WÜRZBURG

Peter Simonischek und die Langeweile

Behutsam, als wolle er einen scheuen Vogel fangen, geht Peter Simonischek auf das Metronom zu, das mit jedem „Tick“ zeigt, wie die Zeit vergeht. Ganz vorsichtig greift der Schauspieler mit beiden Händen zu und stoppt das Gerät. Die Lebenszeit verrinnt trotzdem. Unerbittlich. Und eigentlich ist es ganz schön deprimierend, was der renommierte Schauspieler und die Musicbanda Franui zum Würzburger Mozartfest bieten.

Denn eigentlich dreht sich der mit „Ennui – geht das immer so weiter?“ betitelte Abend um die Vergänglichkeit. Um die Vergänglichkeit, die dem Menschen besonders dann bewusst wird, wenn die Langeweile, die große Leere, zuschlägt.

Peter Simonischek, bekannt aus dem Film „Toni Erdmann“, rezitiert Texte zum Thema von Alberto Moravia, Soren Kierkegaard, Ernst Jandl, Arthur Schopenhauer und anderen Denkern (Zusammenstellung: Andreas Schett).

Wobei: „Rezitieren“ ist das falsche Wort für das, was der Burgschauspieler auf der Bühne des Mainfranken Theaters fertigbringt.

Der 71-Jährige macht aus den Textschnipseln kleine Dramen, kleine Komödien. Mit seiner Stimme. Mit seiner Mimik. Mit seiner Ausstrahlung. Dass er den hohen Hocker verlässt, wie in der Metronomszene, ist die Ausnahme.

Dunkle Stille im Saal

Wenn es dann um die Unfähigkeit geht, Ruhe zu ertragen oder um die Langeweile als Triebfeder der Geschichte oder um Parallelen zwischen Papst Benedikt XVI. und James Bond 007 (gleiche Quersumme), breitet sich manchmal dunkle Stille aus im gut besuchten Saal. Dann weicht die Betroffenheit befreitem Lachen – über unsere groteske Welt und die Surrealität des Lebens. „Die meisten Menschen fahren mit einem Kopfschütteln in die Grube“ sagte Simonischek im Interview mit dieser Redaktion. Diese Kombination aus Morbidität, Ironie und ungläubigem Staunen beschreibt die Stimmung des Abends sehr gut.

Dass es bei „Ennui“ grundsätzlich munter zugeht, liegt auch an der Musikauswahl. Da werden etwa Stücke von Erik Satie gespielt und John Cage. Sogar Mozart klingt in den kreativen Franui-Versionen, als habe er im 20. Jahrhundert gelebt. Was auch an der ungewöhnlichen Besetzung des Ensembles liegt – neben viel Blech hört man Zither, Hackbrett, Violine. Und: Es wirkt, als sei die Musik eigens für die Texte geschrieben worden, was natürlich nicht so ist.

Jubel und Bravorufe für einen großen Schauspieler und ein unglaubliches Ensemble. Unglaublich gut.

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