Mundart: Streiter fürs Fränkische

Mundart: „Wir schalten komplett auf oberbayerischen Dialekt um“, klagt ein Würzburger Professor. Fehlt den Franken das Selbstbewusstsein, die eigene Sprache zu pflegen? In anderen Gegenden klappt das besser.
So nicht: Zu viele Franken sprechen oberbayerische Mundart, beklagt ein Würzburger Professor. Foto: Roland Pleier / Chris Weiss / MM / Grafik: Romina Birzer

Es passiert ihm immer wieder: beim Bäcker, im Supermarkt, beim Weinfest. Dann schüttelt's Kilian Moritz. Weil er mitten in Franken „Kipferl“ angeboten kriegt. Weil im Kühlregal die „Fränkischen Brotzeit-Würstl“ eines fränkischen Herstellers liegen. Weil sich fränkische Volksmusikanten „Buam“ nennen.

„Wir schalten komplett auf oberbayerischen Dialekt um. Das mag mir nicht in den Kopf“, sagt Moritz und fragt: „Würde eine oberbayerische Wurstfabrik ihre Erzeugnisse ,Bayerische Weißwörschtli‘ nennen? Würden Volksmusiker in Oberbayern als ,Original Chiemgau-Bürschli‘ auftreten?“ Der Gesichtsausdruck des 49-Jährigen fordert ein Nein als Antwort. In Schwaben, schiebt er nach, käme doch auch keiner auf die Idee, „Original schwäbische Spatzerl“ zu verkaufen: „Es macht doch gerade den Charme aus, dass ein schwäbisches Produkt wie Spätzle einen schwäbischen Namen trägt.“

Es scheint so zu sein, dass nur in Franken das Selbstbewusstsein in puncto Mundart und – was damit zusammenhängt – ureigener Volksmusik gegen null tendiert. Jedenfalls glaubt Moritz, das beobachtet zu haben. Der Musiker (Ex-Rhöner Läushammel) und ehemalige Volksmusik-Redakteur des Bayerischen Rundfunks beschäftigt sich schon lange mit diesem Phänomen.

Nun ist der mit einer Oberbayerin verheiratete Moritz kein ewig gestriger Sprachbewahrer. Und schon gar kein fränkischer Sektierer, der den Norden des Freistaats am liebsten vom Rest der Welt abtrennen möchte. Über dem Bauerngarten seines Hauses weht auch keine Franken-Fahne. „Es ist völlig normal, dass sich Sprache wandelt“, sagt der Professor für Journalismus und Medien an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt. Aber warum funktioniert, was im bayerischen Süden selbstverständlich ist – Pflege und Wertschätzung von Mundart und eigener Musik –, nicht auch in den nördlichen Landesteilen?

Nicht leicht zu beantworten, räumt Moritz ein. Eine Teilschuld hat das Fernsehen. Volksmusikanten (oder die, die dafür ausgegeben werden) tragen dort nahezu chronisch alpenländische Tracht und Entsprechendes vor. Gesprochen wird Komödienstadel-Idiom. Auch die Kommissare Batic und Leitmayr lassen im Münchner „Tatort“ gerne mal „Boarisches“ einfließen. Wenn doch mal ein Franke mitspielen darf („Der Prügelknabe“), ist er ein ziemlicher Depp. Ob der Franken-„Tatort“ mit Schwerpunkt in Nürnberg ein Gegengewicht schaffen wird?

Kilian Moritz erinnert sich an Unterhaltungsmusiker aus dem Spessart, die sich abmühten, in einer Radio-Livesendung in oberbayerischer Mundart zu singen: „Die haben mir erzählt, dass sie auf dem Markt so mehr Chancen hätten, als wenn sie fränkisch singen würden.“ Womöglich heißen „Kipferl“ und „Würstl“ auch deswegen so, weil Großbäckerei und Wurstfabrik, beide fränkisch, bundesweit verkaufen und sich mehr Marktchancen erhoffen. Würde die Ware zum Ladenhüter, wenn „Würstle“ draufstünde oder „Würstli“ oder „Wörscht“ oder wie auch immer (die fränkische Mundart ist alles andere als einheitlich)? Moritz' Resümee klingt düster: „Die Franken schaffen ihren eigenen Dialekt selbst ab.“

Tatsächlich verschwinden Dialekte von der Landkarte. Der Würzburger Gunther Schunk hat sich in seiner Doktorarbeit mit der Sprache im Maindreieck befasst. Wissenschaftlich gesehen werde der Dialekt immer mehr zum Regiolekt, so Schunk, bekannt als Mitautor der meefränggischen „Asterix“-Bände. Das sehr Kleinteilige – oft haben benachbarte Dörfer verschiedene Dialekte – verschwindet also und macht einer weiträumiger genutzten Mundart Platz. Was freilich nicht bedeuten sollte, dass das Oberbayerische (auch da gibt es viele Schattierungen) über den Weißwurstäquator gleich bis in die Rhön schwappt.

Mundart sei wichtig, betont Gunther Schunk, gerade in Zeiten von Europäisierung und Globalisierung: „Die Zugehörigkeit zu einer Region lässt sich am leichtesten durch Sprache ausdrücken.“ Am Sportplatz, in der Kneipe – schön, wenn man die gleiche Sprache spricht. Schunk: „Früher hätte man das ,Heimat‘ genannt.“ Er sieht aber nicht generell schwarz fürs Fränkische. Die Frankonia-Abteilungen in den Buchhandlungen hätten sich in den vergangenen Jahren stark ausgeweitet: „Da ist ein Bedürfnis da.“

Vielleicht steckt bloß Gedankenlosigkeit hinter „Kipferl“, „Würstl“ und anderen „Boarisch“-Ausrutschern in Franken. Der müsse man entgegenwirken, argumentiert Kilian Moritz. Das kann im Kleinen geschehen, an der Basis sozusagen, beim Plaudern mit dem Bäcker um die Ecke etwa. Initiativen zur Bewahrung der Mundart können auch von oben kommen. Moritz, nicht unbedingt ein Freund dieser Methode des Mundarterhalts, zeigt einen Ausschnitt aus der Wochenzeitung „Die Zeit“: „Ab August lernen die Kinder an 27 Schulen in Schleswig-Holstein Plattdeutsch“, steht da. Kilian kommentiert mit augenzwinkernder Polemik: „In anderen Bundesländern bekommen die Kinder nun Unterricht in ihrem regionalen Dialekt. Wir Franken machen es genau umgekehrt. Wir nutzen zwar den Dialekt, aber auf keinen Fall den eigenen . . . “

Dabei kann man auch fränkisch Erfolg haben. Das zeige die „Fasenacht in Franken“, die „erfolgreichste TV-Sendung aller dritten Programme“, so Moritz. Der Rhöner Michl Müller ist auch außerhalb Frankens ein geschätzter Spaßmacher. Und der Würzburger Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig hat wahrscheinlich als Kabarettist nicht trotz, sondern wegen seines Dialektes bundesweit Erfolg. Auch wenn das keine originale, sondern eine Kunst-Mundart ist. Fränkisch klingt sie allemal, und das soll sie auch. Barwasser ist auch beim Franken-„Tatort“ dabei . . .

Mundartpfleger: Kilian Moritz, Michl Müller, Frank-Markus Barwasser (von oben).

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