Würzburg

Oper im Mainfranken Theater: Nichts für Schmerzempfindliche

Am Samstagabend lieber in die Oper oder zum Chinesen? Nach der Premiere von "Der Goldene Drache" am Mainfranken Theater ist klar: Es kommt sehr auf die Reihenfolge an.
Im Mittelpunkt: Sopranistin Silke Evers als junger Chinese mit Zahnschmerzen. 
Im Mittelpunkt: Sopranistin Silke Evers als junger Chinese mit Zahnschmerzen.  Foto: Thomas Obermeier

"Aaahhh! Aaaa-aahh"  und "Aua!" Statt mit eine Ouvertüre beginnt diese Oper mit Geschrei. Leute stürmen von rechts und hinten links auf die Bühne, auf den weißen Kubus zu. Und eine halbe Drehung später ist man mitten drin in – Töpfegeklapper, Löffelrythmen, Wokgeschepper - der winzigen Küche eines fernöstlichen Schnellrestaurants. Sieht fünf Köche im rotgelbgoldenen Asia-Klischee-Gewand. Und der Kleinste liegt am Boden und krümmt sich, windet sich, jammert und heult. Zahnschmerzen! Aus dem Orchestergraben erklingt schräg, sägend, bohrend dazu ein klares Cis.

Viel Cis im Asia-Imbiss: Opernhandlung spielt im fernöstlichen Restaurant

Willkommen im „Goldenen Drachen“. Den geschrienen Anfang mag man ruhig als Warnung verstehen. Wer schmerzempfindlich ist, wer sich vielleicht gerade selbst mit einem hohlen Zahn herum plagt, möge sich wappnen. Und wer sich den Appetit auf Thai-Suppe scharf oder die Nummer sechs beim Chinesen nicht vergällen lassen will, der sollte im Mainfranken Theater lieber in ein anderes Stück. Im Musiktheater von Peter Eötvös wird nämlich nicht zimperlich umgegangen mit Kariösem und auch nicht mit (hilfsbedürftigen) Menschen. Und an einen verfaulten, blutigen Zahn wird man nächstes Mal im Asia-Imbiss ganz sicher denken . . .

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Der goldene Drache

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Denn Eötvös’ 2014 uraufgeführte Kammeroper beginnt zwar als skurrile, knallige Komödie, entwickelt sich indes schnell zur tiefschwarzen Groteske. Im Handlungsgerippe – in 21 kurzen Szenen in 100 Minuten in einem Rutsch auf die Bühne gebracht – kommen unter anderem noch eine hungrige Grille, zuhälterische und geile Ameisen, ein schwangeres Mädchen und übermüdete Stewardessen vor.

Der riesige, blutige, verfaulte Zahn auf der Bühne des Mainfranken Theaters prägt sich Besuchern der Oper 'Der goldene Drache' nachhaltig ein. 
Der riesige, blutige, verfaulte Zahn auf der Bühne des Mainfranken Theaters prägt sich Besuchern der Oper "Der goldene Drache" nachhaltig ein.  Foto: Thomas Obermeier

Einigermaßen absurd alles. Und wer auf die Zwischentöne hört, kann – wie die Stewardess den herausgerissenen Zahn am Grund ihrer Suppenschale – Sozialkritik zu Armut, Ausbeutung, Unterdrückung, Gewalt und Flucht finden. Und über allem die Frage: Wie gehen wir um mit dem Anderen, dem Fremden? Wie gleichgültig sind wir, ist die Gesellschaft?

„Sind wir noch fähig und bereit, uns zu wandeln?“, fragt Regisseurin Aldona Farrugia am Mainfranken Theater im Programmheft. Doch ob bei der Premiere von „Der Goldene Drache“ diese Frage wirklich durch die Köpfe ging?

Man hält sich selbst die Backe, schluckt, erträgt. Freut sich an den knalligen Kostümen von Gisa Kuhn und dem schlicht-geschickten Bühnenbild von Dorota Karolczak, die auf den Teppich mit dem goldenen Drachen verzichtet. Die Wände des weißen Küchenkubus sollen als Projektionsfläche dienen und ausreichen für die Bilder im Kopf.

Und ja, da sind die fünf Sänger. Da ist das kleine Orchester. Da ist die Musik. Silke Evers, Barbara Schöller, Roberto Ortiz, Mathew Habib und Hinrich Horn haben wenig zu singen, dafür viel zu tun. Sie schlüpfen in zusammen fast zwei Dutzend Rollen und leisten ständiges Umziehen, schnelle Taktwechsel, fordernden Sprechgesang allesamt souverän und wunderbar.

Trotz des Cis: Eötvös Musik lässt sich genießen

Und immer wieder dieses Cis. Eötvös Musik lässt sich – erstaunlich angesichts des riesigen schwarzzerfressenen Backenzahns, der irgendwann über allem schwebt – genießen. Sehr präzise, klar und exakt und kurzum ausgezeichnet ist das Spiel des Orchesters, das Gábor Hontvári sensibel und vorzüglich leitet. Und am Ende geradezu liebevoll, lyrisch und zart.

Aber es ist halt doch ein Stück mit viel unbequemen Wahrheiten, mit Gewalttätigem, Unappetitlichem. Es gibt ein paar wenige Momente, da lacht das Publikum fast aufatmend auf. Etwa wenn Stewardess Eva, die im Pad Thai Gai mittelscharf stochert, beim Blick auf den Zahn der aufblasbare Schwimmkragen platzt. Insgesamt nichts für Zartbesaitete und Zahnempfindsame. Kein Happy End.  

Publikumsreaktion: verhalten bis erleichtert

Der Applaus am Premierenabend: respektvoll bis höflich. Erst zögerlich und verhalten. Dann doch lang und länger und vor allem den Sängern, Musikern und dem Komponist gespendet. Und ja: erleichtert irgendwie.

Weitere Vorstellungen von "Der Goldene Drache" am 1., 8. und 14. Februar, 1., 5. und 17. März, 1. und 17. April sowie 27. Mai. Karten: Tel. (09 31) 39 08-124 oder karten@mainfrankentheater.de

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