WÜRZBURG

Pelzig braucht die Bühne: Exklusiv-Interview

Erste Tournee nach fünf Jahren: Kabarettist Frank-Markus Barwasser über seine Rückkehr und seine Anfänge
Frank-Markus Barwasser: „Pelzig hält jetzt natürlich kein wissenschaftliches Seminar.“
Frank-Markus Barwasser: „Pelzig hält jetzt natürlich kein wissenschaftliches Seminar.“ Foto: www.pelzig.de

Erst der Film „Vorne ist verdammt weit weg“, dann das Theaterstück „Alkaid“, dann der Wechsel zum ZDF, wo er mit „Neues aus der Anstalt“ und „Pelzig hält sich“ gleich zwei Sendungen regelmäßig bestreitet: Der aus Würzburg stammende Kabarettist Frank-Markus Barwasser (52) hatte in den letzten fünf Jahren nicht viel Zeit, seinen Erwin Pelzig auch noch auf Tournee zu schicken. Jetzt tourt der „fränkische Konsonantenschänder“, wie ihn Anstalt-Chef Urban Priol nennt, wieder, mit seinem neuen Programm „Pelzig stellt sich“ (siehe graue Infobox). Ein Gespräch mit Barwasser über die Rückkehr, seine Anfänge und darüber, warum er und Pelzig die Bühne brauchen.

Frage: Pelzig stellt sich – warum? Was hat er verbrochen?

Frank-Markus Barwasser: Ja, das ist ja schon mal schön, dass man sich das fragen kann. Der Programmtitel lässt vieles offen. Er ist vor allem aus diesem Gedanken heraus entstanden: Pelzig hält sich und stellt sich, „hält sich“ für die Fernsehsendung und „stellt sich“ für die Bühne. Ich will eigentlich auch keine festen Programmtitel mehr haben, die signalisieren: Jetzt gibt's ein neues Programm und in drei Jahren wieder ein neues. Es wird sich eh laufend verändern, wer das jetzt sieht und in drei Jahren, der wird viel Neues sehen.

Ihre Programme fußten oft auf einem fast schon philosophischen Fundament, und Sie schickten Pelzig gerne ins Grundsätzlichere. Wird der Pelzig jetzt mehr zum Priol und pflügt durch die Aktualität?

Barwasser: Pelzig bleibt Pelzig, aber ich habe auch früher meine Programme immer wieder verändert und bin auf aktuelle Ereignisse eingegangen. Genauso selbstverständlich wird sich Pelzig weiterhin auch grundsätzlichere Gedanken machen. Beim letzten Programm habe ich ja den Begriff Vertrauen stark variiert, diesmal ist es der Begriff Selbstbetrug.

„Biodiesel, Umweltzone, Energiesparlampe – alles von oben verordneter Selbstbetrug.“

Frank-Markus Barwasser

Selbstbetrug? Warum betrügen wir uns selbst?

Barwasser: Auf der persönlichen Ebene redet man sich Dinge ja oft so zurecht, wie man sie gerade braucht, um sich nicht verändern zu müssen und seine Vorurteile zu retten. Auf einer großen gesellschaftlichen und politischen Ebene ist das nicht anders. Unter diesem Aspekt betrachtet Pelzig das große Ganze und das kleine Spezielle.

Das hat Pelzig schon immer gerne getan. Wo belügt sich die Gesellschaft selbst?

Barwasser: Nehmen wir doch nur mal den Afghanistaneinsatz, den wir nicht Krieg nennen durften. Der hieß Stabilisierungseinsatz, was natürlich ein amtlich erwünschter Selbstbetrug war. Selbstverständlich war es von Anfang an Krieg. Wir haben ja auch alle schön weggeschaut, und außer den Angehörigen von Bundeswehrsoldaten und einigen Politologen interessiert sich jetzt ja auch niemand so wirklich dafür, was dort passiert. Auch dieses Nicht-zur-Kenntnis-nehmen-Wollen ist Selbstbetrug. Das hat mit kognitiver Dissonanz zu tun. So bezeichnet die Sozialpsychologie einen unangenehmen Gefühlszustand, der entsteht, weil man mehrere Wahrnehmungen, Gedanken oder Meinungen und Wünsche hat, die man nicht miteinander vereinbaren kann. Nehmen Sie Biodiesel, Umweltzone, Energiesparlampe – alles von oben verordneter Selbstbetrug. Oder die sogenannten Nebenhaushalte. Da lagert man die Schulden einfach aus und tut damit im Grunde so, als gäbe es sie nicht mehr. Das ist Selbstbetrug, weil die Schulden natürlich noch da sind. Aber keine Angst: Pelzig hält jetzt natürlich kein wissenschaftliches Seminar, und im Kleinen thematisieren natürlich auch Pelzig, Hartmut und Dr. Göbel ihren Selbstbetrug.

Seine beiden Kumpel sind wieder dabei?

Barwasser: Ja, die sind natürlich schwer beleidigt, dass sie nicht im Fernsehen sind, klar.

Bekommen Hartmut und Dr. Göbel also auf der Bühne mehr Raum als Wiedergutmachung?

Barwasser: Erst dachte ich, die sollen froh sein, dass sie überhaupt was sagen dürfen. Aber dann habe ich mich richtig gefreut, sie wieder zu treffen. Es ist einfach auch eine Bereicherung, wenn man über das Trio eine Dialektik zeigen und Themen aus drei Blickwinkeln behandeln kann.

 

Und mit Ihrer Rückkehr beweisen Sie Ihrem Vorgänger in „Neues aus der Anstalt“, Georg Schramm, dass Bühne neben Anstalt doch geht.

Barwasser: Na ja, ich war in der Anstalt gestern Abend ja auch nicht dabei.

Ein einmaliger Akt?

Barwasser: Ein einmaliger Akt. Das war aber von Anfang an so vereinbart, dass ich die Option habe, auch mal auszusetzen. Und es war in diesem Jahr auch sehr eng, seit Januar hatte ich einen 14-Tage-Rhythmus, mal Anstalt, mal Pelzig, da erreicht man dann schon mal Grenzen, auch was die Themenauswahl angeht. Wir haben ja keine Autoren, schreiben alles selbst, und es sind ja relativ aufwendige Sendungen. Also habe ich mir jetzt, wegen der Premiere des Bühnenprogramms, mal erlaubt, zu pausieren. Pelzig macht Urlaub von der Anstalt, und ab der nächsten Sendung im Juni bin ich dann auch wieder dabei.

„Es war auch gut, mal zu pausieren, aber jetzt habe ich es einfach nicht mehr ausgehalten.“

Frank-Markus Barwasser

Scheint, als ob Sie sich wirklich darauf freuen, wieder auf Tour zu gehen. Was ist so toll an der Bühne?

Barwasser: Stimmt, ich freue mich sehr darauf. Wann ist ein Künstler wirklich autonom, komplett autonom? Das ist er nur bei seinem Soloprogramm. Ich habe vom Plakat und Titel bis zum Text praktisch alles selbst gemacht, mit ein bisschen Beratung. Beim Fernsehen ist die Autonomie eingeschränkt, was in der Natur der Sache liegt: Du musst Dich mit Redaktionen abstimmen, hast Gäste, in der Anstalt die Dialoge. Und wenn Du mal dieses ganze Drumherum nicht mehr hast und dann auf der Bühne stehst, vor Deinem Publikum . . .

. . . das auch nur wegen Ihnen gekommen ist . . .

Barwasser: . . . ja, das ausschließlich Deinetwegen gekommen ist . . . das ist eine ganz andere Situation und ganz einfach schön. So richtig auf Tour war ich das letzte Mal vor dem Film, 2007. Es war auch gut, mal zu pausieren, aber jetzt habe ich es einfach nicht mehr ausgehalten. Ich brauch' das. Mir hat das sehr gefehlt.

Pelzig ist ein Würzburger Kind – warum feiern Sie nächsten Dienstag, am Maifeiertag, die Premiere des Programms ausgerechnet in Bamberg?

Barwasser: Aus Tradition. Ich hatte alle meine Premieren in Bamberg. Mit dem Marionettentheater und unserer Bühne „Palais Schrottenberg“ fing ja alles an, in Bamberg liegen viele Wurzeln. Mein allererstes Kabarettsolo hatte ich in Bamberg, vor Gewerkschaftsfrauen.

Vor Gewerkschaftsfrauen?

Barwasser: Ja, das war am 8. März, internationaler Frauentag, und ich habe ein Solo geschrieben für die Frauen. Tja, mein Gott, heute würde ich das anders machen, aber damals war es so (er lacht). Es war mein erster Kabarett-Soloauftritt mit einem selbst geschriebenen Programm. Bamberg, 8. März 1985.

Da gab es den Pelzig noch gar nicht, oder?

Barwasser: Nein, der wurde später in Würzburg geboren. Aber vorher hatte ich ein Typenkabarett mit vielen Figuren. Da war ein Typus dabei, aus dem dann später der Pelzig hervorgegangen ist. Der war extrem rustikal, im Grunde genommen war es eher ein Hartmut als ein Pelzig (er lacht).

Erwin Pelzig auf Tour

Der aus Würzburg stammende Kabarettist Frank-Markus Barwasser geht mit seinem Erwin Pelzig nach fünf Jahren erstmals wieder auf Tour. Mit seinem neuen Programm („Pelzig stellt sich“) gastiert er am Donnerstag, 20. September, um 20 Uhr in den Veitshöchheimer Mainfrankensälen. Karten: Tel. (09 31) 37 23 98 und im Internet www.adticket.de. In der Aschaffenburger Stadthalle spielt Pelzig am Sonntag, 23. September, um 17 Uhr, Karten: www.eventim.de. Seine Gastspiele am 8. Juni in Veitshöchheim und am 9. Juni in Schweinfurt sind ausverkauft. Weitere Tour-Termine: www.pelzig.de

Hier finden Sie ein Porträt Barwassers

Hier kommen Sie zum Porträt Priols


 

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