WÜRZBURG

Mozarts Requiem als Hommage an Enoch zu Guttenberg

AW: Bildmaterial       -  Jane Glover
Jane Glover Foto: Jim Steere

„Et lux perpetua luceat eis“ – Und das ewige Licht leuchte ihnen: Tiefe Ergriffenheit herrschte am Ende von Mozarts Requiem im nahezu voll besetzten Max-Littmann-Saal. Dirigentin Jane Glover senkte den Taktstock, die vier Gesangssolisten neigten die Häupter, die Bamberger Symphoniker verharrten im Nachklang des letzten Tons, manche Träne floss bei der Chorgemeinschaft Neubeuern.

Es folgte eine spontane Schweigeminute für den am 15. Juni gestorbenen Dirigenten Enoch zu Guttenberg, bevor nicht endenwollender Beifall einsetzte. Zu Guttenberg hatte vergangenes Jahr die Programmauswahl für das Konzert „Verstörende Schönheit“ beim Kissinger Sommer getroffen. Er hatte es dirigieren wollen, letzte Woche wurde er beerdigt. Im Nachhinein erscheint das Konzertthema wie eine Vorahnung.

Wiegenlied des Todes

Ein Wiegenlied des Todes ist die Trauerkantate „Schlage doch, gewünschte Stunde“ von Georg Melchior Hoffmann. Unendlich weich begleiteten die Bamberger Altistin Anke Vondung, die mit reinem, warmem, mühelosem Ton die Arie in sehnliches, leuchtendes Licht tauchte. Die Britin Jane Glover führte konzentriert, exakt und gefühlvoll den Taktstock.

Mozarts Adagio und Fuge c-Moll für Streicher gestaltete Glover sehr eindeutig – ständig in Kontakt mit allen, mit Händen und Mimik sprechend. Dynamisch bewegt und akzentuiert das Adagio im staunenden, fragenden Ton, die Fuge hingegen mit den durch die Register wandernden Motiven kraftvoll und treibend.

Aufwühlend und tröstend zugleich

In Mozarts Requiem sang sich die 65-köpfige Chorgemeinschaft Neubeuern die Seele aus dem Leib. Solch berührende Inbrunst, tiefste Werkverinnerlichung, unglaubliche Authentizität hört man selten. Wütend, wuchtig und kraftvoll, die Welt nicht mehr verstehend das „Dies irae“ – der Tag des Zorns. Das war mehr als ein Singen, das war eine Hommage an den verstorbenen Dirigenten und Gründer.

Die Solisten Susanne Bernhard (Sopran), Anke Vondung (Alt), Werner Güra (Tenor), Yorck Felix Speer (Bass) sorgten für ein Durchschnaufen und Innehalten. Bravourös die Bamberger Symphoniker, die hochmotiviert alle Anregungen der fabelhaften Dirigentin Jane Glover umsetzten, die das Requiem auswendig dirigierte. Glover schaffte es, die trauernde Kraft und Erregung der Chorgemeinschaft Neubeuern, der Bamberger Symphoniker und der Gesangssolisten zu vereinen zu einem zutiefst berührender Abend: Aufwühlend und tröstend zugleich.

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