Würzburg

Persistence-Tour: Hardcore, Punk und die gemeinsame Sache

Acht Bands auf Tour und 900 wilde Fans lassen sie Wände der Posthalle in Würzburg gehörig wackeln. Warum Aggression und Wut durchaus gesellschaftlich relevant sein können.
Eine Legende auf der Persistence-Tour: Gitarrist Vinni Stigma mit der Hardcore-Band Agnostic Front. Foto: Silvia Gralla

Sollte die Würzburger Posthalle jemals, was ein hoffentlich existierender Kultur-Gott verhindern möge, abgerissen werden: Dann fahrt, wenn ihr's nicht lassen könnt, noch einmal diese Persistence Tour auf und pfeift auf Dezibel-Beschränkungen. Gründlicher als Gorilla Bisquits, Agnostic Front, Street Dogs und Co können keine Bagger dieser Welt sein. Acht Hardcore- und Punk Bands dieses Kalibers sind Abriss pur. Da gibt es auch mit abgeriegelter Lautstärke schon ein bisschen Bruch im Beton.

Harcore mit besonderer Band-Vita: die Gorilla Bisquits um Sänger Anthony Civarelli und Gitarrist Walter Schreifels. Foto: Silvia Gralla

Wenn dann noch 900 Fans wie die Wilden toben, eh. Die Musik lebt von Energie, Wut und Aggression. Die Szene ist eine Familie. Die Bands machen nicht einfach ihr Ding, da tauchen immer wieder Mitglieder der anderen Kapellen auf der Bühne auf, singen mit, animieren das Publikum. Sie eint der Zorn, aber auch der Geist, für eine gemeinsame Sache einzustehen: gegen Establishment, gegen Rassismus, gegen Diskriminierung, gegen Kommerz; für Freiheit, für Respekt, für Chancengleichheit, dafür, dass Menschen einfach Menschen sind.

Ein Album reicht für jahrelanges Touren

Anthony Civarelli bringt's auf den Punkt: "Black or white, christian or jewish, gay or straight - this meens nothing to me. We are one race." Und dann räumen seine Gorilla Bisquits ab, drehen einen Circlepit nach dem anderen durch die Menge. Schon erstaunlich, was die Jungs da abliefern, mit ihrer etwas anderen Bandhistorie. 1989 ein einziges Album rausgebracht, danach aufgelöst, 2005 für eine Benefiz-Geschichte wiedergefunden und seitdem mehr oder weniger regelmäßig live zu sehen, mit nach wie vor nur diesem einen Album und, o.k., zwei EPs. Da wird natürlich fleißig gecovert, aber immer in der ureigenen Gorilla-Variante des New-York-Harcores. Energetisch, aber deutlich melodischer als der ihrer Stadt-Kollegen von...

"Black or white, christian or jewish, gay or straight - this meens nothing to me. We are one race."
Anthony Civarelli, Sänger der Hardcore-Band Gorilla Bisquits

... richtig: Agnostic Front. Seit Anfang der Achtziger - mit einer kurzen Unterbrechung - wüten Leadgitarrist Vinnie Stigma und Shouter Roger Miret mit dem erst in den letzten Jahren personell konstant gewordenen Quintett. Harcore-Punk und jede Menge Oi! aus alten (linken) Skinhead-Tagen - eine explosive Mischung, Mitten in die Fresse, sozusagen. Da reichen 40 Minuten, denn die in die Jahre gekommenen Herrschaften hüpfen über die Bühne, als wären sie noch Mitte 20. "My Life, my Way", "Crucified", "The Eliminator" - Klassiker. Und die älteren Fans im Saal bekommen Gänsehaut, wenn auch die Jungen bei "Gotta go" mitsingen: "Two sounds of a Revolution..."

Aus Fans werden Familienmitglieder

Der Mitsingfaktor - ein ganz wichtiges Element von Harcore, Punk und Oi!, schließlich geht es ja vornehmlich um Zusammenhalt. Wenn alle gemeinsam einen Refrain grölen, werden auch die Fans zu Familienmitgliedern. Den Mechanismen aus Fußballstadien bedienen sich da ganz ungeniert die Street Dogs. Die Jungs mit den Polos und Schiebermützen kommen zwar auch aus den Staaten, klingen aber wie eine rotzige, britische Eck-Pub-Combo, die am Sonntag nach dem Match "Ole, ole, ole" anstimmt. Das funktioniert auch in Würzburg bestens, zumal Sänger Mike McColgan das Bad in der Menge genießt, mit pogt und selbst noch nach dem letzten Ton über die Hände der Fans surft.

Street-Dogs-Sänger Mike McColgan surft über den Köpfen des Publikums. Foto: Silvia Gralla

Da können Einige im Publikum noch so finster drein schauen und schwerstens tätowiert sein, das sind am Ende über sechs Stunden ausgelassene und friedliche Party. Nur ein Geheimnis wird den Inner Circle der Szene wohl nie verlassen: Warum es stimmungszuträglich sein soll, halbvolle Bierbecher lieber in die Luft zu schmeißen, als oral zu leeren.

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