Würzburg

Mozartfest: Der Namensgeber als Zauberer und Bilderstürmer

Kurioser Effekt im Eröffungskonzert: Ein Abend mit hochemotionalen Werken, und doch ist der Effekt zum Schluss eher ein rationaler. Das liegt vor allem an der Dramaturgie.
Das Freiburger Barockorchester und Julian Prégardien beim Eröffnungskonzert des Mozartfests 2019 im Kaisersaal der Würzburger Residenz.
Das Freiburger Barockorchester und Julian Prégardien beim Eröffnungskonzert des Mozartfests 2019 im Kaisersaal der Würzburger Residenz. Foto: THOMAS OBERMEIER

"Ich weiß, es war ein langes Konzert. Aber ich möchte eine Zugabe singen." Es ist sicher nicht Geltungssucht, die Julian Prégardien beim Eröffnungskonzert des Mozartfests 2019 noch einmal auf die Bühne des Kaisersaals der Würzburger Residenz treibt. Eher vielleicht ein Gefühl, dass noch etwas fehlt, dass noch etwas ungesagt ist. Prégardien, lyrischer Tenor und Artiste Etoile des Mozartfests 2019, gibt also noch die Arie des Don Ottavio "Dalla sua pace" aus "Don Giovanni" zu –ein wunderbares Zeugnis selbstloser Liebe angesichts der Skrupellosigkeit und Selbstsucht des Titelhelden.

Das passt zum Plädoyer für Innerlichkeit und Sinnlichkeit, das Intendantin Evelyn Meining zu Beginn in ihrer kurzen, wie immer pointierten Ansprache gehalten hat: Musik als ein Jedermann zugänglicher Schlüssel zum Ich in einer durchrationalisierten, entzauberten, optimierten Welt, die inzwischen selbst das sinnliche Erleben zum Produkt degradiert hat. Romantische Musik zumal, und in diesem Sinne ist Mozart natürlich ein Romantiker (womit denn auch das als Frage formulierte Motto des Festivals geklärt wäre), möglicherweise aber jede Musik, die nicht nur auf Effekt oder Struktur setzt.

Volle Konzentration: Julian Prégardien und die Freiburger im Kaisersaal.
Volle Konzentration: Julian Prégardien und die Freiburger im Kaisersaal. Foto: THOMAS OBERMEIER

Kurioserweise ist der Effekt dieses Programms aus ausschließlich hochemotionalen Stücken zum Schluss vor allem ein rationaler, ein kognitiver: Ein vielfacher Aha-Effekt, ein vielfaches Aufhorchen, nicht aber ein Selbstvergessen oder gar ein Selbstverlieren. Das liegt an der Zusammenstellung, mehr noch aber an der Dramaturgie der ersten Hälfte: Mozarts g-Moll-Sinfonie wird in drei Teile aufgeteilt, eingeschoben nach dem Kopfsatz beziehungsweise dem Andante sind die Bildnisarie aus der "Zauberflöte" und eine Arie aus Haydns "L'anima del filosofo".

Konfrontationen, die den Zuhörer immer wieder zwingen, sich neu einzuhören

Im Verein mit der eingangs gegebenen Konzertarie "Misero! O sogno", einem Stück, das noch zerrissener wirkt als die ruppige g-Moll-Sinfonie, entsteht ein Wechselbad mehrfacher Konfrontationen, das den Zuhörer immer wieder zwingt, sich neu einzuhören: der Opernkomponist und der Sinfoniker Mozart, der geniale Meldodienzauberer und der Bilderstürmer.

Nach der Pause dann Schubert – die gänzlich unbekannte Romanze des Palmerin aus "Die Zauberharfe" und die "5 Menuette und 6 Trios" D 89 – und die noch unbekanntere Sinfonie Nr. 1 g-Moll des Beethoven-Zeitgenossen Etienne-Nicolas Méhul. Bei den Menuetten fasziniert die romantische Diktion in archaischer Tanzform, bei Méhul sind es meisterhafte Instrumentierung, virtuoses Themenmanagement und formale Frechheit. 

Das Freiburger Barockorchester spielt unter der energiegeladenen Leitung der italienischen Konzertmeisterin Lorenza Borrani zunächst ungewohnt handfest, was in der Kaisersaal-Akustik wuchtig und wenig transparent wirkt. Möglicherweise ist das auch den Musikerinnen und Musikern aufgefallen, denn in der zweiten Hälfte ist das Klangbild deutlich durchhörbarer.

In dieser Komprimierung wirkt der Abend eher wie eine Diskussionsgrundlage

Hochinteressante Stücke allesamt, doch in dieser Komprimierung wirkt der Abend nicht so sehr wie eine Einladung zu rauschhaft romantischer Entgrenzung, sondern eher wie ein Eröffnungsstatement, ein Impulsreferat, eine Stoffsammlung, eine Diskussionsgrundlage. Das ist für ein Festival, das sich auch den Diskurs auf die Fahnen geschrieben hat, allerdings ein durchaus schlüssiger – und vielversprechender – Einstieg.

Julian Prégardien ist (nicht nur) der ideale Mozart-Tenor. Sein warmes, eher dunkles Timbre bewahrt seine Figuren zuverlässig vor dem Sidekick-Effekt, der die Tenöre bei Mozart oft ereilt: Tamino im Schatten von Papageno (und Pamina und Sarastro und Königin der Nacht), Don Ottavio im Schatten von Don Giovanni und Leporello. Prégardien aber gibt mit erzählerisch-natürlichen Phrasierungen, sehr gezielt eingesetztem Vibrato und echter Anteilnahme all seinen Arien eine bannende Gegenwärtigkeit, die immer strukturelle Klarheit und emotionale Wahrhaftigkeit vereint.

Glücklicherweise ist dieses Programm kein einmaliges Gastspiel Prégardiens, als Artiste Etoile wird er noch einige Male bei diesem Mozartfest zu hören sein. Für das Publikum also weitere Möglichkeiten, das eigene Erleben zu erkunden. Ganz im Sinne der Romantik eben.

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