SCHWEINFURT

Odyssee der Selbsterkundung: Egon Schiele im Museum Georg Schäfer

Egon Schiele in Schweinfurt: Das Museum Georg Schäfer zeigt Arbeiten aus dem Wiener Leopold Museum unter dem Titel „Freiheit des Ich“ und will damit eine neue Sichtweise auf den oft als Posterboy und Provokateur unterschätzten Künstler ermöglichen.
Direkter Blickkontakt mit den Betrachterinnen: Egon Schiele, „Selbstbildnis mit gesenktem Kopf“, 1912. Foto: Martina Müller

Egon Schiele, Wiener Ikone zwischen Jugendstil und Expressionismus, Monolith mit den dekorativen Qualitäten, wie sie für großformatige Reproduktionen in Jugendzimmern geschätzt werden. Der ebenso rätselhafte wie radikale Vertreter einer Zeit, die ohnehin schon für den Zweifel, die Spannung zwischen Auflösung und Aufbruch und für den Tabubruch steht. Egon Schiele im Schweinfurter Museum Georg Schäfer – dem Haus also, dessen Reputation vor allem auf Spitzweg,  Waldmüller  oder Caspar David Friedrich gründet.

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Egon Schiele im MGS

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„Freiheit des Ich“, heißt die neue Sonderausstellung, die bis 6. Januar 68 Exponate zeigt, Leihgaben aus dem Wiener Leopold Museum, ergänzt durch Werke aus dem Bestand etwa von Lovis Corinth, Max Slevogt, Max Liebermann oder Franz von Lenbach – mit dem Anspruch, dem „eingeschränkten Wiener Blick“ (Museumsleiter Wolf Eiermann) auf Egon Schiele (1890-1918) eine möglicherweise von der Unbefangenheit geografischer Entfernung begünstigte neue Perspektive hinzuzufügen.

Die Aspekte Psyche und Erotik

Gemeint ist damit vor allem die Einordnung des Werkes in den kunstgeschichtlichen und ikonografischen Kontext, eine Relativierung beziehungsweise Entschlüsselung der vielstrapazierten Aspekte Psyche und Erotik (mitunter auch Pornografie). „Das ist nicht alles so oberflächlich – da steckt mehr dahinter“, sagt Wolf Eiermann.

Dass nun ausgerechnet Schweinfurt den größten Schiele-Werkkomplex in Deutschland seit 1995 zeigen kann, ist der Vorleistung zu verdanken, die das Museum Georg Schäfer erbrachte, indem es 2017 54 Arbeiten von Carl Spitzweg an das Leopold Museum in Wien verlieh. Dieses, Hort der weltweit größten Schiele-Sammlung, erbringt nun sozusagen die Gegenleistung. „Die Versicherungswerte sind astronomisch“, sagt Eiermann. Die Anlieferung habe unter Polizeischutz stattgefunden, an den Wochenenden werde man zusätzliches Wachpersonal einsetzen.

Wenn es dann läuft wie erhofft, rechnet das Museum, das grundsätzlich keine Besucherzahlen herausgibt, um nicht die „Flunkerspirale“ (Eiermann) von Vorgängern fortzusetzen, wenn also der Zuspruch sich entsprechend einstellt, könnte bis Jahresende die Marke von 100 000 Besuchern geknackt werden.

Großzügige Hängung

Bei großzügiger Hängung ist in den Räumen mit eher dunklen Erdtönen viel Platz. 170 Selbstbildnisse hat Schiele geschaffen und war damit selbst sein wichtigstes Modell. Eine „Odyssee der Selbsterkundung“, nennt Kuratorin Karin Rhein die Zusammenstellung der Selbstporträts gleich zu Beginn des Rundgangs, ein Motto, das aber auch für die ganze Ausstellung gelten kann, denn selbst die Natur ist Schiele „Spiegel des Ich“, so ein Raumtitel.

Der „Herbstbaum“ von 1912 etwa, ein fragiles Wesen mit schmerzhaft verrenkten Ästen in unwirtlicher Landschaft, entstand während der „Neulengbacher Affäre“, als Schiele unter anderem der Schändung einer Minderjährigen beschuldigt, schließlich wegen der „Verbreitung unsittlicher Darstellungen“ verurteilt wurde und knapp einen Monat im Gefängnis saß.

Während seine Zeit die Erkenntnisse (oder Hypothesen) von Psychologie und Psychiatrie zur Erklärung von Massenphänomenen oder von Erkrankungen heranzog, bestärkte Schiele die wissenschaftliche und literarische Erkundung des Geistes in der Auffassung, Ich, Persönlichkeit oder Charakter seien mitnichten festumgrenzte Gegebenheiten, sondern unstete, vielfach geprägte oder beschädigte Elemente, die sich je nach Befindlichkeit unterschiedlich manifestieren.

So zeigt er sich selbst in unterschiedlichsten Rollen – vom Dandy über den Grübler mit stechendem Blick bis hin zum ausgezehrten Akt mit grotesk verdrehten Gliedmaßen – letztere ein wiederkehrendes, vielfach deutbares Motiv, das nicht zuletzt auch für das unablässige Experimentieren mit Raum und Perspektive steht.

Inspiration aus vielen Quellen

Gemälde, Zeichnungen, Fotografien, Selbst- und Fremdzeugnisse zeigen einen risikofreudigen Frühvollendeten (und mit 28 Jahren an der Grippe Frühgestorbenen) von scharfem Geist, mächtiger Spiritualität und unbeirrbarer Gestaltungskraft, der Inspiration aus unterschiedlichsten Quellen bezog – von Rilke und Rodin über altägyptische Reliefs, japanischen Holzschnitt oder javanische Schattenspielfiguren bis hin zur katholischen Bilderwelt.

Museum Georg Schäfer: Egon Schiele – Freiheit des Ich. Eröffnung am Samstag, 13. Oktober, 15 Uhr. Bis 6. Januar. Öffnungszeiten: Di. bis So. 10 bis 17 Uhr, Do. bis 21 Uhr. Der Katalog kostet 33,50 Euro. Zu Ausstellung gibt es ein Begleitprogramm, unter anderem das „Kaffeekonzert: Walzertakt & Wienerlieder“ mit Musik und Texten um die Wende zum 20. Jahrhundert am Do., 25. Oktober, 19 Uhr. Mit Anja Schaller (Violine), Michael Herrschel (Gesang & Conférence) und Sirka Schwartz-Uppendieck (Klavier).

Kuratorin Karin Rhein (links) Foto: Martina Mueller

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