Würzburg

Prophezeiungen aus den Tiefen des Würzburger Bockshorns

„Was hast du damals gemacht, als die Polen überfallen worden sind?“, hat Kabarettist Severin Groebner einst seinen Opa gefragt. Seine Enkel werden fragen: „Opa, was hast du damals gemacht, als das Eis von den Polen geschmolzen ist?“. Foto: Ivana Biscan

Wenn andere Urlaub machen, verreisen oder ins Freibad gehen, setzt sich Mathias Repiscus in den Keller. In diesem Sommer jedenfalls verbrachte der Chef des Würzburger Bockshorn mehrere Wochen im Untergrund. Es galt Regie zu führen: Severin Groebner, exilösterreichischer Kabarettist, hatte weit, weit in die Zukunft geblickt und malte sich für sein neues Programm die denkbarsten und undenkbarsten Szenarien aus. Jetzt galt es, die Prophetien und Hirnspinnereien in bühnentaugliche Form zu bringen.

Also stiegen Groebner und Repiscus hinab und strafften die fünfeinhalb wahrscheinlich unwahrscheinlichen Zukunftsoptionen in zuschauerkompatible 90 Minuten. Das Ergebnis: „Gut möglich“. Jetzt war es nach der Premiere in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft am Ort des Probens und Inszenierens zu erleben: Unterfranken-Premiere eines Programms, bei dem Severin Groebner schwarzhumorig mit der neuen Lust an unserem schlechten Gewissen spielt.

Denn, wie sagt der selbsternannte Klugscheißer und deutscheste Wiener, der mit 50 Lebensjahren auch noch ein paar Jährchen vor sich hat, doch? „Der Klimawandel, der macht Angst, mittlerweile sogar den Erwachsenen.“ Wie sieht die Zukunft also aus? Im Amsterdamer Museum müssen die Sonnenblumen von van Gogh nicht mehr gegossen werden, die Akustik der Elbphilharmonie ist bei Händels Unterwassermusik großartig und Karriere macht man nur noch, wenn man Wasserbau und Hydrotechnik studiert hat. „Neun der zehn reichsten Lebewesen sind Biber, keiner davon heißt Justin.“

„Die hungernden europäischen Migranten werden nach Afrika ziehen, wo sie vor der Küste von den Grenzschutztruppen der Afrikanischen Union in Lager gesteckt werden. Es gibt aber auch Afrikaner, die das unmenschlich finden – und die unterschreiben dann eine Petition.“
Severin Groebner über die Lage, wenn Grönland schmilzt, Europa untergeht und die Sahara grün wird.

Wie am besten untergehen? Bankrott, berühmt, bescheuert, bekehrt oder gleich beerdigt? Groebner ist kein Mann fürs Grobe, sondern fürs Kluge – und ziseliert und bohrt mit seinem fünffachen Blick ins Futur entlarvend am Präsens herum. Weil: „Keine Zukunft ohne Herkunft.“

Nur der große allwissende Algorithmus, der irgendwann alles bestimmt, hat nichts zum Lachen, weil er alle Witze schon kennt: „Humor funktioniert nur mit einem menschlich unfertigen Gehirn“, philosophiert der intellektuelle Phantast Groebner bei seinen Apokalypsen.

Apropos, alt ist, wer heute noch 81 Schimpfworte für Tintenstrahldrucker kennt. Und vor den Enkeln, prophezeit der Zukunftsvorhersager, wird man Rechenschaft ablegen müssen für die Miles-and-More-Karte und weil man nicht verhindert hat, dass Andreas Gabalier 2020 die Macht übernahm.   Kurzum, Fazit nach einem intelligent versponnenen und wohltuend straffen Programm: Die Zukunft ist nicht nur finster, sondern auch düster – aber herrlich komisch!

Und der Bockshorn-Intendant wird wieder wochenlang in den Keller gehen. 2020, egal wer dann die Macht hat, kommt Mathias Tretters neues Programm auf die Bühne – unter Repiscus-Regie.

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