diesem Abend stark körperlich und konditionell gefordert, egal ob sie balzend umgarnen, tarantelartig wirbeln, automatenhaft ruckeln, schamanenhaft beschwören.

Vor Beginn der Vorstellung fanden sich zahlreiche Besucher durch Compagniemitglied Debora di Biagi in Kurzinterviews verwickelt: "Tiramisu o Strudel?" Ein Kantholz diente als Mikrofon. Rätselhaft der Bezug - oder nahm da jemand geistlose Premiereninterviews aufs Korn?

Noch dreimal ist diese fesselnde Expedition N° 1 zu erleben, und aufgrund ihres stark improvisatorischen Charakters wird sie sich jedes Mal anders darstellen.

Weitere Vorstellungen: 16. und 26. Januar, 9. Februar. Vorverkauf: (0931) 3908-124

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