SCHWEINFURT/BAMBERG

Paul Maar wird 75: Interview

Der populäre Kinderbuchautor Paul Maar wird 75: Was der gebürtige Schweinfurter einer seiner Lieblingsfiguren so alles verrät.
Schöpfer und Geschöpf: Kinder- und Jugendbuchautor Paul Maar mit Philipp Mattenheim, genannt Lippel. Foto: Oetinger Verlag, Thomas Obermeier/Montage Daniel Biscan

Ich bin Philipp Mattenheim. Die meisten nennen mich jedoch Lippel. Auch Paul Maar. Er hat mich erfunden. Das war vor fast 30 Jahren. Damals war ich zehn Jahre alt, und Paul Maar hat sich für mich ein spannendes Abenteuer ausgedacht. Das Buch „Lippels Traum“ wurde sogar zweimal verfilmt: 1991 und 2009. Vor wenigen Wochen ist das zweite Buch über mich erschienen. Es heißt „Lippel, träumst du schon wieder!“ Für Euch ungewöhnlich ist: Ich bin in der Zwischenzeit nur ein Jahre älter geworden. Mein Schöpfer, Paul Maar, ist ebenfalls jung geblieben. In seiner Welt gehen jedoch die Uhren anders als in meiner. Deshalb feiert er am kommenden Donnerstag, 13. Dezember, seinen 75. Geburtstag. Zu seinem Ehrentag wollte ich ihn mal mit Fragen löchern, die mir schon lange auf dem Herzen liegen. Jedes Wesen möchte schließlich mehr über seine Wurzeln wissen, zumal ich ihm in ganz schön vielen Dingen sehr ähnlich sein soll . . .

Frage: Ich habe gehört, ich bin Deine Lieblingsfigur.

Paul Maar: Ja, bist Du das überhaupt? Die Johanna aus meinem Buch „Kartoffelkäferzeiten“ habe ich genauso gern wie Dich. Und das Sams ist bei mir natürlich auch nicht unbedingt unbeliebt. Aber Du, Lippel, Du erinnerst mich ein wenig an meine Kindheit. Ich war auch ziemlich verträumt und hatte Tagträume. Deshalb bist Du sicher die Lieblingsfigur mit der größten Nähe zu mir.

Haben Deine Eltern dann auch ständig zu Dir „Paul, träumst Du schon wieder!“ gesagt?

Maar: Bei mir hieß es, wenn ich mal wieder nicht mitbekam, über was am Tisch gesprochen wurde, und mich meine Eltern aus meinen Gedanken rissen: Ach, der Paul kommt wieder aus dem Mustopf, der hat mal wieder geträumt. Du bist ja auch so ein Träumer, deswegen haben wir beide ja so ein besonderes Verhältnis zueinander.

Wenn ich nicht träume, dann lese ich sehr viel. Wie war das bei Dir, als Du Kind warst?

Maar: Für meinen Vater war Lesen eher Zeitverschwendung. Verboten hat er mir das Lesen aber nie. Wenn er von der Arbeit nach Hause kam und sah, wie ich im Sessel saß und in ein Buch vertieft war, dann konnte es aber schon vorkommen, dass er zu mir sagte: „Ich sehe, Du hast nichts zu tun. Draußen stehen meine Stiefel, die müssten dringend sauber gemacht werden.“

Zu meinen Lieblingsgeschichten gehören die von Tausendundeiner Nacht. Mochtest Du die auch?

Maar: Die mag ich immer noch. Und ich lese gerne Bücher, die für Erwachsene geschrieben sind und nicht für Kinder wie Dich. Eine meiner Lieblingsgeschichten ist von einem englischen Dichter. Er heißt Laurence Sterne, und sein Buch heißt „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“.

Vielleicht lese ich es später mal, wenn ich groß bin. Jetzt möchte ich von Dir wissen, ob wir noch weitere Gemeinsamkeiten haben. Hast Du zum Beispiel genauso viel Angst im Dunkeln wie ich?

Maar: Erfreulicherweise nicht. Das habe ich für Dich erfunden, damit es ein wenig spannender wird. Davon abgesehen, die Angst im Dunkeln, die hast Du nur im Film, im Buch nicht. Überhaupt gibt es ein paar Unterschiede zwischen der Geschichte im Buch und im Film.

Im Film erlebe ich im Traum ein spannendes Abenteuer in Marokko. Warst Du schon mal dort?

Maar: Dort warst Du nicht nur in Deinen Träumen, sondern dort wurde auch Dein Film „Lippels Traum“ gedreht. Da wollte ich unbedingt zuschauen, ich war aber nicht die ganze Zeit bei den Dreharbeiten dabei. Das hätte mich zu viel Zeit gekostet und wäre mir auch zu teuer geworden.

Mein Buch „Lippels Traum“ hast Du – nach der Zeitrechnung in Deiner Welt – schon vor 28 Jahren geschrieben. Warum hast Du so lange gebraucht, bis Du Dir ein neues Abenteuer für mich ausgedacht hast?

Maar: Das liegt daran, dass der Film zu Deinem Buch 2010 zu den beliebtesten bei der bayerischen Schulkinowoche gehörte. Ich habe danach viele Briefe von Kindern erhalten, noch mehr als sonst. Normalerweise werde ich darin immer gefragt: „Wann kommt ein neues Sams-Buch?“ Aber in diesen Briefen stand: „Gibt es eine Fortsetzung von Lippels Traum?“ Warum nicht?!, dachte ich mir. Und weil ich gerade auf den Lofoten in Norwegen in Urlaub war, erlebst Du Dein jüngstes Traumabenteuer bei den Trollen.

Auf den Lofoten treffe ich auf die Trollprinzessin Ganaxa. Ich gebe zu, ich habe mich ein wenig in sie verliebt. Warst Du schon mal in eine Trollprinzessin verliebt?

Maar: Als ich so alt war wie Du, da wusste ich gar nicht, was ein Troll ist. Aber es gab für mich, als ich zwölf, 13 oder 14 Jahre alt war, schon so kleine Verliebtheiten in verschiedene Mädchen. Sie hatten aber keine Ähnlichkeit mit Ganaxa.

Ich mag neben Trollprinzessinnen auch eingemachtes Obst. Das kanntest Du aber schon als Kind, oder?

Maar: Na klar. Früher hat meine Mutter immer sehr viel Obst eingemacht, zum Beispiel Kirschen und Ringlos. Die heißen eigentlich Reineclauden, aber im Fränkischen heißen sie Ringlos. Ich habe mich immer sehr gefreut, wenn ein Einmachglas geöffnet worden ist und es zum Nachtisch ein paar Löffel davon gab. Heute ist eingemachtes Obst eher bei alternativ lebenden Familien üblich.

Und bei Frau Jeschke. Hattest Du auch so eine nette Nachbarin?

Maar: In meiner Kindheit gab es in der Nachbarschaft viele Frau Jeschkes. Es waren meist ältere Frauen, und auch sie haben, wie Deine Frau Jeschke, gerne Obst eingekocht. Das war damals etwas ganz Normales. Sie haben auch gerne aus dem Fenster geguckt, denn sie wollten wissen, was auf der Straße alles los war. Fernsehen gab es ja noch nicht. Wenn ich vorbeilief, dann haben sie mich oft gefragt: „Na, magst Du nicht reinkommen?“ Dann wusste ich, jetzt bekomme ich wieder ein Schüsselchen mit eingemachtem Obst.

Meine Freunde sind Hamide und Arslan. Sie kommen aus der Türkei und sind unglaublich nett.

Maar: Ich hatte früher auch sehr nette Freunde, allerdings keine aus der Türkei. Als ich so alt war wie Du, das war 1947/48, da wohnte ich in Obertheres. In dem kleinen Dorf gab es damals keine Türken. In ganz Deutschland lebten zu dieser Zeit wahrscheinlich höchstens hundert türkische Kinder. Erst als wir türkische Gastarbeiter nach Deutschland geholt haben, damit sie in unseren Fabriken arbeiten, hat sich das geändert. Heute ist es normal, dass türkische Familien bei uns leben.

Gibt es deshalb Dein neuestes Werk, eine CD mit türkischen Geschichten vom fliegenden Kamel, auf Deutsch und auf Türkisch?

Maar: Dieses Projekt liegt mir sehr am Herzen. Damit gehe ich auf Tournee. In Bonn war ich schon, auch in Schweinfurt. Zu dieser Stadt habe ich eine besondere Beziehung. Dort wurde ich geboren. Auf der Tournee begleiten mich ein türkischer Sprecher, zwei türkische Musiker und die Musiker der Capella Antiqua Bambergensis. Das waren bis jetzt sehr schöne Veranstaltungen, und jedes Mal waren auch viele türkische Familien da. Sie kamen hinterher sogar zu uns an die Bühne und haben uns einzeln die Hand gegeben. So etwas vergisst man nicht so schnell.

Besondere Geburtstage vergisst man bestimmt auch nicht. Lädst du mich zu Deiner Feier ein?

Maar: Du bist doch immer willkommen. Meine Familie kennst Du ja. Wir feiern aber nicht bei mir zu Hause in Bamberg, sondern in Birkenfeld, Du weißt schon, in dem kleinen Haus im Fränkischen, meinem Rückzugsort, wo mein Schreibtisch steht. Dort habe ich mir Deine zweite Geschichte ausgedacht. Dieses Mal sitzen wir aber an dem großen Tisch. Meine Mutter wird da sein, meine Frau Nele, meine Kinder Michael, Katja und Anne, meine Enkel, gute Freunde. Das Sams hat sich auch angekündigt. Und Herr Bello fragt erst gar nicht. Idee und Gesprächsprotokoll: Christine Jeske

Paul Maar

Der Kinder- und Jugendbuchautor wurde am 13. Dezember 1937 in Schweinfurt geboren. Die Mutter starb drei Monate später an den Folgen der Geburt. Der Vater, ein Malermeister, heiratete ein zweites Mal. Einige Jahre lebte Paul Maar in Obertheres bei den Eltern seiner neuen Mutter. Später zog die Familie nach Schweinfurt zurück. Paul Maar studierte an der Kunstakademie in Stuttgart Malerei und Kunstgeschichte und arbeitete einige Jahre als Kunsterzieher. 1968 erschien sein erstes Kinderbuch, „Der tätowierte Hund“. Den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt er 20 Jahre später für das Sachbuch „Türme“; 1996 wurde er mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. Zu seinen erfolgreichsten Büchern zählen die über das Fantasiewesen Sams. Er schreibt die Drehbücher zu den Verfilmungen seiner Werke und illustriert auch seine Bücher teilweise selbst. Paul Maar ist mit der Familientherapeutin Nele Maar verheiratet. Er hat mit ihr drei Kinder (Michael, Katja, Anne) und lebt in Bamberg. Neues zum 75. Geburtstag von Paul Maar bei Oetinger: Da bin ich gespannt wie ein Gummiband. Die samsigsten Sprüche vom Sams (9,95 Euro). Es hummelt eine Brumm. Geschichten vom Sams, Professor Monogrohm, dem Kater Traugott und anderen (CD, 9,95 Euro). Von Wunschpunkten, Zaubersäften und anderen Dingen. Die schönsten Kinderromane von Paul Maar (im Schuber, 19,99 Euro).

Schlagworte

  • Filme
  • Kinderbuchautorinnen und Kinderbuchautoren
  • Kinderbücher
  • Paul Maar
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!