WÜRZBURG

Netz der alten Bücher: Software für Antiquariate

Digital: Die Software einer Würzburger Firma hilft Antiquariaten beim Bücherverkauf.
Digital: Die Software einer Würzburger Firma hilft Antiquariaten beim Bücherverkauf. Foto: ivana biscan, Pia Lehnfeld

Eine unscheinbare Straße im Frauenland. Ein trüber Wintertag. Mehrfamilienhäuser prägen das Bild. Ruhig ist es hier, Passanten und Autos kommen nur selten vorbei. Nichts lässt vermuten, dass hier einer der führenden Software-Dienstleister für Online-Antiquariate in Deutschland seinen Sitz hat. Kein Schild weist auf das Büro hin. Die w+h GmbH findet nur, wer weiß, wo sie sich befindet.

„Der Großteil unserer Arbeit findet im Stillen statt“

Das ist kein Zufall: „Wir sind ein Datenlogistiker für Antiquariate und Gebrauchtbuchhändler. Der Großteil unserer Arbeit findet im Hintergrund, im Stillen statt“, sagt Frank Holzapfel (46), der zusammen mit Stefan Gläßer (37) Geschäftsführer der Würzburger Firma ist. „In der Öffentlichkeit treten wir eigentlich so gut wie gar nicht auf.“ Eine Ausnahme bilden die Verkaufsportale buchfreund.de und achtung-buecher.de, die der w+h GmbH gehören.

„Unser Hauptgeschäft ist jedoch die Datenlogistik und unsere Antiquariat-Software whBook“, erzählt Frank Holzapfel. Im deutschsprachigen Raum gibt es etwa 1400 Antiquare; gut 800 nutzen den Service von w+h – also mehr als die Hälfte. Der Name der 1997 gegründeten Firma leitet sich von den Nachnamen der Gründer ab: Matthias Wiesler und Frank Holzapfel. Wiesler ist inzwischen nicht mehr in der Gesellschaft, Stefan Gläßer hat ihn als Geschäftsführer abgelöst.

Daten statt bedruckte Seiten

Wer ein Bücherlager bei der w+h GmbH erwartet, wird schnell eines Besseren belehrt. „Sobald wir ein Buch sehen, haben wir was falsch gemacht. Leider!“, sagt Frank Holzapfel, der selbst ein Buchfreund ist. „Wir machen nur nüchterne Programmiererei – was schade ist. Das herkömmliche Antiquariat, wo man stöbern kann, ist sicher sympathischer. Aber das ist nun mal unser Geschäft.“

Frank Holzapfel bietet Kaffee an. Er hat sich extra Zeit freigeschaufelt. Stefan Gläßer arbeitet weiter. Das kleine Büro des fünfköpfigen Teams ist schlicht. „Man sieht, wir sind nicht auf Kundenkontakt eingestellt“, sagt der 46-Jährige. Der Kundenkontakt erfolge fast ausschließlich über das Telefon oder per Fernwartung.

Die Kundschaft ist keine homogene Gruppe

„Das ist ein Büro für Programmierer. Man muss hier nicht mit Krawatte und Anzug auftauchen. Im Prinzip könnte jeder im Jogginganzug arbeiten“, sagt er und lacht. Frank Holzapfel ist eigentlich gelernter Elektrotechniker. Das Programmieren hat er sich selbst beigebracht. Vor etwa 17 Jahren hat ein Antiquar aus Würzburg jemanden gesucht, der eine Software für ihn schreibt. „So sind wir in das Geschäft reingekommen“, erzählt er.

Mit der Zeit wurden die Kunden immer mehr. Und die sind alles andere als eine homogene Gruppe. „Vom kleinen Antiquar mit Büchern im vierstelligen Preissegment über den Remittenden-Händler mit schnelldrehender Ware bis hin zum Billig-Gebrauchtwarenhändler – wir bedienen alle mit unserer Software“, erzählt Frank Holzapfel.

Etwa 13 Millionen Artikel sind um System

Konkret sieht das so aus: Der Händler hat die Software bei sich auf dem Rechner. Mit ihrer Hilfe kann er die Bücher digitalisieren, sein Lager verwalten, Lieferscheine erstellen. Etwa 13 Millionen Artikel haben Frank Holzapfel und seine Kollegen momentan in ihrem System. Hat ein Händler ein Buch digital erfasst, sorgen die

Stefan Gläßer (links) und Frank Holzapfel
Stefan Gläßer (links) und Frank Holzapfel Foto: Pia Lehnfeld

Software-Dienstleister dafür, dass der Datensatz an alle wichtigen Portale wie etwa Amazon, Ebay, Booklooker, ZVAB oder AbeBooks geschickt wird. Auf diesen Plattformen werden die Bücher verkauft. Wenn ein Buch beispielsweise bei Amazon gekauft wird, entfernt die Software es automatisch aus den anderen Portalen. „So werden Doppelverkäufe vermieden – schließlich handelt es sich bei den Büchern ja meist um Unikate“, erläutert der 46-Jährige. Der Händler wird per Nachricht informiert – die Rechnung erhält er ebenso über die Software wie den Lagerplatz des gekauften Buches. Schließlich verschickt der Händler das Buch an den Kunden.

Die 15 Datenserver stehen in Gunzenhausen

„Die Datenlogistik ist wahnsinnig komplex“ erklärt Frank Holzapfel. Für die 13 Millionen Bücher brauchen die Programmierer 15 Server – sie erledigen die Rechenleistung im Hintergrund. Die Server befinden sich in einem externen Rechenzentrum im mittelfränkischen Gunzenhausen.

Der Gebrauchtbüchermarkt im Internet boomt. Frank Holzapfel bezeichnet ihn als einen „riesengroßen Markt im Stillen“, der Millionenumsätze mache. Doch glänzt längst nicht alles, was Gold ist. Antiquarische Plattformen wie AbeBooks oder ZVAB gehören inzwischen längst Amazon oder einer Amazon-Tochter. „Ebay und Amazon haben zusammen mit ihren Tochterfirmen einen Marktanteil von 80, 90 Prozent“, erzählt der 46-Jährige. Die Monopolisten sieht Holzapfel als eine Gefahr für den Antiquariat-Markt im Internet.

Marktführer Amazon

„Die Buchhändler machen sich von Amazon abhängig – und im Endeffekt auch wir als Dienstleister dieser Händler“, sagt der 46-Jährige. Nicht nur, dass Amazon die Preise drücke – der Antiquar müsse auch eine hohe Nutzungsgebühr von mehreren Hundert Euro pro Monat zahlen, um die Plattform nutzen zu dürfen. Hinzu komme eine Provision von bis zu 15 Prozent pro Buch. „Durch die Monopolstellung können die Anbieter natürlich die Provisionen in die Höhe treiben wie sie wollen“, erläutert Holzapfel. Niedrige Preise, hohe Provisionen – für Händler, die davon leben müssen, ist das ein Problem, sagt Frank Holzapfel.

Unabhängige Plattformen gebe es kaum noch: Booklooker gehöre dazu, aber auch buchfreund.de, das Portal der w+h. Bei beiden Portalen kann jedermann antiquarische Bücher suchen und kaufen. Es gibt hier nicht nur Bücher, sondern zum Beispiel auch alte Ansichtskarten. Frank Holzapfel weiß aber auch: „Ohne Amazon geht es nicht – wir leben ja davon. Wenn Sie ein gebrauchtes Buch bei Amazon sehen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es aus unserem System ist.“

 

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