WÜRZBURG

Rebellen mit E-Gitarren beim Hafensommer

Ungewöhnlich: Tinariwen beim Hafensommer
Ungewöhnlich: Tinariwen beim Hafensommer Foto: Thomas Obermeier

Woher sie kommen, ist offensichtlich. In weiten Umhängen stehen die sieben Musiker auf der Bühne, verschleiert mit Cheches, den Turbanen, die alles bedecken außer den Augen. In der Wüste schützen sie vor Sonne, Sand und Stürmen. In Würzburg verweist die Kluft auf Kultur und Herkunft: Hier spielen Tuareg, Musiker, die mit E-Gitarren Klang und Rhythmus der Sahara weitertragen in die Welt.

Es ist der (nord-)afrikanische Abend beim weltoffenen Hafensommer, der sich Entdecker-Festival nennt. Und Tinariwen, die Tuareg-Musiker, waren tatsächlich – trotz Africa Festival – noch nie in Würzburg zu erleben. Am Freitag aber überziehen Wüstenklangwellen den Alten Hafen.

Zupflaute und Djembé, die mit Ziegenfell bespannte Blechtrommel, haben Tinariwen mit E-Gitarren und Bass vermählt, traditionelle Melodien mit Rock und Blues gepaart. Seit über 35 Jahren gibt es das Ensemble schon, über die Sahara-Grenzen hinaus bekannt ist es als bedeutendste Tuareg-Band seit einem Auftritt beim Wüstenfestival in Mali vor 16 Jahren. Tinariwen sind musikalische Rebellen, die (inzwischen nur noch) mit elektrischen Gitarren statt Gewehren gegen die Unterdrückung der landlosen Nomaden im Krisengebiet zwischen Mali, Algerien, Niger und Libyen kämpfen.

Rau und zart zugleich

Kraftvolle, hypnotisierende Stücke, trancehafte Beats, treibend, polyrhythmisch, stoisch, erdig – die Musik von Tinariwen erzählt von Einsamkeit und physischer Entbehrung, vom Ausgeliefertsein und von weiten Wegen. Auf Tamaschek, ihrer Sprache, singen sie über Freiheit und Sehnsucht, Krieg und Einigkeit. Und auch wenn die (allermeisten der) über 600 Zuhörer auf der Hafentreppe die Texte nicht verstehen mögen – die musikalische Sprache erreicht alle.

So wie zuvor Emel Mathlouthi, Sängerin aus Tunesien, ins Innerste getroffen hatte. Mit reibenden, sägenden, schabenden elektronischen Klängen, treibenden Rhythmen von Schlagzeug und Keyboard und vor allem: mit innig-intensivem, betörendem, wehklagendem Gesang. Rau und zart zugleich, singt die junge Tunesierin an gegen Terror, erhebt die Stimme für die Unterdrückten – und beweint die vielen Kinder auf der Flucht. Beklemmend, drängend – und universal.

Denn Mathlouthi wie Tinariwen machen – trotz deren majestätisch verhüllender, bunter Wüstengewänder – alles, nur keine Folklore. Ihre Musik hat nichts Romantisches, nichts Verklärendes, ihr Auftritt ist keine Pose. Bandgründer Ibrahim Ag Alhabib verbirgt unter Turban und Schleier, so heißt es, 19 Schusswunden. Dunkle Bässe, archaischer Groove, repetitive Muster über wenige Akkorde – nach ein, zwei Songs und herzlichen „Dank'schön“s des Bandleaders haben die Wüstenmusiker das Publikum eingenommen.

Ein intensiver Abend – und ein musikalisch wie politisch wichtiger bei diesem Hafensommer. Am Ende, unter viel Applaus, scheint es fast, als würde die Bühne nicht im Mainwasser schwimmen, sondern auf Sanddünen stehen.

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