MASSBACH

Neues vom Sams-Erfinder: Miss Arrogant und das Untier

Ein klassisches Märchen ist das Kinder-Theaterstück von Paul Maar nicht, das in Maßbach Premiere hatte – in Maars tiefem, dunklem Wald ist alles anders: Das Untier frisst vegetarisch, der schöne Prinz ist feige und erfolglos, Prinzessin Simplinella wird zur unerschrockenen Heldin.
Paul Maar.
Paul Maar. Foto: FOTO ddp

Als Märchenparodie möchte Kinderbuchautor Paul Maar, der bei der Premiere zuguckte, sein Stück „In einem tiefen, dunklen Wald“ dennoch nicht verstanden wissen. „Ich mache mich nicht über das Märchen lustig, sondern ich nehme Elemente des Märchens und gestalte sie neu.“

Regisseur Thomas Klischke lässt es denn auch ganz traditionell losgehen: „Es war einmal vor langer Zeit“, berichtet die Erzählerin vor dem noch geschlossenen Vorhang – nur um just in diesem Moment von einem Gesicht unterbrochen zu werden, das unter dem Vorhang herauslugt: Gar so lang sei das dann alles doch noch nicht her.

Das Spiel mit Märchenelementen zieht sich durchs ganze Stück: Prinzessin Henriette-Rosalinde-Audora ist keine Prinzessin der edel-, sondern eher eine der hochmütigen Sorte. Weil ihr keiner der Ehe-Bewerber zusagt, lässt sich Miss Arrogant von einem vegetarischen Untier – sicher ist sicher – in den tiefen, dunklen Wald entführen. In der Hoffnung, dass die mutigsten und schönsten Prinzen anreisen, sie zu befreien.

„Ich akzeptiere Märchen und finde sie gut“, sagt Paul Maar, der mit den Sams-Büchern zum Bestseller-Autor wurde. Schließlich hätten ihn Märchen, der Glaube an den guten Ausgang, zu dem gemacht, was er ist. Allerdings findet Maar es schwierig, traditionelle Märchen auf die Bühne zu bringen. „Was bei den alten Märchen nie vorkommt, ist Ironie oder Witz“, sagt Maar. Das Stück „In einem tiefen, dunklen Wald“ dagegen lebt davon.

Und es lebt von der humorvollen Darbietung der Schauspieler: Wenn Philipp Locher als Untier mit grauen Riesen-Tatzen-Schuhen über die Bühne hatscht, biegen sich die Kinder vor Lachen. „Erlös Königssohn“, nuschelt der verwunschene Königssohn durch seine graue Untier-Zottelmaske. „Ohrlos Königssohn“ versteht Prinzessin Henriette-Rosalinde-Audora. Silvia Steger hört als Prinzessin so überzeugend nicht zu, dass es ein Mädchen in den Zuschauerreihen nicht aushält. „Küssen sollst du ihn“, ruft sie auf die Bühne.

Dass die Kinder über 60 Minuten konzentriert dabei sind, am Ende gar begeistert stampfen und „Zugabe“ rufen, liegt sicher auch an den verschiedenen Tanzeinlagen: Einmal gestikulieren die Diener zu „Mein Hut, der hat drei Ecken“, ein andermal tanzen sie auf „Billy Jean“ Michael Jacksons Moonwalk.

Auch das bunte Bühnenbild von Heike Mondschein dürfte die Schüler fesseln. Gerade noch sitzen Königspaar samt Tochter in einer großen goldenen Krone, da hat sich dieses „Schloss“ – einmal um seine Achse gedreht – schon in eine Untier-Höhle verwandelt. Statt der erhofften Prinzen taucht Prinzessin Simplinella in der Höhle auf, um Henriette-Rosalinde-Audora zu retten. Auch Simplinella war früher Etepetete-Prinzessin. Die Wurst aß sie zimperlich-penibel ausschließlich mit Messer und Gabel. Mit ihrer Heldinnen-Tat aber verabschiedet sie sich vom passiven Prinzessinnen-Dasein, lernt zuzupacken. Und die Wurst mit Haut und Hand essen. „Ich wollte zwei Frauenbilder zeigen“, sagt Maar. Die hochmütige Prinzessin und die Tatkräftige, die bereit ist, ihr Prinzessinnenleben abzulegen und die Welt kennenzulernen.

„Simplinella wird am Ende belohnt und bekommt den reichsten Prinzen im ganzen Umkreis“, erläutert Maar die „Moral von der Geschicht'“. Er lehnt es ab, wie im klassischen Märchen zu belehren. „Wenn es eine Botschaft gibt, muss sie untergründig mit viel Humor begründet werden.“ Auch die Schwarz-Weiß-Zeichnung traditioneller Märchens meidet er: Im tiefen, dunklen Wald Maßbachs finden das erlöste vegetarische Untier und die emanzipierte Simplinella zueinander – die hochmütige Audora geht leer aus . . .

Bis 4. August. Karten und Infos unter Tel. (0 97 35) 235.

Prinzessin Henriette-Rosalinde-Audora (Mitte), gespielt von Silvia Steger, sucht einen Prinzen. Sie bittet ihre Eltern (Susanne Pfeiffer und Philipp Locher, der außerdem das Untier spielt), sie am Waldrand auszusetzen.
Prinzessin Henriette-Rosalinde-Audora (Mitte), gespielt von Silvia Steger, sucht einen Prinzen. Sie bittet ihre Eltern (Susanne Pfeiffer und Philipp Locher, der außerdem das Untier spielt), sie am Waldrand auszusetzen. Foto: FOTO Sebastian Worch

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