Würzburg

Musil auf der Bühne: Wenn Papiermenschen ins Leben treten

Das Würzburger Theater Ensemble bringt den "Mann ohne Eigenschaften" als Serie auf die Bühne. Unser Autor hat mitgewirkt - und Musils Riesenroman schon zweimal gelesen.
Ein Mordopfer zum Drumherumgehen, Prozessakten an der Bühnenwand: Die "Moosbrugger"-Episode griff Anfang Dezember auf die Früh-1970er Kunstform des Environment zurück. Foto: Joachim Fildhaut

Nun ist wohl eine dritte eigene Lesung fällig. Dabei hatte alles so normal angefangen. Jeder Germanistikstudent fühlt sich irgendwie angestiftet, den in den Jahren 1930 und 1933 erschienenen Tausendseiter "Der Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil zu lesen und dabei auch über Durststrecken dranzubleiben. So ging es mir selbst Ende der 1970er.

Roman im Abstand von gut 20 Jahren erneut gelesen

Gut 20 Jahre später brauchte ich beim Kofferpacken mal eine Urlaubslektüre, die garantiert für zwei Wochen genügt. Da erschien mir dieses Werk abermals wie geschaffen. Denn wenn der Roman schon nicht spannend ist, dann sind es wenigstens Fragen wie: Wenn mir dieses oder jenes Kapitel eher etwas langatmig erscheint – ist das dann wohl dasselbe Kapitel wie vor zwei Jahrzehnten? Oder: Wer war noch mal gleich die Person mit dem schwerst nachvollziehbaren Innenleben?

Es hat seine Reize, Bücher in zeitlich großem Abstand noch einmal zu lesen. Manche Passagen kommen einem beim ersten Mal sehr kopflastig vor – und später nicht mehr. Das hatte ich inzwischen lustvoll anhand Thomas Manns "Doktor Faustus" erfahren: Bei der ersten Begegnung für die Uni quollen aus dem "Leben des Tonsetzers Adrian Leverkühn" die theoretischen Passagen nur so über; beim Wiederlesen hatte das Buch hingegen richtig Rasanz gewonnen.

Als Mitwirkender in der ersten Folge einer Serien-Inszenierung

Zwischen dem ersten und dem zweiten Mal "Mann ohne Eigenschaften" entwickelten sich dagegen deutlich kleinere Unterschiede – sofern sich das aus gut 40 Jahren Abstand rekonstruieren lässt. Aber ein Beispiel ist sicher, und bezeichnend für meine kleine Schauspielerfahrung anno 2019 in der ersten Folge der Romaninszenierung im Würzburger Theater Ensemble: Musil vergleicht gelegentlich Emotionen mit geometrischen Konstruktionen. Diese anspruchsvollen abstrakten Gebilde flößten mir bei der Jungfernlektüre ordentlich Ehrfurcht ein. In der Wiederholung war ich mir nicht mehr ganz so sicher, ob sich Musils Raumsymbole überhaupt eindeutig nachvollziehen lassen, selbst wenn man erhöhten Grips investiert.

Das Münchner Theatermacher-Duo Dominik Frank und Valerie Kiendl, letztere inzwischen auch Co-Leiterin des Würzburger Theater Ensemble. Foto: Joachim Fildhaut

Ein knappes Vierteljahrhundert später, also letztes Jahr, äußerte ich diese meine Zweifel an Musils Bildsprache gegenüber der Regisseurin Valerie Kiendl etwas herb: Ich hätte den Eindruck, diese Geometrie-Allegorien funktionierten in Wirklichkeit wahrscheinlich überhaupt nicht. Worauf die Fachfrau sprach: "Man muss ja auch bedenken, dass Musil seine Leser gerne gefoppt hat."

Um die Anfrage der Redaktion direkt zu beantworten: Ich erlebte die Dramatisierung als ein großes Aha! Doch der Reihe nach.

Zuschauer kann problemlos in die Serie einsteigen

Die Theatergruppe "RegieAlsFaktor" griff aus dem gedankenschweren, figurenvollen und übrigens unvollendeten Großtext 20 pinzettenfeine Einzelaspekte heraus, die jeweils einen Theaterabend ausmachen. An diesem Sonntag um 20 Uhr wird am Theater Ensemble auf dem Bürgerbräu die vierte Folge aufgeführt. Der Zuschauer kann jederzeit in die Serie einsteigen. Denn da der Roman, wie oben erwähnt, kaum Handlung hat, verpasst man diesbezüglich nichts.

Trotzdem führen die Macher in jeden Abend neu ein. Sie erzählen von dem Thema des Romans: Im Jahr 1913 sucht eine Wiener Salongesellschaft nach der großen Menschheitsidee, aus der sie ein Geschenk für Kaiser Franz Joseph zu dessen 70. Thronjubiläum im Jahr 1918 basteln will. Im Unterschied zu Thomas Manns "Der Zauberberg", wo die Repräsentanten all dieser Ideen direkt als Romanfiguren auftreten, funktioniert Musils Personal viel gebrochener, verwinkelter, lebensechter. So ist der Großindustrielle zugleich ein Großschriftsteller – und bringt obendrein seinen afrikanischen Hausboy mit zum Salon. Der freundet sich mit der jungen Zofe der Gastgeberin Ermelinde Tuzzi gen. Diotima an. Die Begegnung der beiden Fast-Kinder Soliman und Rachel beim Gemüseschnippeln bildet die Szene der vierten Folge am 12. Januar.

"Musil hat seine Leser gerne gefoppt"

Wie sich hier Figuren und Motive ineinander spiegeln und woher der Autor seinen Stoff bezog, davon berichten die Serienmacher Valerie Kiendl und Dominik Frank vor der Aufführung. Ich persönlich war ja schon beim sommerlichen Theaterfest in den Genuss einer umfassenden Gesamteinführung gekommen, auch wenn die nur aus dem einen Satz bestand: "Man muss ja auch bedenken, dass Musil seine Leser gerne gefoppt hat."

Das bedeutet auch: Wenige wissen, wie ungeniert Robert Musil journalistisches, biografisches und anderes außerliterarisches Material in sein Konvolut eingearbeitet hat. Also ich, falls ich mir ein drittes Mal den Wälzer auf die Knie lege, würde das gern mit einem Kommentar tun, in dem ein Literarhistoriker fortlaufend erklärt, aus welchen Liebesbriefen aus dem eigenen Freundeskreis sich Robert Musil jetzt wieder bedient hat – und ob es nach der Veröffentlichung zu einem Zerwürfnis mit seinen unfreiwilligen Lieferanten kam.

"Papierfiguren" werden auf der Bühne menschlich

Eine Erinnerung an die zweimalige Lektüre, die ja immerhin fast 25 bzw. 40 Jahre zurückliegt: Die Introspektionen der Haupt-Nebenfigur Clarisse gehören zu den kapriziösesten und dunkelten Passagen. Einige dieser Seelenerkundungen stellte auf der Bühne die Schauspielerin Annika Semmler in einer durchaus fordernden, aber auch ergreifenden Monolog-Performance dar. So wurde die Papiergestalt Mensch – und so würde auch eine weitere Begegnung auf dem Papier menschlicher ausfallen. Theater kann zum Lesen hinführen.

Was aber nicht die Hauptabsicht der Adaption ist. "RegieAlsFaktor" will vielmehr jede ihrer 20 Facetten des "Mann ohne Eigenschaften" in einem anderen Bühnenstil leuchten, in einer eigenen Theatersprache klingen lassen. Meine eigene Mitwirkung beschränkte sich auf die Teilnahme am Format "Kneipenabend", bei dem Musils Gedankengang über den "Möglichkeitssinn" auf einen Stammtischdialog verteilt und von einem "Möglichkeitsgstanzl" gekrönt wurde.

"Mann ohne Eigenschaften" bis ins Jahr 2022?

Vereint für all diese Mammutaufgaben haben sich die Darstellerpools der erwähnten Münchner Gruppe und des Würzburger Theater Ensemble. Neueste Personalunion: Valerie Kiendl gehört zum Leitungsteam beider Projekte. Die sind auf Langzeit angelegt: Die fünf Staffeln von "Der Mann ohne Eigenschaften" reichen bei der derzeitigen Aufführungsfrequenz bis 2022.

Termin: So., 12.Januar, 20 Uhr Theater Ensemble: "Rachel findet Wohlgefallen an Soliman. Liebe geht durch den Magen". Reservierungen 0931 44545, www.theater-ensemble.net.

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