Würzburg

Museum für Franken: Vom geheimnisvollen Innenleben eines Hockers

Wer ins Museum für Franken geht, sieht viele schöne und interessante Dinge – und ist oft ratlos. Direktor Erich Schneider erzählt kurzweilige Geschichten zu den Objekten.
Dieser von Hand beschriebene alte Zettel lüftet das Geheimnis um ein schönes Möbelstück im Museum für Franken. Er klebt auf der Innenwand eines ganz speziellen Hockers.
Dieser von Hand beschriebene alte Zettel lüftet das Geheimnis um ein schönes Möbelstück im Museum für Franken. Er klebt auf der Innenwand eines ganz speziellen Hockers. Foto: Hans Jürgen Wiehr

Rein äußerlich ist es ein schönes Möbelstück. Ein kleiner Thron. Gut einen halben Meter hoch, aufwändig gestaltet, aus verschiedenen Hölzern, mit zwei Henkelgriffen. Die Beine sind leicht ausgestellt, die Deckplatte geschwungen. Als "hübsche kleine Kiste" bezeichnet Erich Schneider den Hocker. Der Direktor des Museums für Franken auf der Würzburger Festung Marienberg spricht aber gleichzeitig auch von Weltgeschichte. Das macht neugierig.

Wer Schneiders kurzweilige Kunstgeschichten hört – oder in seinem neuen Buch nachliest, wird diesen Hocker nicht mehr nur als Schauobjekt bewundern oder sich fragen, wer wohl auf ihm gesessen hat. Besucher werden vielmehr davor stehen mit dem Gefühl, mehr zu sehen und mehr zu wissen. Das Ausstellungsstück ist nicht mehr nur schön anzusehen. Es hat eine Biografie.

Der markgräfliche 'Thron' ist ein Nachtstuhl (datiert um 1778) mit Beziehungen nach Amerika. Erich Schneider kennt seine Geschichte.
Der markgräfliche "Thron" ist ein Nachtstuhl (datiert um 1778) mit Beziehungen nach Amerika. Erich Schneider kennt seine Geschichte. Foto: Hans Jürgen Wiehr

Da der Deckel geschlossen ist, erschließt sich die Bedeutung des "Throns" zunächst nicht. Selbst, wenn ein Blick ins Innere möglich ist. Schneider verrät: Der geheimnisvolle Hocker ist ein Nachtstuhl. Er beherbergte einst einen Nachttopf. Darauf durfte Carl Alexander, Markgraf von Brandenburg- Ansbach, der von 1769 bis 1791 regierte, seine Notdurft verrichten.

Damit ist die Geschichte jedoch noch nicht zu Ende. Den geschichtlichen Hintergrund liefert ein von Hand beschriebener Zettel, der an der Innenwand klebt: "Diesen Thron ließ Herr Comercien Rath Keerl von Marktsteft für seinen Landesherren dem Markgrafen von Ansbach im Jahr 1788 fertigen. Markgraf hat einige Tage beim H. Kerl logiert zu der Zeit wo er seine lezte Subsütien Trupen (treue Unterthanen Söhne) nach Mksteft marschieren und von da an nach Amerika hat Einschiffen lassen."

Der Hafen in Marktsteft war einst das "Tor zur Welt"

Nach Amerika? Warum von Marktsteft aus? Erich Schneider erzählt, dass in dem Ort, der heute zum Landkreis Kitzingen gehört, die Markgrafen zwischen 1711 und 1720 ein Hafen angelegen ließen. Er sei für sie "ein Fenster zum Main" gewesen und damit "das Tor zur Welt". Von dort aus sind die auf dem Zettel erwähnten markgräflichen Soldaten verschifft worden. "Sie wurden an den britischen König verliehen und mussten in den Kolonien in Amerika kämpfen", erläutert Schneider den Hintergrund. Mit dieser Ausleihe sollten die immensen Schulden des Landes abgebaut werden.

Von Marktsteft aus ging es also per Kahn nach Holland und von dort aus über den großen Teich. Nur eines verwirrt: die auf dem Zettel angegebene Jahreszahl 1788. "Da waren die Kriege in Amerika längst beendet", so Schneider. Die Auflösung: Der Zettelschreiber hat die Jahreszahl korrigiert. Ursprünglich stand dort 1778. "Das deutet darauf hin, dass der Text nachträglich und aus der Erinnerung heraus geschrieben worden ist", so der Museumsdirektor.

Die ersten Bände der neuen Publikationsreihe des Museums für Franken: 'Möbel mit Geschichte(n)' und 'Gemälde mit Geschichte(n)'.
Die ersten Bände der neuen Publikationsreihe des Museums für Franken: "Möbel mit Geschichte(n)" und "Gemälde mit Geschichte(n)". Foto: Museum für Franken

Der Hocker und sein Innenleben ist nur ein Beispiel. Erich Schneider lässt 49 Möbel in der neuen Publikationsreihe des Museums mit dem Titel "Objekte mit Geschichte(n)" sozusagen aus dem Nähkästchen plaudern. Im Band  "Von Riemenschneiders Ratstisch bis zum markgräflichen ,Thron' von Ansbach: Möbel mit Geschichte(n)" erzählt der Kunsthistoriker beispielsweise auch von einem Lesepult, das nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem "Rosinenbomber" von Berlin nach Würzburg eingeflogen wurde. Von einer Hochstapler-Kommode, einer Bodenstanduhr mit Rätseln oder der widerspenstigen Zähmung des Mehlkastens.

Museum wagt neuartige Blicke auf die eigenen Sammlung

Zeitgleich erschienen ist der Band "Halbiertes Jakobusbild und Schneewittschens Cousinen: Gemälde mit Geschichte(n)". Für April hat der Verlag Nünnerich-Asmus (Oppenheim) den dritten Band angekündigt: "Von Echters Altarkreuz  zu Huttens Chocolatière: Glanzstücke aus Gold und Silber mit Geschichte(n)". Jeder Band enthält um die 50 Geschichten. Autor Erich Schneider erzählt kompakt auf jeweils zwei Seiten; die meisten der zahlreichen Fotografien und Detailaufnahmen wurden eigens angefertigt und geben auch beim Nachlesen zu Hause spannende Einblicke.

Mit dieser Publikationsreihe möchte das Museum für Franken "einen neuartigen Blick auf die eigene Sammlung" wagen. Es ist ein gelungenes Projekt, unterhaltsam, dazu informativ und voller Überraschungen.

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Würzburg
  • Christine Jeske
  • Britische Königinnen und Könige
  • Cousinen
  • Erich Schneider
  • Festung Marienberg
  • Festungen
  • Geschichte
  • Markgräfinnen und Markgrafen
  • Museen und Galerien
  • Museumsleiter
  • Untertanen
  • Weltkriege
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!